«Auf einen Espresso mit …»

Das Magazin des «Sonntagsblicks» glänzt wöchentlich mit einem Interview der besonderen Art. In der Kolumne «Auf einen Espresso» stellt der Geschäftsführer von Ringier Schweiz, Marc Walder, dem «Journalisten» Frank A. Meyer, Fragen. Diese Form des Konzernjournalismus ist zumindest ungewöhnlich, hat aber ihren Reiz. Denn Meyer darf Fragen beantworten, die er sich selbst schon immer gerne stellen wollte, wie zum Beispiel zu seinem Lieblingsthema «gefährliche Muslime».

Honi soit qui mal y pense, unübliche Formen des Journalismus wollen wir nicht kritisieren, sondern gedanklich weiter entwicklen. Das hauseigene Interview könnte ja in andern Verlagen Schule machen, zum Beispiel bei der Tamedia. Da würde CEO Martin Kall einen seiner wichtigeren Journalisten interviewen, nehmen wir mal den Constantin Seibt:

« So, Seibt, wie geht es uns heute so?»

«Och, für einen Journalisten beim ‹Tages-Anzeiger› ganz ordentlich, einzig mein Lohn …»

«Ich dachte eher an die Lage der Nation.»

«Sie meinen die kleine Atombombe, die Ghadhafi über dem Bundeshaus gezündet hat. Ist ja alles nur halb so schlimm.»

«Voilà, Seibt.»

«Wir haben den Volontär des ‹Bund› zur Berichterstattung geschickt.»

«Hä?»

«Die Jungen ertragen die Strahlendosis besser. Und sind billiger zu ersetzen, wenn doch etwas …»

«Und?»

«Was, Herr Kall?»

«Ja, lebt er noch?»

«Der Volo?»

«Der Bundesrat, Seibt, der Bundesrat.»

Etwa so könnte das gehen im «Tagesanezeiger». Natürlich sind auch ganz andere Konstellationen denkbar. Matthias Hagemann von der Basler Mediengruppe könnte seinen letzten Journalisten auf der Redaktion suchen, um ihn zu interviewen («Hallo, wo sind Sie?»). Oder SRG-Chef Armin Walpen einen seiner TV-Kulturredaktoren («Was machen Sie denn da in diesem Studio? Gibt es Sie überhaupt noch?»).

Bei all diesen Varianten ist indes zu befürchten, dass sie niemals den Gehalt eines «Sobli»-Espressos erreichen, etwa wenn der Feminist Frank A. Meyer auf eine Gefälligkeitsfrage antwortet: «Die Herren der islamischen Gesellschaft fordern von uns den Respekt vor der Unterdrückung der Frau. Wir fordern von ihnen den Respekt vor der Freiheit der Frau.» Schön, nicht wahr?

Rolf Hürzeler, vormals Medien- und Kulturredaktor bei «Facts» und Kulturchef beim Pendlerblatt «News», amtet seit dem 1. September 2008 als Chefredaktor des Magazins «Saldo».

von Rolf Hürzeler | Kategorie: Mediensatz

2 Bemerkungen zu ««Auf einen Espresso mit …»»

  1. Graggsel:

    „Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.“
    Ein sehr schöner Ausdruck, nur über die Schreibweise des Zitats könnte man sich streiten (siehe
    http://de.wikipedia.org/wiki/Honi_soit_qui_mal_y_pense)

    Guter Artikel! :)

  2. @Graggsel: Ist korrigiert. Besten Dank fürs Gegenlesen!

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