Gelten die «Watergate-Regeln» eigentlich noch?

Gemeint sind die Regeln, die der damalige Chefredaktor der «Washington Post», Ben Bradlee, durchsetzte, als zwei junge Lokalreporter durch hartnäckiges Recherchieren dem Watergate-Skandal auf die Spur kamen. In der Frühe des 17. Juni 1972 hatte der patroullierende Nachtwächter des Luxuskomplexes Watergate eine Einbrecher-Gang beim Eindringen ins demokratische Parteibüro überrrascht. Kern der «Washington Post»-Recherche war: Gibt es Indizien, die von der verhafteten Gang ins Weisse Haus führen? (Es war ein Wahljahr). Carl Bernstein, ein grober Tunichtgut, und Bob Wodward, Marineleutnant aus bestem Haus, hatten Wochenenddienst – und blieben dran.

Beide stützten sich hauptsächlich auf anonyme Quellen. Der Chefredaktor und die Verlegerin wussten, wie heikel das war. Auf einem später entdeckten Tonband befahl Präsident Nixon etwa «gehörige Scherereien» für die «Post» – es ging um eine Fernsehkonzession in Florida –, und der Aktienkurs des Blattes sank, zumal Nixons Sprecher die beiden «Woodstein» an den täglichen Pressekonferenzen minutenlang beschimpfte (wie ich als «Tages-Anzeiger»-Korrespondent damals vor Ort mitverfolgen konnte).

Bradlee verordnete:

  1. Jede auf anonymen Quellen basierende Story musste von mindestens einem Chef für den Druck freigegeben werden.
  2. Lag der eigenen Story ein anderer Medientext zugrunde, musste dieser nachrecherchiert sein.
  3. Jede von anonymen Quellen behauptete Faktenlage musste von mindestens zwei voneinander unabhängigen Quellen bestätigt werden.

In der zwei Jahre dauernden «Watergate-Krise» – Nixon war noch im November 1972 triumphal wiedergewählt worden – konnte den beiden Jungreportern nur ein einziger (eher nebensächlicher) Fehler nachgewiesen werden. Die «Watergate-Regeln», zu denen noch als selbstverständliche Nr. 4 ein absoluter Quellenschutz gehörte, hatten sich bewährt.

Der Schweizer Presserat fand mehrmals Gelegenheit, sich zum Umgang mit anonymen Quellen zu äussern. In Stellungnahme Nr. 6/2001 etwa hatte sich der damalige SF-Chefredaktor Filippo Leutenegger über eine Recherche des «Tages-Anzeigers» beschwert, die der Frage nachgegangen war, ob der CR «unter wachsenden Einfluss der SVP» geraten sei und diesen in die Informationsredaktionen des Schweizer Fernsehens weitergebe. Fast alle Quellen blieben anonym.

Der Presserat stellte eine Kollision fest, und zwar zwischen dem Transparenzgebot (Journalistenpflicht Nr. 3;) und dem Gebot des Informantenschutzes (Journalistenpflicht Nr. 6).

Ausnahmsweise würde der Informantenschutz Vorrang verdienen, befand das Gremium – dies unter fünf Bedingungen:

  • a) wenn es sich um ein Thema von öffentlichem Interesse handle;
  • b) wenn die Informanten – etwa wegen einer arbeitsrechtlichen Schweigepflicht – einen Diskretionsanspruch hätten;
  • c) wenn die Glaubwürdigkeit der Quelle überprüft sei [leider fehlt hier ein ausdrücklicher Verweis auf die «Watergate-Regeln»];
  • d) wenn «[D]ie relevanten Merkmale» der anonymen Quelle «bis zur Grenze der Identifizierbarkeit» offengelegt würden;
  • und schliesslich – wichtigster Vorbehalt –

  • e) wenn sämtliche «objektiv schwer wiegenden» Vorwürfe dem Betroffenen zur Stellungnahme unterbreitet worden seien [und dessen Echo publiziert werde].

Genau das war in der «Tagi»-Recherche geschehen: Das unterste Drittel der Seite blieb einem Interview mit Leutenegger zu den Vorwürfen reserviert. Der Presserat lehnte die Beschwerde in diesem Punkt ab.

Vor vier Jahren musste sich «Newsweek» einer ähnlichen Frage stellen. Eine beiläufige Meldung auf der vielgelesenen Einstiegsseite hatte behauptet, im Gefangenenlager Guantanamo habe ein Befrager absichtlich ein Koranexemplar die Toilette hinuntergespült; so hätten «Quellen [Plural!] berichtet». Das löste in Pakistan Unruhen aus, die 17 Todesopfer forderten.

«Newsweek» musste später eingestehen, dass es nur «eine gutplatzierte» Quelle gegeben habe und dass jegliche Daten dazu leider fehlten. In der Folge versprach der Chefredaktor seinen Lesern, «die Schwelle für den Einsatz anonymer Quellen [künftig] höher zu legen» sowie weitere – mit den oben vom Presserat empfohlenen Regeln vergleichbare – Grundsätze zu befolgen. Auf sein Verlangen hin müsse der Reporter ihm, dem «Newsweek»-Chef, zum Beispiel auch vertrauliche Quellen offenlegen – heikel, wenn der vertraulichen Aussage ein persönliches Vertrauensverhältnis zwischen Quelle und Reporter zugrunde liegt (s. «ssm-gazette» [heute «Edito»], 2/2005).

***

Haben die «Watergate-Regeln» im heutigen Schweizer Medienbetrieb, wo alles immer schneller gehen muss und meist brutal auf die Verdächtigten gespielt wird, noch eine Bedeutung? Ich habe in drei neueren «Fällen» nachgefragt.

1. «Fall Nef», Juli 2008

Es fing an mit einem der «Sonntagszeitung» (SZ) zugespielten Polizeirapport gegen den früheren Brigadier Roland Nef, dem die zwei Jahre zuvor eingereichte Strafanzeige einer ehemaligen Partnerin wegen Nötigung zugrunde lag. In der Recherche waren die «Watergate-Regeln» ausdrücklich zum Zug gekommen, wie TA-Rechtskonsulent Simon Canonica – mit dem Chefredaktor zusammen in jeder Phase involviert – bestätigte (Referat am Schweizerischen Medieninstitut, 6.5.09):

  • Erster Artikel (13.7.): «Schwere Vorwürfe wegen Nötigung – dennoch machte ihn Samuel Schmid zum Chef der Armee» (Untertitel): Die SZ hatte Bundesrat Schmid alle relevanten Fragen schriftlich gestellt; die (irrelevanten) Antworten fanden Eingang in den Text.
  • Zweiter Artikel: «Das Stalking Protokoll», mit Faksimile des teils geschwärzten Polizeirapports (20.7.): Zwar enthält ein Polizeirapport bloss die Momentaufnahme einseitiger Beschuldigungen; aber es lag auch die stützende Aussage eines Internet-Providers über den Absender der Sex-Mails vor. Auf derselben Seite noch ein Biografie-Artikel über Nef mit teils problematischen Charakteraussagen («Er betreibe ‹managment by terror›, sagt ein Offizier»). Nefs und Schmids Aussagen erscheinen im Text. Deutlich war das Bemühen um Verhältnismässigkeit – keine Identifikation von Nefs Partnerin.
  • Nicht geklappt hat hingegen der Quellenschutz: Der Chefredaktor und die beteiligten Reporter kannten die Identität des «Geheimnisverräters», der den Polizeirapport übergeben hatte (ein Polizeikadermann wurde verurteilt, das Gerichtsurteil gegen ihn ist meines Wissens aber noch nicht rechtskräftig). Die Begegnungen mit der «Quelle» hinterliessen allzuviele Spuren (NZZ vom 17.4.09 mit vielen Details).

2. Drama in Bergdietikon, 12. Juli 2009

Dem Aargauer «Sonntag» gelang ein Scoop: Zwei Tage lang hatten die Medien zunächst berichtet, die Ehe der nachts mit Messerstichen angefallenen Frau mit ihrem Ehemann – der sich hernach als Täter stellte – sei perfekt harmonisch gewesen. Dann aber stiess die Reporterin bei Nachbarn und Freunden auf gegenläufige Aussagen. Das Ehepaar habe eine Therapie besucht, der Ehemann deren Sinn aber bezweifelt, wie er «einem Bekannten» erzählt haben soll. Ein [anderer?] «Bekannter» bezeichnete «die beiden Kinder als Keil» in der Ehe. Weitere Angaben stützten sich auf «Aussagen enger Freunde», auf «Dritte».

Die Reporterin kannte die «Watergate-Regeln» und beteuert, dass auch dort, wo sie Einzahl verwendet habe, mehrere, meist vertrauliche Aussagen vorgelegen hätten. Der Chefredaktor besprach die Quellenlage mit ihr. Im Fall Bergdietikon sah die Reporterin ihrerseits keinen Grund, ihm gegenüber die Identität der Quellen zurückzuhalten. Wenn jemand aber ausdrücklich «strenge Vertraulichkeit» verlange, wahre sie diese und beschreibe Vorgesetzten höchstens das Umfeld. Die Unterscheidung ist natürlich interpretationsbedürftig.

3. Zwei Kinder im Gerlibach bei Engelberg ertrunken, 26. Juli 2009

Der «SonntagsBlick» widmete diesem Fall die Titel- und zwei Innenseiten. Das Titelblatt brachte gross die gefährlichste Behauptung: «Die Kinder ertranken – und sie vergnügte sich». Mit «sie» ist eine «Esther» gemeint, die ihre Tochter und zwei Ferienkinder allein auf den Heimweg schickte; die Tochter und ein Säugling ertranken. «Aber wo steckte die Mutter?» fragte der «SonntagsBlick». Seine «Recherchen» zeigten: «[Esther] vergnügte sich mit ihrer Internet-Liebe, während die Kinder […] in den Fluten versanken». Der zuständige Verhörrichter wollte «weder bestätigen noch dementieren»; er «lässt durchblicken», den Liebhaber befragen zu wollen.

Auch dieser Reporter kennt die «Watergate-Regeln». Der amtierende Redaktionsleiter war «in die Recherche von Anfang an involviert und informiert». Als Quelle nennt der «SonntagsBlick» eine Bekannte der Ferienmutter, «Manuela», die ihr Kind der begeisterten Kinderhüterin Esther auch schon anvertraut habe. War Esther während des Unfalls wieder beim Internet-Liebhaber? «Ich bin mir 100 Prozent sicher», sagt Manuela.

Reicht Manuela als Quelle für diese äusserst schwerwiegende Anschuldigung? Der Reporter beteuert, die Recherche stimme «garantiert»; er habe sie breit abgestützt. Dazu gehöre auch eine zentrale Quelle, die Esther nach dem Drama betreut hat. Diese Person habe aber weder zitiert noch im Artikel erscheinen wollen. Ihr sei absoluter Quellenschutz zugesichert worden. Und allgemein: «Wenn eine Quelle absolut wasserdicht ist, zum Beispiel eine Behörde, reicht auch eine einzige.»

Er habe die Schlussbemerkung des Verhörrichters, der ein längeres Gespräch vorausgegangen sei, übrigens als Bestätigung verstanden. Aber hat der Verhörrichter die Bestätigung nicht gerade verweigert? «Im Kontext des vorausgegangenen Austauschs durfte ich das als Bestätigung werten», bekräftigt der Reporter. «Wenn ein Verhörrichter nach einem längeren Gespräch sagt, dass er die Information weder bestätigen noch dementieren will, kann man dies als indirekte Bestätigung verstehen. Sonst würde er als Quote nur sagen: ‹Das dementiere ich.›».

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Ich will dem nichts hinzufügen. Jede(r) kann sich selbst einen Vers darauf machen. Wünschen würde ich mir allerdings, dass die Quellenlage – auch zum Vertrauensgewinn der Leserschaft – jeweils deutlich markiert wird.

Der Jurist Peter Studer war Chefredaktor des «Tages-Anzeigers» und des Schweizer Fernsehens SF, bevor er von 2001bis 2007 den Schweizer Presserat präsidierte.

von Peter Studer | Kategorie: Mediensatz

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