In der «Columbia Journalism Review» fordert David Simon, Ex-Journalist und Autor der Erfolgsserie «The Wire», die Verantwortlichen von «New York Times» und «Washington Post» in einem langen Essay dazu auf, ihre Inhalte kostenpflichtig zu machen:
- «This then, is for Mr. Sulzberger and Ms. Weymouth:
Content matters. And you must find a way, in the brave new world of digitization, to make people pay for that content. If you do this, you still have a product and there is still an industry, a calling, and a career known as professional journalism. If you do not find a way to make people pay for your product, then you are — if you choose to remain in this line of work — delusional. […]
You must act. Together. On a specific date in the near future — let’s say September 1 for the sheer immediacy of it — both news organizations must inform readers that their Web sites will be free to subscribers only, and that while subscription fees can be a fraction of the price of having wood pulp flung on doorsteps, it is nonetheless a requirement for acquiring the contents of the news organizations that spend millions to properly acquire, edit, and present that work.»
«NewsFuturist» Jeff Sonderman hingegen meint:
- «The huge fallacy I hear all the time behind arguments for requiring readers to pay for news goes like this: Our work is IMPORTANT and EXPENSIVE to produce. Society needs it, and we incur huge expenses to provide it, so consumers should pay us.
As a journalist, I completely agree that good journalism is vital to a healthy society. But that says nothing about whether it should be paid for by the consumer. Things even more essential to our survival — air and sunlight — we pay nothing for. Why? Because they are abundant and freely distributed. General news and commentary online is the same way. Yes, it’s important and valuable, but as long as there is abundant, elastic supply, competition will drive the consumer price to zero.
Economics also disregards the second point of the fallacy — that professional journalism is expensive to produce, we have to pay huge expenses for reporters, editors and other staff and readers should pay to support that.
Consumers couldn’t care less how much it costs to produce a product, be it news, clothing or cars. They don’t inspect your production facility and balance sheets to determine whether the price is fair.»
Auf den Punkt bringt es m.E. Andreas Göldi in einem äusserst lesenswerten Beitrag auf «netzwertig.com»:
- «Ja, Medien werden gratis sein. Und manchmal etwas kosten. Die Diskussion, ob Konsumenten für Medien in der Zukunft noch direkt bezahlen werden, wird von beiden Seiten (Internet-Propheten und Old-Media-Vertretern) eigenartig verbissen geführt. Die richtige Antwort ist natürlich: Sowohl als auch. Der Vorteil einer fragmentierten Medienwelt wird es eben gerade sein, dass sehr viele verschiedene Modelle Platz haben. Es wird sehr lange dauern, bis sich ein oder wenige Geschäftsmodelle als dominierend für Online-Medien durchsetzen, falls das überhaupt je passiert.»
Was David Simon sagt, klingt sehr vernünftig. Es ist ja sonnenklar, dass es fürs Geschäft sehr schädlich ist, wenn man fürs gleiche Produkt im Laden etwas zahlen muss und es um die Ecke gratis erhält. Es gibt nur eine sinnvolle Lösung: Internet-News müssen für Abonnenten der Printausgabe gratis sein und für alle Nicht-Abonnenten kostenpflichtig sein. Diese einfache Massnahme würde die Erosion der bezahlten Auflage schlagartig abbremsen. Es ist schön zu sehen, dass Bobby California nicht der einzige ist, der das erkennt hat.
Jeff Sonderman kriegt von mir virtuell ein paar an die Ohren. Wie kann man nur so einen unglaublichen Schmarren schreiben! Zeitungen müssen laut Sonderman gratis sein, weil das Sonnenlicht auch gratis ist. So etwas Mega-super-Strohdummes habe ich noch nie gelesen. Das ist so schwachsinnig, dass ich nicht inhaltlich darauf eingehen muss. Sondermans Statement zeigt sehr schön, wie weit sich manche Internet-Gläubigen von der Realität entfernt haben.
Andreas Göldis Überlegungen mangelt es auch an zwingender Logik. Er beschreibt im Prinzip den status quo: Schon heute wird gepröbelt – mal gibts alles gratis, mal gar nichts, mal darf man nur einen Teil der Artikel gratis lesen. Ich bin fest überzeugt, dass sich die von David Simon beschriebene Entwicklung durchsetzen wird. Alles andere wäre nicht logisch. Kein schlauer Unternehmer wird langfristig etwas anbieten, mit dem er Geld verliert. Wenn er es dennoch macht, geht er früher oder später pleite. So einfach ist das. Auch wenn es nicht ins Weltbild der Internet-Religiösen passt.
Was mein inoffizieller Sparring-Partner Bobby California immer noch nicht ganz begriffen hat: Das wirklich Wichtige steht in den meisten Blogs meist erst in den Comments, oder wie es Wild Bill drüben bei David Simon formuliert: «A monopoly! Exactly the right way to go – can I get some fries with that?»
Ugugu > Wild Bill’s Kommentar klingt ziemlich konfus. Wieso Monopol? Und wieso Pommes frites? Ich verstehe nur Bahnhof.
ähm… ich glaube da haben einige das grundproblem der tageszeitungen nicht verstanden.
das problem ist nicht so sehr der mangel an verkaufserlösen durch abonenten und einzelverkauf, das problem ist daß das internet stellenanzeigen, immobilienanzeigen, kontaktanzeigen, auto- hausrat etc.pp. besser schneller übersichtlicher, billiger und sowohl regionaler als auch globaler anbieten kann als jede denkbare form von print.
das de facto monopol auf diese anzeigenmärkte war die wirtschaftliche grundlage der tageszeitzungen. verkaufserlöse trugen nur mit einem drittel zu umsatz bei.
das internet hat dieses monopol ein für allemal aufgehoben.
wer ein auto oder einen job sucht muß keine zeitung mehr kaufen und auch keine webseite einer zeitung aufsuchen.
anzeigenfläche in printpublikationen war ein knappes gut, zum einen weil drucken teuer ist zum anderen weil die markteintrittsbarrieren in den printmarkt hoch waren was kapital und know-how anlangte.
beides ist online weit weniger der fall und suchmaschinen machen einen überblick über branche a in stadt b wegen angebot c auch ohne eine anzeige in der lokalen presse möglich. dasselbe gilt für magazine in nischenmärkten.
das monopol das schwarze brett für alle an einer stadt oder einem bestimmten thema interessierten zu sein ist print für immer abhandengekommen.
die grundlage des geschäftsmodells ist entfallen und kommt nicht wieder. das mag mancher bedauern, ändert aber nichts an der tatsache das sich gesellschaftlicher diskurs anders organisieren muß.
die sache mit den fritten werden die interessierten unter den netzbürgen schon noch selbst aufklären. da bin ich guten mutes.
Zeitungen sind mehrgängige Menüs, die man täglich fixfertig geliefert bekommt. Viele mögen das und zahlen dafür. Immer mehr Menschen aber ziehen es vor, sich am riesigen Buffet namens Internet nach Lust und Laune mit Häppchen zu bedienen. Dies ist die fragmentiere Medienwelt, die Andreas Göldi in seinem Artikel beschreibt. Das grosse und bislang ungelöste Problem ist, wie man die Konsumation an diesem Buffet kostenpflichtig machen kann. David Simons Vorschlag, die Leute weiterhin zur Bezahlung eines Mehrgang-Menüs zu zwingen, ob elektronisch oder gedruckt, zeugt von einem eklanten Unverständnis des Mediums Internet. Ich zweifle deshalb, dass «Times» und «Post» seinem Ratschlag folgen werden. Falls doch: Viel Glück!
Ich denke gerade die Vielfalt macht das Internet zu dem was es ist. Und wenn jemand Geld für seinen Service nehmen will, soll er es doch versuchen.
@gratis: Du sprichst ein wahres Wort gelassen aus: Probieren geht über studieren! Nur sollte man dann auch den Mut aufbringen, bei einem allfälligen Scheitern wieder rasch zurückzukrebsen.