Auf der Suche nach der Leidenschaft

Hartnäckig hält sich das Lamento über die Verflachung des Journalismus. Leidenschaftslos, glattgebügelt und austauschbar kämen sie daher, die Beiträge des real existierenden Medienschaffens, beklagen Praktikerinnen und Theoretiker immer wieder wortreich. Dort, wo sie hingucken, mag die düstere Diagnose durchaus zutreffen. Unter Spar- und Produktionsdruck entsteht bestenfalls Massenware, die zwar ihren Absatz findet, weil sie jenes mediale Grundrauschen erzeugt, das als Soundtrack zum «Always-on»-Lifestyle für viele unverzichtbar geworden ist. Beim oberflächlichen Absurfen der Weltnachrichten auf dem iPhone erwartet niemand edel getexteten und bebilderten Stoff. Fast Food reicht in solchen Momenten vollauf; nicht anders, als wenn wir uns mittäglich schnell und billig verköstigen und dabei geringere Anforderungen an die Nahrungsaufnahme stellen als beim gepflegten abendlichen Dinieren.

Wirklich lamentabel wäre der Zustand des Journalismus jedoch erst dann, wenn in jeder Lebenslage nur noch Schnellfutter serviert würde. So ist es aber nicht. Was sich geändert hat, sind lediglich die Orte, wo höherwertige Produkte angeboten werden. Um beim kulinarischen Bild zu bleiben: An den traditionsreichen Adressen erlauben es die rationierten Zutaten den Köchen nur noch selten, Inspiriertes abzuliefern. Zum Glück braucht aber ein guter Koch nicht zwingend ein renommiertes Haus, um gut kochen zu können. Einen kleinen Kreis von Freunden und Liebhabern der gepflegten Küche zu bewirten, bringt oft die grössere Befriedigung – auch für die Bekochten.

Wer Journalismus mit Leidenschaft ausübt, sucht und findet seine Plattformen fernab der industriell bewirtschafteten Kanäle. Zwar lässt sich dort nicht das grosse Geld machen, dafür existieren aber Freiheiten, die die renditeoptimierte Newsroomkultur den Medienschaffenden nicht gewährt. Die Massenmedien, sei es Presse, Radio oder TV, funktionieren mit wenig flexiblen Formen und Vorgaben. Das ist nicht falsch, schliesslich wollen sie ein möglichst breites Publikum ansprechen. Mittelmass und Kompromisse sind die logische Folge.

Das Gegenteil davon entsteht, wenn gestandende Berufsleute ihr Feld für einmal beackern können, nahezu wie ihnen beliebt. Zu geniessen gibt es solche journalistische Höhenflüge, um nur ein Beispiel zu nennen, im jungen Magazin «zwölf», das Fussballgeschichten aus der Schweiz erzählt und nicht nur rapportiert und analysiert. Die Journalisten, im Alltag Sportredaktoren, Fernsehkorrespondenten und Filmkritiker, laufen auf der «zwölf»-Spielwiese regelmässig zu Hochform auf. Sie kommen überraschend nah an die Akteure heran, ohne sich kumpelhaft anbiedern zu müssen. Und die Gesprächspartner wissen es offensichtlich zu schätzen, wenn ihnen Medienschaffende für einmal intimer begegnen als bei den Standardsituationen am Spielfeldrand oder an der Pressekonferenz. Nur: Es braucht auch das Mittelmass, damit solche Publikationen herausragen können – als permanente Erinnerung daran, was Journalismus auch noch sein könnte.

Nick Lüthi ist Chefredaktor des Medienmagazins «Klartext».

von Nick Lüthi | Kategorie: Mediensatz

11 Bemerkungen zu «Auf der Suche nach der Leidenschaft»

  1. Fred David:

    Schön, dass mal wieder jemand Journalismus mit Leidenschaft in Verbindung bringt.

    Scheint etwas Altmodisches zu sein: Leidenschaft ist uncool.

    Leidenschaft lernt man nicht an Journalistenschulen und schon gar nicht an der Uni. Dort wird sie den Leuten ausgetrieben. Leidenschaft muss man mitbringen. Dass Journalismus ausserdem mit Lust an der Sprache zu tun hat, ist verbotenes Denken.

    Natürlich eignen sich nicht alle Themen, mit Leidenschaft angegangen zu werden. Es sind nur wenige, die das ertragen. Aber ganze Zeitungen durchzublättern, ohne auch nur auf einen Funken von journalistischer Leidenschaft zu stossen, stattdessen überall auf graue, abgerundete Routine, auf Allenallesrechtmach-Journalismus, langweilt denn doch kolossal.

    Es ist alles irgendwie erwartbar. Trouvaillen abseits des mainstreams werden immer seltener. Und mit Trouvaillen meine ich nicht Wochen-Newsli, wie sie die Sonntagszeitungen in einer geklonten Gleichförmigkeit produzieren, am liebsten mit irgendwelchen Interviewlis, in denen irgendwelche Interessenvertreter ihr intressengebundenen Newsli deponieren dürfen. Gääähn.

    Hallo! Eine MARKTLÜCKE! Eine riesige!

    Aber wie füllt man die?

    Eben, mit mehr Liedendschaft.

    Und wo kriegt man die her?

    In dem man jungen Journalisten wieder erlaubt, Leidenschaft für ihren Beruf zu entwickeln.

    Das fängt bei der Themenwahl an. Themen, die nicht alle wie auf Kommando zur gleichen Zeit in der gleichen Manier durchkauen. Man muss sie halt suchen, die kommen nicht einfach übers web hereingeschwirrt.

    Da muss man schon RAUSGEHEN.

    Als Chefredaktor würde ich als erstes den Spesenetat erhöhen, aber nicht für Fressgelage mit angeblichen Informanten, sondern für Themensuche in unwegsamem, unbequemem Gelände, wo nicht jeder hinkommt.

    Kurz: Die reale, spannende Welt wieder entdecken.

    Die ist nicht virtuell.

  2. Fred David:

    Noch ein Nachtrag: Wenn wir schon bei Leidenschaften sind, sollten Journalisten und Medienkonsumenten vielleicht mal über die leidenschaftliche Rede von Bundesrat Ueli Maurer vor den Schweizer Verlegern diskutieren. Die gescholtenen Verleger lachten herzlich über die Bonmots und applaudierten artig.

    Ein Kernsatz in Maurers Rede heisst:“Die Medien sind die Kurtisanen der Macht.“

    Eine Kurtisane war gleichbedeutend mit einer Maiträsse: die offiziell anerkannte Staatshure eines Fürsten.

    Das muss man sich mal ein wenig auf der Zunge zergehen lassen. Ueli Maurer ist ja auch ein Teil der Macht.

    Welche Kurisanen hält er sich denn? Da fielen einem vielleicht ein paar Namen ein.

    Aber vielleicht hat er ja Recht? Jedenfalls wäre das hier eine leidenschaftliche Debatte wert.

    @)Martin, wie wäre es, wenn du hier per link den Redetext Maurers dokumentierts, damit man eine Diskussionsgrundlage hat? Könnte sich lohnen.

    Denn sonst diskutieren Journalisten nicht über sowas. Die wischen das lieber schnell weg. Sollte man nicht zulassen.

    Wäre ja auch mal interessant hier zu lesen, was Medienkonsumenten davon halten.

  3. Fred David:

    @) Danke, mds.

    Da steckt ja doch einiges an Zunder drin. Eigentlich können Journalisten das nicht einfach so auf sich sitzen lassen wie die Verleger.

    Oder kann man sie einfach öffentlich ohrfeigen – und es löst keine Reaktion aus ausser ein paar flapsigen Kurzkommentaren?

  4. Bobby California:

    Fred > Es wäre an sich interessant, über das Thema zu diskutieren – wenn es nicht von Ueli Maurer angeschnitten worden wäre, einem der verlogensten Politiker überhaupt. Wie so oft, wenn sich Politiker in Medienschelte ergehen, ist auch Maurers Rede reichlich undifferenziert und unbedarft. Da schalte ich automatisch auf Durchzug.

    Politiker können ja naturgemäss gar nicht an kritischer Berichterstattung interessiert sein. Wenn ein Politiker wie Maurer eins ums andere Mal die sogenannten «Mainstream-Medien» und das angebliche «Staatsradio» kritisiert, schüttelt es mich, und es läuten bei mir alle Alarmglocken. So eine Rede kann man getrost kübeln und vergessen!

  5. Fred David:

    @) Bobby California: Das ist mir jetzt zu wenig. Es geht nicht drum, Ueli Maurer zu mögen oder nicht.

    Aber die „Kurtisanen der Macht“ (wobei ich meine: der wirtschaftlichen Macht, die ist in der Schweiz viel wichtiger als die politische) lohnen schon, näher hinterfragt zu werden.

    Und was das „Staatfernsehen“ anbelangt: Das kann Maurer zugunsten seiner Argumentation anführen. Wenn ein Bundesrat bestimmen kann, wer an der „Arena“ teilnimmt, und vor allem: wer nicht (was Didier Burkhalter gleich zu Beginn tat, und man liess ihn gewähren): Das hat in meinen Augen schon etwas mit Prostitution zu tun.

    Man ist käuflich, auch wenn kein Geld fliesst.

    Auf Deutsch übersetzt heisst Maurers Kernfeststellung von den Kurtisanen ja auch: Schweizer Journalisten verdienen ihr Brot häufig mit Prostitution.

    So etwas kann einem eigentlich nicht kalt lassen, egal aus welcher Ecke der Vorwurf kommt.

    Wir sind bei diesem Blog-Beitrag ja von „Leidenschaft“ im Journalismus ausgegangen. Dazu gehört es, die eigene Position zu hinterfragen, aber auch, die eigenen Interessen notfalls laut zu verteidigen.

  6. Bobby California:

    Fred > Richtig – es geht auch mir nicht darum, ob man Ueli Maurer mag (ich mag ihn nicht). Ich kann einfach mit so einem pauschalen Rundumschlag nichts anfangen. Da bleiben zuviele Fragen offen: Welche Medien zählt denn der Verteidigungsminister zu den «Mainstream-Medien»? Alle ausser der Weltwoche? Wenn uns Ueli Maurer wenigstens ein paar Beispiele geliefert hätten, dann wüssten wir wenigstens, wer die Schuldigen sind.

    Natürlich müssen die Medien kritisch sein, natürlich sind sie oft zuwenig kritisch, vor allem in Wirtschaftsdingen, das hast Du an dieser Stelle immer wieder brillant aufgezeigt. Nur: Wenn der Vorwurf, wir seien zuwenig kritisch, aus dem Mund eines Ueli Maurer kommt, muss man einfach misstrauisch sein. Da steckt eine politische Agenda dahinter. Aber Maurer hält sich diesbezüglich bedeckt. Vermutlich gehts in die Richtung, dass Ueli Maurer findet, alle Medien (ausser der Weltwoche) seien links unterwandert, vor allem die SRG, deshalb brauche es ein nationales, privates Fernsehen.

    Doch bisher brillierten die privaten Fernsehanbieter eher mit saublöden Reality-Shows als mit journalistischer Qualität.

    Und die Köppel-Ausladung lasse ich nicht gelten als Beleg für die Staatsfernseh-These. So what, jetzt wurde er halt ausgeladen, er kann sich ja andernorts schon mehr als genug publizistisch austoben.

  7. Leidenschaftlicher Journalismus – wo kann ich meine Bewerbung hinschicken??

    Wo – ausser bei den Kollegen vom Sport, die wieder mal schneller sind als die „Politischen“ – sind die Spielfeldwiesen für gehaltvolle Artikel, Hintergrundreportagen, Recherchier-Glanzstücke? Nach der Diagnose des kränkelnden Patienten sind nun sachdienliche Hinweise erbeten zur Kur.

  8. Fred David:

    @) Tja, André Marty: Wo?

    Hier im medienspiegel haben wir schon öfter mal die Variante eines völlig neu gemodelten „Bund“ durchgekaut. Der hätte das Zeug dazu.

    Bern wäre ein guter Standort für Neues (obwohl viele Berner da vermutlich gerade furchtbar zusamnmenzucken), zumindest im Medienbereich stimmt’s.

    Der Medienmoloch Zürich wirkt irgendwie vor lauter Routine total ausgelaugt. Da kommt nichts mehr, von dem man sagen würde: That’s it! Yes, they can!

    („20 Minuten“ sei davon ausgenommen; aber das ist ja nun auch nicht gerade das, worauf die Welt sehnsüchtig gewartet hat).

    Leidenschaft ist nicht an Orte, sondern an Personen gebunden, die halt auch einmal sagen müssen (in Ausnahmefälle ist auch Brüllen erlaubt): Schluss jetzt, mit dem Quatsch! Wir können auch anders! Wir sind keine Kurtisanen! Zumindest nicht immer!

    Aber: Man hört fast nur Schweigen.

  9. Skepdicker:

    Ueli Maurer wurde über Jahre von Journalisten belächelt und/oder gehasst (das ist eine positive Aussage von mir, keine normative oder gar moralisierende). Seit er Bundesrat ist, fassen ihn plötzlich seine ärgsten Basher mit Samthandschuhen an. Viele Journalisten schreiben nun sogar wohlwollende Artikel über seine Arbeit im VBS. Warum? Weil sie eben Kurtisanen der Macht sind.

    Dieses Phänomen zieht sich durch (fast) den gesamten Mainstream (vielleicht Weltwoche und WOZ ausgenommen). Die Gründe dafür sind klar: Sobald man ein Exekutivmitglied kritisiert, wird man aus Veranstaltungen ausgeladen (siehe Köppel), einem wird (auch von Journalistenkollegen der „staatstragenden“ Presse) Populismus und/oder politischer Drall (so what?) vorgeworfen – und man verliert eventuell Zugang zu wichtigen Informanten in der Bundesverwaltung (z.B. durch Wegbleiben von gezielten Indiskretionen).

    Das führt letztlich dazu, dass in der Schweiz nur krasse politische Fehlleistungen von Exekutivmitgliedern mediale Wellen werfen (z.B. die Fälle Merz oder Stocker – wobei sich im letzten Fall noch heute viele Journalisten auf Stockers Seite stellen, weil der Überbringer der schlechten Botschaft aus der „falschen“ Ecke kam). Ausserdem: Communiqués, Zahlen, Berichte und Aussagen von Pressesprechern der Bundesverwaltung werden in den meisten Fällen (fast) wörtlich übernommen und kaum je kritisch hinterfragt oder durchleuchtet.

  10. Bobby California:

    Skeptiker > Ueli Maurer ist ein denkbar schlechtes Beispiel für die Kurtisanenthese. Wenn Maurer von den Medien nicht mehr kritisiert wird, seit er als zweitbester Kandidat in die Regierung wegbefördert wurde, ist der Grund ganz einfach darin zu suchen, dass es über den Bundesrat Ueli Maurer nichts zu sagen gibt, weil er nichts anreisst. Wir erinnern uns: Ueli Maurer ist der Mann, von dem das Bonmot stammt, er müsse nur Neger sagen, um in die Medien zu kommen. Leider kann ein Verteidigungsminister nicht oft Neger sagen. Ergo fühlt sich Ueli Maurer jetzt von den Medien vernachlässigt. Deshalb von «Kurtisanen» zu sprechen, ist billig.

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