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21. August 2009

Mediensatz

Belcantogezwitscher

Die Nachricht kam aus der Tiefe des Sommerlochs: Das traditionsreiche Royal Opera House in London gibt die erste Twitter-Oper der Welt in Auftrag. Die Twitterati seien aufgefordert, hiess es in der Pressemeldung (PDF) des ROH vom 7. August, für das Libretto all ihre «creative juices» strömen zu lassen. Die Vorgabe war schlicht: «One morning, very early, a man and a woman were standing, arm-in-arm, in London's Covent Garden. The man turned to the woman and he sang ...». Was die Twitterer daraus machen würden? Twitterdämmerung? Twitterata? Don Twitter? Madame Twitter? Twitterdot? The Twitter of Seville?

Herausgekommen ist natürlich nichts von alledem. Sondern eine Geschichte, in der in Raben verwandelte Menschen eine Rolle spielen, ein Zaubertrank, den Helga im Labor zusammenmischt, ein magisches Schwert, das Hans für seine heroische Mission braucht – ein kruder Harry-Potter-Wagner-Star-Wars-Verschnitt. Was man halt so erwarten konnte.

Bearbeitet und in eine Form gebracht werden die Twitterhäppchen, die zu Hunderten eintreffen, zwar von den Profis des RHO, aber angesichts der geballten Ladung an Pseudooriginalität sind sie offensichtlich überfordert. Und auch die Komponistin, Helen Porter, ist nicht zu beneiden. (Anfang September soll die Oper auf der Bühne des königlichen Opernhauses in Covent Garden zur Aufführung kommen.)

Man sollte das Experiment der ersten «Bürgeroper» nicht zu ernst nehmen, in erster Linie ist es eine Marketingaktion. Aber auch ein Beispiel dafür, dass «Crossmedialität» oft genug ein Unsinn ist. Die komplexe, strenge Kunstform der Oper hat nichts mit den 140-Zeichen-Signalen der Twitterati zu tun.

Jedes Medium soll die Stärken ausspielen, die es von den anderen unterscheidet - statt zu versuchen, möglichst viel von dem irgendwie zu integrieren, was andere besser können. Natürlich lässt sich auch daraus kein Dogma schmieden: Als die BBC in London unzählige Handyfilme von den Demonstrationen im Iran auswertete und dem Publikum zugänglich machte, war das eine Informationsleistung erster Güte – und es zeigt, welch wichtige Rolle «Bürgerjournalisten» spielen können, wo den «Berufsjournalisten» der Zugang verweigert wird.

Wenn ein Reporter allerdings Zugang erhält und so packend erzählen kann, wie es jüngst Raffi Khatchadourian im «New Yorker» (online nicht frei zugänglich) in einer Geschichte über ein Kriegsverbrechen im Irak getan hat, dann begreift jeder, warum der Mann durch kein Gezwitscher der Welt zu ersetzen ist.

Daniel Weber ist Chefredaktor des «NZZ Folio».

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Bemerkungen

Fred David:

Twitter ist Kinderkram.

Darf man das sagen, ohne gleich ein Päärli warme Ohren verpasst zu kriegen?

Ich hab mich bei Twitter eingeloggt - und mich vor lauter Langeweile wieder ausgeloggt, ohne das Geringste zu vermissen.

Für den letzten Absatz bin ich Daniel Weber dankbar. Er klingt nostalgisch. "Wenn ein Reporter so packend erzählen kann wie Raffi K...".

Jaaaaaa. Wo sind die packend erzählten Geschichten, bei denen man spürt: Da ist einer in die Welt hinaus gegangen, hat etwas erlebt - und kann das so beschreiben, dass es auch für den Leser zum Ereignis und Erlebnis wird.

Jaaaaaa. Wo sind diese Geschichten?

Völlig egal ob in web oder print.

Erleben Journalisten (und auch Buchautoren) heute nichts mehr? Ich meine: Was über Twitter und über das ganz persönliche Befinden hinaus geht?

Langeweile ist der Tod des Journalismus. Und übrigens auch der Literatur.

Allmählich müsste doch wieder ene Journalisten- und Autorengeneration heranwachsen, die der Langeweile überdrüssig ist und endlich wieder etwas erleben will - um Lesern und usern wieder etwas mitzuteilen zu haben. Eine Marktlücke!

Bobby California:


Fred > «Darf man das sagen, ohne gleich ein Päärli warme Ohren verpasst zu kriegen?» – Wart nur, bis Ugugu aus den Ferien zurück kommt, der wird Dir die warmen Ohren schon noch verpassen... ;-)

Die «Twitter-Oper» ist der verzweifelte Versuch, ein sinnentleertes, veraltetes Medium mit einem sinnentleerten, neuen Medium zu verkuppeln. Die «Twitter-Oper» hat genau so wenig Zukunft wie die «Internet-Literatur»-Wettbewerbe, die es vor einigen Jahren mal gab. Für was soll denn «Internet-Literatur» gut sein? Fred hat recht: Eine gute Geschichte ist eine gute Geschichte, egal ob auf Papier oder im Internet.

Die Halbwertszeit der elektronischen Gimmicks ist kurz. Reihum werfen jetzt auch renommierte Blogger das Handtuch. Es macht halt doch nicht so Spass, jahrelang für Gottes Lohn vor sich hin zu schreiben.

Für die traditionellen Medien kann das eine Chance sein. Vielleicht merken die Leute doch noch, dass kurze Gratis-Häppchen nicht satt machen.

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