Obacht: Andacht!

Kein Schweizer Bankier wird in letzter Zeit häufiger und gläubiger zitiert und interviewt als Konrad Hummler. Für Journalisten ist er eine Instanz, die offenbar nicht zu hinterfragen ist. Im wirklichen Leben ist der Bankier ein Lobbyist eigener Interessen, war es immer schon, wenn er es früher auch geschickter verbarg.

Er darf das ruhig auch sein, aber den Lesern muss immer wieder gesagt werden, dass er das ist. Sonst entsteht womöglich der Eindruck, er sei Kardinalstaatssekretär für Bankangelegenheiten: die weltliche Stimme des Heiligen Tresors (der im Übrigen physisch existiert, acht Stockwerke tief unter dem Städtchen Olten, die grösste private Vermögensanhäufung der Welt, unter einer 3200 Tonnen schweren Betondecke).

Der Kardinalstaatssekretär

Hummler kann diese Rolle nur spielen, weil die Politik auf diesem Feld nach aussen kaum präsent ist. Und weil ihm viele Medien nahezu kritiklos Raum geben. Hummler ist Chef der ältesten Schweizer Bank, Wegelin & Co. in St. Gallen, zurzeit vor allem aber Präsident der Schweizer Privatbanken. Während der Lobbyverein des «Finanzplatzes Schweiz», die Bankiervereinigung, schmollend und mit eingezogenem Kopf im Schützengraben verschwunden ist, hält Konrad Hummler auf allen Kanälen und in allen Zeitungsspalten die Fahne hoch, seine Fahne, in seltsam aggressiver Pose.

Wie ein wild gewordener 68er

Während er früher der Politik väterliche Ratschläge erteilte, von einem Swiss City State schwärmte oder auch mal vorschlug, man solle aus dem Flugplatz Dübendorf eine Seenlandschaft für reiche ausländische Ansiedler schaffen, redet er heute vorzugsweise übers eigene Geschäft – und klingt dabei ziemlich nervös. Er geisselt – wie einst militante 68er – «die atemberaubende Doppelmoral der Amerikaner» (im «Landboten»), bezeichnet die USA auf tagesanzeiger.ch als «eine der weltweit aggressivsten Nationen» und prophezeit daselbst deren baldigen Abstieg in die Loser-Liga. Und sowieso: «Deutschland ist ein Unrechtsstaat» (in der «Weltwoche»), «die Franzosen bluffen» (in der «NZZ»). Was sonst?

Journalisten, die so etwas häufiger schrieben, würde man mal ziemlich laut ins Chefbüro zitieren, mit der Frage, was diese pemanenten ideologischen und undifferenzierten Rundumschläge eigentlich sollen.

Alle andern sind «aktionistisch»

Das alles nur, weil die dumme, böse Welt, angeführt und aufgehetzt von der «seit einiger Zeit aktionistischen OECD» (wie die «NZZ» ihrem Verwaltungsrat willig sekundiert), weil diese dumme, böse Welt also das Abfliessen von hunderten von Milliarden Schwarzgeld in die Schweiz und in andere Paradiese nicht mehr schweigend hinnehmen will. Hummler reist nicht mehr in die USA, aus Angst, verhaftet zu werden. So etwas hat kein linker Antiamerika-Aktivst je zustande gebracht. Und er räumt offen ein, seit eineinhalb Jahren von der UBS hastig abgesprungene US-Offshore-Kunden übernommen zu haben, von denen gewiss ist, dass sie im Fadenkreuz der US-Steuerfahnder stehen.

«Haben Sie geholfen, Geld vor den Steuerbehörden zu verbergen?» fragt der «Landbote» artig, und gibt sich mit der Antwort, bei der sich Hummler gefährlich weit aus dem Fenster lehnt, zufrieden: «Nein, das haben wir nicht.» Lieber wärmt der Privatbankier immer und immer wieder die Uraltidee einer «Abgeltungssteuer» auf, von der alle Insider wissen, dass sie so leicht zu umgehen ist wie die mit der EU vereinbarte Zinssteuer.

Windschiefe Analyse des Vordenkers

Das Verblüffende: In Interviews bleiben seine mitunter militanten Phrasen nahezu ausnahmslos unwidersprochen. Auch von intelligenten Interviewern.

Kein einziger Befrager konfrontiert ihn mit Aussagen aus früheren Gesprächen, zum Beispiel im Tages-Anzeiger (21.6.08), worin er in einer grundsätzlichen Analyse so arg daneben lag, wie man das keinem Politiker durchgehen liesse. Aber Bankiers, wenn sie denn die Kunst der Kommunikation beherrschen, haben in der Schweiz offenbar unbegrenzte Schonfrist.

«Keine Gefahr»

Im «Fall Birkenfeld» sah Hummler noch vor gut einem Jahr «keine Gefahr für das schweizerische Bankgeheimnis». Der ehemalige UBS-Manager Birkenfeld, keineswegs ein so unbedeutendes Rädchen, wie er heute gern klein gemacht wird, hatte sich der Beihilfe zur Steuerhinterziehung schuldig bekannt und damit der US-Justiz erst den Hebel in die Hand gegeben. Sie konnte damit den ausgedehnten und systematisch betriebenen Schwarzgeldhandel von Schweizer Banken gerichtsverwertbar offenlegen.

Die UBS musste in der Zwischenzeit – was leicht vergessen geht, weil es aus naheliegenden Gründen kaum erwähnt wird – die Erklärung unterzeichnen, schwerwiegend kriminell gehandelt zu haben. Eine Busse von über 700 Millionen Dollar in Cash wurde darauf fällig. Das ist gerade erst ein paar Monate her.

So eine Episode halt

Für Hummler waren die Vorgänge in den USA noch vor Jahresfrist Peanuts, halt «so eine Episode in einer Reihe von ganz vielen Episoden». Die Schweiz stehe «viel komfortabler» da als vor zehn Jahren. Und besser als alle anderen sowieso. «Das Bankgeheimnis ist nicht gefährdet, die Situation stabil». Kurz: «Viel Lärm um nichts».

Ermuntert durch solche «amtlichen» Aussagen des Quasi-Bankenstaatssekretärs titelte der «SonntagsBlick» frohgemut: «Wir sind das coolste Volk der Welt» (weil wir nicht doof wie alle andern von der Finanzkrise geschüttelt würden). Und auch «La crise n’existe pas» («Weltwoche») geht als Goldener Schuss des Jahrzehnts in die Schweizer Pressegeschichte ein (s. dazu auch hier). Solche Headlines und die damit verbundene unkritische Haltung gedeihen auf jenem Kunstdünger, den Konrad Hummler und viele seiner Mitstreiter bis heute laufend und mit Bedacht streuen.

Die Lord Siegelbewahrer schwitzen

Heute, 14 Monate nach der abgedrehten Analyse, ist alles anders. Das Bankgeheimnis ist faktisch erledigt, ebenso «The Golden Swiss Trick» (die rechtliche Unterscheidung zwischen Steuerhinterziehung und Steuerbetrug). Dennoch erhielt Hummler gerade eben von der Bilanz (28.8.09) ehrfurchtsvoll den Titel «Vordenker der Branche» übergestülpt – ohne jeden Hinweis auf seine gravierende Fehlbeurteilung in ureigener Sache.

Dabei stehen die Lord Siegelbewahrer des Finanzplatzes jetzt ziemlich kleinlaut mit dem Rücken zur Wand. Einige mussten dort von staatlichen Helfern hastig aus der Schusslinie geholt werden. Andere reagieren neuerdings ungewohnt aggressiv. Christan Rahn (Rahn & Bodmer) etwa: … «der wachsende Rechtsimperialismus der USA» … – das Wort Rechtsimperialismus muss man sich in diesem Zusammenhang auf der Zunge zergehen lassen! Oder Christof Reichmuth (Reichmuth & Co.): der schamlose «Beutezug der USA».

Wie wär’s mit etwas Emanzipation?

Von der Politik wird die Argumentation ebenso willig übernommen wie von den meisten Medien. Von «US-Beutezügen» schreibt auch die «NZZ» immer wieder (zum Beispiel am 1.9.09), als würden staatliche Freibeuter die Finanzmärkte heimtückisch terrorisieren. Das ist eine Irreführung der Bevölkerung. No go.

Wann emanzipiert sich der Schweizer Wirtschaftsjournalismus von diesen Abhängigkeiten, die bis hin zur zwiespältigen Wortwahl reichen? Wann leisten sich Schweizer Wirtschaftsjournalisten wieder eigene Meinungen (durchaus im Plural), die gerne auch von verordneten Staatsdoktrinen abweichen dürfen, die irgendwer einmal eingeführt hat, weil sie gut fürs Geschäft waren?

Ihre Leser jedenfalls tun es in den Leserbriefspalten, etwas weniger häufig online. Immer öfter im Detail sachkundig und fast immer offener, direkter, rückhaltloser und dennoch differenzierter als die Journalisten selber. Das müsste doch langsam zu denken geben – und ein paar neue Anregungen fürs nächste, hoffentlich nicht mehr so andächtige Interview mit den Herren Hummler & Cie. provozieren.

Fred David ist seit 40 Jahren Journalist (u.a. «Spiegel»-Redaktor, Auslandkorrespondent der «Weltwoche», Chefredaktor von «Cash»). Er lebt heute als freier Autor in St. Gallen.

von Fred David | Kategorie: Mediensatz

12 Bemerkungen zu «Obacht: Andacht!»

  1. Ein Wirtschaftsjournalist ist doch kein Experte, sondern derjenige, der das Stöckchen holt.

  2. Fred David:

    @) Chat Atkins: …um sich damit dann den Hintern versohlen zu lassen?

    Ist das so gemeint mit dem Stöckchen?

  3. mds:

    Nachfragen, mitdenken?

    Dafür fühlen sich Journalisten offensichtlich nicht zuständig, nicht nur im Bereich der Wirtschaft …

    Gestern machte beispielsweise eine Medienmitteilung von «Schweiz Tourismus» über den «Emmy»-Gewinn («begehrter Fernseh-Oscar») einer NBC-Dokumentation über St.Moritz («Travel Café») via SDA in den Schweizer Medien die Runde. Keiner einzigen Publikation fiel auf, dass die diesjährige «Emmy»-Verleihung noch gar nicht stattgefunden hat … die erwähnte Dokumentation erhielt zwar eine Art «Emmy», aber lediglich einen regionalen in Los Angeles, wie er knapp 1’000 Mal vergeben wird, von einem «begehrten Fernseh-Oscar» kann für diesen Mini-«Emmy» keine Rede sein. Daneben hielt es auch keine einzige Publikation für notwendig, auf den Werbecharakter von «Travel Café» hinzuweisen, obwohl die Sendung in der Vergangenheit bereits für Schleichwerbung gebüsst wurde. Hauptsache, man kann über einen «Emmy für die Schweiz» berichten!

  4. mds:

    Zurück zum Thema – Konrad Hummler wird im Ausland wesentlich anders wahrgenommen als in der Schweiz.

    Ein aktuelles Beispiel:

    «[…]

    “Switzerland has become a paradise for foreign capital on which tax is not paid. The uproar from foreign governments is understandable.” These are not the words of a critic of the banks, but of private banker Konrad Hummler. He says that around 30%, or CHF 1,000 billion, of the CHF 2,800 billion or so of foreign assets in Swiss banks is untaxed “black money”.

    Mr. Hummler probably knows as much about the topic of black accounts in Switzerland as anyone. His Bio:

    Konrad Hummler is managing partner of Wegelin & Co., private bankers, and has acted for many years as personal advisor to the chairman of the board of directors of the Union Bank of Switzerland (UBS). He serves as a colonel in the general staff of the Swiss Army.

    Mr. Hummler has put a number of nearly 1 Trillion dollars on the problem. This is much higher than any estimate that I have seen before.

    […]

    Mr. Hummler’s comments are unlikely to go unnoticed by the global taxing authorities. The idea that there is this much money waiting to be claimed by the host countries makes it certain that the attacks against Swiss banks will continue far into the future. Everyone will want their share of $1 Trillion.

    […]»

    Den vollständigen Text findet man unter http://brucekrasting.blogspot.com/2009/08/swiss-black-accounts-trillion-dollar.html , wobei sich der Blogeintrag auf einen Artikel in der «Schweizer Revue», der Zeitschrift der so genannten Auslandschweizer bezieht.

  5. Fred David:

    @) mds, danke für die interessanten Hinweise.

    In welcher Schweizer Zeitung lese ich aus offizieller oder auch nur offiziöser Quelle, dass auf Schweizer Bankkonten eine Billion Franken an Schwarzgeld liegt?

    Ich kann mich auch nicht erinnern, dies je aus dem Mund von Herrn Hummler gehört bez. gelesen zu haben.

    Warum schreibt niemand darüber?

    Eine Billion sind tausend Milliarden oder eine Million Millionen.

    Warum macht keine einzige Schweizer Zeitung eine Schlagzeile wie:

    Bankier Hummler :”1’000’000’000’000 Franken Schwarzgeld liegen auf Schweizer Konten”

    Oder habe ich das alles überlesen?

    Die wenigsten Schweizer haben eine Vorstellungen, um welche Dimensionen es hier geht.

    Wie ist eine derartige Desinformation in einem freien Land möglich?

    Warum lehnt sich kaum jemand gegen so etwas auf?

    Uebrigens lässt auch das erste von mds genannte Beispiel einem die Barthaare zu Berge stehen.

    Wie sind Desinformationen dieses Ausmasses möglich?

    Und es passiert nichts.

  6. Franko:

    Interessant, wo der Name Hummler sonst noch so fällt:

    http://www.woz.ch/artikel/2010/nr02/schweiz/18810.html

  7. Bobby California:

    Danke Franko für den Link. Interessant, welche Namen in dem Woz-Artikel sonst noch fallen. Sehr interessant. Also ist Stephan Seydels sattsam bekanntes Rebell-Teevau der Hofsender eines verschwurbelten, vage mit rechtsextremen Ideen flirtenden, autoritären, sozialstaatfeindlichen, selbsternannten Thurgauer Möchtegern-Monarchen? Das wusste ich nicht. Das finde ich jetzt aber hochgradig unappetitlich. Dass das Cabaret Voltaire diese strangen Thurgauer Umtriebe noch unterstützt, finde ich auch äusserst befremdlich. Sowas hätte ich vom urban-hippen Philipp Meier nicht erwartet.

  8. THE **REAL** BOBBY CALIFORNIA:

    PS: Jemand hat im Rebell-Teevau-Blog unter dem Namen «Bobby California» mehrere Kommentare zum Woz-Artikel geschrieben. Ich möchte festhalten, dass die mit «Bobby California» gezeichneten Kommentare im Rebell-Teevau-Blog NICHT von mir stammen (auch wenn ich mit dem Inhalt durchaus einverstanden bin). Jemand hat da MEIN Pseudonym usurpiert! Das ist eine Schweinerei! Ich würde nie einen Kommentar auf Rebell-Teevau hinterlassen. Den Leuten, die dahinterstecken, traue ich nicht (und seit ich den Woz-Artikel gelesen habe, weiss ich jetzt auch, warum man Rebell Teevau nicht trauen kann).

    Noch frecher ist, dass die Person, die auf dem Rebell-Teevau-Blog unter MEINEM Pseudonym Kommentare schreibt, auch noch MEINEN Kommentar, den ICH im Medienspiegel geschrieben habe, kopiert und als SEIN Werk ausgibt («Was der Sozialarbeiter Seidel… mir mit seinem selbsverliebten Informations-Wust sagen will, habe ich noch nie kapiert…»)

    Herr Pseudo-California: Hören Sie sofort auf mit dem Unfug! Es gibt nur einen echten Bobby California, und das bin ICH!

  9. Martin:

    @Bobby California: Rebell.tv kommt ziemlich wirr daher – da ist der WOZ-Artikel doch wesentlich übersichtlicher und zumindest für mich auch lesenswerter … genau solche Artikel erwarte ich von Bezahlmedien.

  10. @bobby california: verlierst du grad die kontrolle über deine eigene anonymität? oder bist du sie gar am expandieren?

    @martin: toll, dass die huch!professionellen schurnalisten endlich ihre karten offen legen und exemplarisch demonstrieren was ihnen qualitativ hochwertig erscheint!

  11. Bobby California:

    Sie Mieser Socken (dafür könnte das Kürzel S.M.S. auch stehen): Statt hier Schadenfreude zu verspritzen, sollten Sie besser Ihren Sauladen aufräumen und den Pseudo-Bobby in Ihrem Forum rausschmeissen.

    Inhaltlich bin ich zwar mit den Wortmeldungen des Pseudo-California (und auch mit Martin) völlig einverstanden: Der Artikel in der WOZ ist hervorragend recherchiert, glänzend geschrieben und sehr erhellend.

    PS: Herzlichen Dank an Ugugu für die Unterstützung.

  12. Allah:

    Herr Bobby California, merken Sie eigentlich nicht, was für ein peinliches Theater Sie aufführen? Dieser keifende Guillotinen-Sozialismus stinkt zum Himmel.

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