Ein Blogger weniger

Ueli Haldimann bloggt nicht mehr. Nach vier Jahren, 100 Beiträgen und 6000 Kommentaren teilt der Fernseh-Chefredaktor mit: «jetzt ist Schluss». Und zum Abschied sagt er nicht einfach leise Servus, sondern verteilt Zensuren. «Insbesondere Journalisten haben nie begriffen was ein Blog ist», schreibt er in seinem letzten Eintrag. Dabei sei ein Blog, doziert Haldimann, ein «Ort, wo der Blogger persönliche Erfahrungen und Erlebnisse publiziert und damit (wenn möglich) eine Diskussion auslöst. Doch von Beginn weg wurde jeder Gedanke von mir, jede hingeworfene Bemerkung als offizielle Äusserung des Schweizer Fernsehens wahrgenommen und breitgeschlagen.»

Zweimal, moniert Haldimann, hätten es seine hingeworfenen Bemerkungen auf die «Blick»-Frontseite geschafft. Und dieses Problem werde sich noch verschärfen, wenn er ab 1. Oktober Fernsehdirektor sei.

Ja was denn nun, Herr Haldimann: Diskussionen auslösen, aber bloss nicht so, dass man etwas davon merkt? Oder hat er einfach nie begriffen, dass der kleine Blogger Haldimann und der grosse Fernseh-Chef Haldimann untrennbar ein und dieselbe Person sind?

Dabei hat Haldimann in seiner langen journalistischen Karriere genügend Erfahrung damit gemacht, wie man eine hingeworfene Bemerkung, einen aus dem Zusammenhang gerissenen Satz, ein nicht für die Öffentlichkeit bestimmtes Gespräch auf der Frontseite und in der Primetime breitschlägt, um Auflage und Zuschauerzahlen zu steigern.

1997 hatte er zum Beispiel als Chefredaktor der «Sonntagszeitung» die «verkürzte Darstellung und ungenügende Einordnung» eines vertraulichen Strategiepapiers des damaligen Schweizer Botschafters in den USA zu verantworten. Die «Sonntagszeitung» hat die Ansichten des Botschafters damit «auf unverantwortliche Weise dramatisiert und skandalisiert». So urteilt nicht etwa eine neidische Konkurrenz, sondern der Presserat.

Haldimann hat ebenfalls wenig Skrupel, wenn seine Dokumentarfilmer im Nationalratssaal Tonaufnahmen machen, von denen nicht alle Betroffenen wissen. «Ein bisschen in die Mechanik einer Bundesratswahl hineinleuchten» reicht Haldimann als Grund, um private Politiker-Gespräche am Schweizer Fernsehen öffentlich zu machen.

Unzimperlich war das Schweizer Fernsehen unter Chefredaktor Haldimann schliesslich, als die Praxisassistentin eines Schönheitschirurgen beim privaten Plaudern mit einer Patientin ins Fadenkreuz der versteckten Kamera geriet. Selbst wenn man zugesteht, dass es verdeckte Methoden als «ultima ratio» braucht, um schönheitschirurgische Missstände aufzudecken, ist die Blossstellung einer absoluten Nebenperson vor der ganzen Fernsehnation ein unverzeihlicher Fehler.

Im Vergleich dazu ist unerhört harmlos, was Haldimann und seinem Blog von Journalisten widerfahren ist. Denn immerhin war sich der kleine Blogger Haldimann stets bewusst, dass er seine hingeworfenen Bemerkungen in die weite Internet-Welt hinausposaunt, wo alle ihn hören können. Und dass der grosse Fernsehchefredaktor – pardon, Fernsehdirektor – Haldimann dafür geradestehen muss.

Edgar Schuler ist Redaktor am «Tages-Anzeiger». Was er hier schreibt, ist seine persönliche Meinung (ja, wirklich nur seine rein persönliche Meinung).

von Edgar Schuler | Kategorie: Mediensatz

1 Bemerkung zu «Ein Blogger weniger»

  1. Walter Buchs:

    Es ist das übliche: Die grössten Kritiker der Elche waren früher selber welche.

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