Der Nacktmaulwurf und die Schweinegrippe

Die Schweizer Zeitungen haben allein im letzten Monat mehr als 800 Artikel über die Schweinegrippe veröffentlicht. Dazu kommen sicher noch einmal so viele Beiträge auf allen Radio- und Fernsehstationen, und niemand zählt so richtig, was die Medien auf dem Web über die vorausgesagte Pandemie berichten. Eigentlich, sollte man meinen, müssten wir genügend informiert sein und die Verbreitung des H1N1-Virus als mündige Bürger in Ruhe und gut vorbereitet abwarten können.

Aber das alles genügt offenbar nicht: Thomas Zeltner und sein Bundesamt für Gesundheit starten in diesen Tagen eine Kampagne, die uns darüber informiert, wie wir uns verhalten sollen: «Achten Sie auf Anzeichen, die auf eine Grippe deuten können», «wenn Sie mehrere Grippesymptome verspüren, bleiben Sie auf jeden Fall zu Hause» und «Hygienemaske tragen».

Um diese Botschaften unters Volk zu bringen, lanciert Zeltner eine Informationskampagne für drei Millionen Franken. Dies besteht «fürs Erste» aus drei Fernsehspots, mit Beat Schlatter als Hauptdarsteller. Unvergessen ist Schlatter ja vor allem als Autor von «Erdwin der Nacktmaulwurf».

Nach den Aberhunderten von Beiträgen in den traditionellen Medien sieht sich der Bund also veranlasst, einen Komiker zu engagieren, um die wirklich relevanten Fakten über die Gripperisiken unters Volk zu bringen. Das erinnert irgendwie daran, wie in den USA Jon Stewart von der «Daily Show» zum «vertrauenswürdigsten Mann Amerikas» erklärt wurde. Die «Daily Show» ist eine Satiresendung und Jon Stewart ein Komiker.

Man kann die Sache von zwei Seiten betrachten: Entweder der Bund setzt mit Steuergeldern für seine Zwecke eine wuchtige PR-Maschine in Gang, die uns mehr oder weniger umstrittene Wahrheiten einbläuen soll wie einst das in Millionenauflage in alle Haushalte verteilte Zivilverteidigungsbüchlein. Oder aber den unabhängigen Medien ist eben nicht zu vertrauen, wenn es darum geht, verlässliche Information über ein wichtiges, alle betreffendes und risikobehaftetes Geschehen zu verbreiten.

Wer die Schweinegrippe-Berichterstattung etwas verfolgt hat, neigt instinktiv zur zweiten Ansicht: Dem durchschnittlichen Medienkonsumenten wurde ein Mischmasch von Faktenhäppchen, Meinungen und Gegenmeinungen zur bevorstehenden Pandemie serviert. Wer daraus ein Fazit ziehen will, sieht sich überfordert und wendet sich den Experten von Väterchen Staat zu. Nur dass ihm dort Erdwin der Nacktmaulwurf seine drängendsten Fragen beantwortet.

Edgar Schuler ist Redaktor am «Tages-Anzeiger». Was er hier schreibt, ist seine persönliche Meinung.

von Edgar Schuler | Kategorie: Mediensatz

13 Bemerkungen zu «Der Nacktmaulwurf und die Schweinegrippe»

  1. andrea müller:

    Applaus, Kollege Schuler. Warum veröffentlichst Du den Text nicht im Tagi?

  2. Fred David:

    Ja, sehr guter Beitrag. Und die Frage von Andrea Müller ist ebenso gut – und erfordert eine Antwort!

  3. Edgar Schuler:

    Offengestanden wundert es mich, dass diese Frage ausgerechnet hier gestellt wird. Seis drum: eine umgearbeitete Version des Texts steht im heutigen Papier-Tagi, Seite 7 (online nicht frei zugänglich…).

  4. How true, tatsächlich hatte man in den letzten Wochen und Monaten den Eindruck, das BAG verfüge über eine direkte Schnittstelle zu manchem Content-Management-System.

    Und vielleicht könnte mir @BobbyCalifornia anhand dieses konkreten Beispiels vielleicht noch erklären, warum ich an Stelle von Blogs „Newsnetz“ lesen sollte? Hier gratis, dort nicht einmal im Archiv!

  5. Bobby «Anti-Newsnetz» California:

    Ugugu > Du hast das seltene Talent, einfachste Sachverhalte falsch zu verstehen.
    Ich sagte immer: Jeder intelligente Mensch und jeder, der es werden will, braucht eine auf Papier gedruckte TAGESZEITUNG.
    Das Newsnetz ist keine Tageszeitung, sondern gewissermassen der Wurmfortsatz verschiedener Tageszeitungen im Internet.
    Edgar Schulers Analyse erschien im Tages-Anzeiger, nicht im Newsnetz.
    Ich habe nie irgend jemandem empfohlen, das Newsnetz zu lesen.
    Ich habe schon gar nicht empfohlen, man solle an Stelle des Medienspiegels das Newsnetz lesen. Im Gegensatz zu den meisten Blogs enthält der Medienspiegel nicht eitles, amateurhaftes Geschwätz, sondern anregende Denkanstösse.

  6. @CaliforniaBobby: Natürlich existiert der eitle Gockel auch in der Blogosphäre. Komischerweise massiert dort auftretend, wo sich Journalisten und Blogger gute Nacht sagen. Was mich an deiner Reaktion zuweilen irritiert, ist diese automatisierte Abwehrhaltung. Warum nicht zwischendurch ein Lob auf die äussere Pressefreiheit?

    Je schlechter es einer Branche geht, desto lauter das „professionell-qualitative“ Geschwätz. Mir zumindest ist das zutiefst suspekt. Früher hatten Journalisten weniger Hemmungen sich selbst als Amateure zu sehen, die ihr Laien-Wissen nach und nach erweiterten. Ich vermute, diese Bunkermentalität hat sehr viel mit Status-Angst zu tun.

  7. Bobby California:

    Ugugu > Ich habe keine automatisierte Abwehrhaltung. Ich reagiere nur dann allergisch, wenn mir ein Internet-Religiöser wieder mal weismachen will, es brauche heute keine professionellen Journalisten mehr, weil jeder zuhause an seinem Compi selber Prosa brünzeln kann. Das stimmt einfach nicht. Ich habe nichts gegen Amateur-Blogger. Nur sollen sie aufhören zu glauben, sie könnten den professionellen Journalismus verdrängen.

    Ich sehe auch nichts Verwerfliches darin, dass die Branche ihre Vorzüge betont, wenn es ihr schlecht geht. Mir tut es jedes Mal im Herzen weh, wenn ich sehe, wieviele Leute in der Bahn eine Gratiszeitung in den Pfoten halten. Diese Leute werden keine seriöse Zeitung abonnieren. Warum sollten sie auch, wenn sie Buchstaben auf Papier am Bahnhof gratis kriegen.

    Bei dieser Gelegenheit möchte ich noch ein Ugugu’sches Missverständnis klären: Journalisten sahen sich nie als «Amateure, die ihr Laienwissen nach und nach erweitern». Sancta simplicitas! Das Handwerk der Journalisten besteht doch nicht aus der Anhäufung von enzyklopädischem Wissen, sondern aus der Vermittlung von Informationen. Nicht mehr und nicht weniger.

  8. @SnobbyCalifornia: Was für eine kümmerliche Defintion von Journalismus. Schreiben was ist, durchaus, aber dabei vielleicht auch noch etwas denken? Rein theoretisch steht der Beruf nach wie vor jedem offen. Auch den von dir so tief verachteten Amateuren mit Enyklopädiewissen. Allerdings verstehe ich dich immer weniger: Du schimpfst auf Gratiszeitungen, obwohl sich diese genau auf die von dir geforderte Informationsdurchreiche spezialisiert haben. Handwerklich durchaus korrekt.

    Immer schön von oben herab, Bobby, nur keine Zurückhaltung mit Verachtung für schlechter bezahlte Berufskollegen in der Gratis- oder Onlineabteilung. Nur weiter so, bis zur Verbitterung.

    Um mal kurz auf das Thema zurückzukommen: Laufen Zeitungen nicht gerade deshalb Gefahr ihre Orientierungsleistung zu verlieren, weil sich der durchschnittliche Informationsvermittler (aka Journalist) zwischen den divergierenden Expertenmeinungen gar kein eigene Einschätzung mehr zutraut, weil vielleicht eben gerade das enzyklopädische Grundwissen fehlt? Gut, wir können uns auch auf Nacktmaulwürfe verlassen…

  9. Bobby California:

    Ugugu > Schon wieder hast Du mich falsch verstanden. Wie erklär ich’s meinem Kind?

    – Die Forderung, Journalisten müssten «schreiben, was ist», finde ich zum Kotzen. Ich habe nie so etwas propagiert.

    – Natürlich müssen Journalisten denken. Sie müssen sogar sehr viel denken. Wenn ich sagte, dass Journalisten Informationen auf professionelle Weise vermitteln, dann klingt das vielleicht banal, ist es aber nicht. Zuerst muss der Journalist herausfinden, welche Informationen es wert sind, verbreitet zu werden. Allein dies könnte ein Fulltime-Job sein. Dann muss der Journalist prüfen, ob die Informationen wahr sind. Undsoweiter. Professionelles Texten ist auch komplizierter, als sich dies ein Blogger vielleicht vorstellt.

    – Es stimmt nicht, dass sich Journalisten «keine eigene Einschätzung mehr zutrauen». Wie kommst Du denn darauf? Aber der klassische Grundsatz lautet: Im Artikel beschränkt sich der Journalist aufs Berichten – seine eigene Meinung gibt er nur in einem separaten Kommentar wieder. Wenn ein Journalist sich mit einem Thema eine Zeitlang befasst, ist er in der Lage, einen Kommentar zu schreiben, auch wenn er kein enzyklopädisches Wissen gespeichert hat.

    – Ich habe nie eine «Informationsdurchreiche» gefordert. «Informationen vermitteln» ist doch nicht das gleiche wie «durchreichen».

    – Ich verachte nicht die Gratiszeitungsjournalisten, höchstens die Verleger der Gratiszeitungen. Aber ich bin schon gottenfroh, dass ich nicht für ein Gratisblatt oder für ein Onlineportal arbeiten muss. Ich würde lieber Tramchauffeur werden.

  10. «Natürlich müssen Blogger denken. Sie müssen sogar sehr viel denken. Wenn ich sagte, dass Blogger Informationen auf professionelle Weise vermitteln, dann klingt das vielleicht banal, ist es aber nicht. Zuerst muss der Blogger herausfinden, welche Informationen es wert sind, verbreitet zu werden. Allein dies könnte ein Fulltime-Job sein. Dann muss der Blogger prüfen, ob die Informationen wahr sind. Undsoweiter. Professionelles Texten ist auch komplizierter, als sich dies ein Journalist vielleicht vorstellt.»

    Funktioniert auch ;-)

  11. Bobby California:

    Ugugu > Nee, das funktioniert eben nicht. Blogger sind – anders als Journalisten – nur sich selbst verpflichtet. Blogger können den dümmsten Senf herauslassen – er wird dennoch niemals eingeschriebene Briefe von Anwälten erhalten, niemand wird den Blogger feuern. Die meisten Blogger beschäftigen sich – im Unterschied zu Journalisten – vornehmlich mit relativ belanglosen Sachen und weniger mit wirklich brisanten Themen. Denn den Bloggern fehlen die Mittel, die Quellen, das Know-how und die Zeit, um Skandale aufzuspüren und mit der nötigen Sorgfalt aufzudecken.

    Wenn Du mal eine Woche lang auf einer Redaktion arbeiten könntest, dann würdest Du den Unterschied zwischen Journalismus und Bloggen sehen. Dann würdest Du nicht mehr so einen (U)Gugus schreiben.

  12. Fred David:

    @) Bobby California: Oha. „Den Bloggern fehlen die Mittel, die Quellen, das Know-how und die Zeit, um Skandale aufzuspüren…“ – im Gegnsatz zum Journalismus.

    Skandale aufspüren? Schweizer Medien? Wo denn? Wie denn? Was denn?

    Wenn nicht irgendein Beamter (Fall Nef) oder ein geprellter Banker (Fall Swissfirst) komplette Dossiers herüberreicht, erfährt man häufig gar nichts oder viel , viel später, wie’s wirklich war: die Swissair-Arie war ein klassischer Fall dieser Art, die „UBS-Krise-n’existe pas“ ein noch klassischerer.

    Von kritischer Selbstreflexion hat man in der Branche wenig gehört. Dort dominiert das Jammern.

    Ich bin ja selber Journalist und kasteie mich sozusagen selber: Der Schweizer Journalismus bleibt schon seit längerer Zeit weit, weit hinter seinen Möglichkeiten. Auf fast allen Gebieten. Er ist häufig von einer geradezu entsetzlich braven Angepasstheit.

    Vor allem hat der Schweizer Journalismus nicht begriffen, dass in einem Land, in dem es keine institutionalisierte Opposition gibt, wo alle mit allen irgendwie verklumpt sind, die Medien zumindest teilweise versuchen müssen, die Rolle einer opositionellen Stimme zu übernehmen, im besten Sinn von Aufklärung.

    Da sehe ich schon eine Zukunft für gepflegte, intelligente und professionell moderierte Blogs.

  13. Bobby California:

    Fred David > Ich stimme Deiner Analyse grösstenteils zu. In Zeiten zunehmend personell ausgedünnter Redaktionen haben viele Journalisten leider tatsächlich immer weniger Zeit, um zu recherchieren. Es gibt auch Kollegen, die zu faul zum Recherchieren sind. Und dann gibt es auch die redaktionsinterne Zensur, die Du am Beispiel der UBS-Berichterstattung sehr eindrücklich beschrieben hast.

    Aber dass Feierabend-Blogger die Rolle der Journalisten übernehmen sollen – das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Um diesen Job zu machen, muss man schon jeden Tag acht bis zehn Stunden lang «an die Säcke» – welcher Blogger kann und will das schon leisten? Zudem braucht ein Rechercheur zwingend einen Verlag im Rücken, der juristische Rückendeckung bietet. Denn an gründlichen Recherchen haben nicht alle Leute Freude.

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