«Erklärungen» und «Manifeste» hüben und drüben

    «Verleger im Internet sind wie Unternehmer, die in einem fremden Land Geschäfte machen wollen und beklagen, dass nicht alles ist wie daheim.»

Und:

    «Wenn es den Verlegern in diesem Internetz nicht gefällt, sollen sie doch wieder abhauen. Hat die jemand gerufen?»,

twitterte Mario Sixtus, aka «Elektrischer Reporter», hier und hier im Zusammenhang mit der an die EU-Kommission gerichteten und laut Medienmitteilung von 166 europäischen Verlagen – darunter auch Ringier – sowie dem Weltverband der Zeitungsverleger (WAN-IFRA) unterzeichneten «Hamburger Erklärung zum Schutz des geistigen Eigentums» (PDF).

«Die Presse muss sich selber helfen», meint auch Rainer Stadler in einem klugen Kommentar in der Samstagsausgabe der «NZZ» – und zwar zum ähnlich gelagerten «Medienpolitischen Manifest» (PDF), in dem der Verband Schweizer Presse u.a. für die «Befreiung von der Mehrwertsteuer für Medienprodukte», für «Steuerliche Abzugsfähigkeit für Abonnemente von Zeitungen und Zeitschriften» und für einen «zeitgemässen Schutz der Urheberrechte für publizistische Inhalte und verlegerische Produkte, insbesondere im Online-Bereich» plädiert.

Stadler:

    «Gemäss dem Manifest des Verlegerverbands sollen all jene Vergünstigungen erhalten, welche ‹publizistische Medienleistungen› erbringen. Was für ein Gummibegriff! Würden beispielsweise People- und Lifestyle-Magazine ebenso von der öffentlichen Hilfe profitieren, weil auch in solchen Blättern ab und an der Begriff Politik vorkommt? Oder weil Unterhaltungspublizistik die neue massenwirksame Art scheint, Politisches mundgerecht zu verpacken? Letztlich würde allzu viel Unterstützungsgeld im vagen Buchstabensand versickern.

    Das Manifest der Verleger hat einen weiteren Mangel. Es sagt nichts darüber, was die einzelnen Verlage mit der staatlichen Hilfe anfangen wollen. Stecken sie die frei werdenden Gelder in die Ausbildung des Personals? Wandern die Subventionsfranken einfach direkt in die Dividende der Aktionäre, oder gedenkt man allenfalls, die Tiefstlöhne der freien Journalisten – ein Tabuthema des Mediengewerbes – anzuheben? […]

    Den Weg in die richtige Richtung müssen die Verleger von Presseerzeugnissen selber finden, indem sie beispielsweise neue Geschäftsmodelle entwickeln. Sparen allein ist keine zukunftsweisende Methode. Denkbar wäre in dieser Phase höchstens eine Überbrückungshilfe des Staats. Das Manifest der Verleger zielt jedoch auf Strukturhilfe, welche letztlich die fundamentalen Probleme der Branche nicht lösen kann.»

Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen.

Update, 13. Juli 2009: «Newspapers: Stop Whining and Act», ruft Vin Crosbie auf «ClickZ»:

    «As they say in Las Vegas, if you don’t like the game, don’t play. […]

    If your company doesn’t want people or search engines to link to your content, take your content offline. […]

    If you’re a publisher who thinks your Web site is reducing your printed editions’ revenues, readership, or circulation, take down your site. […]

    If you think the problem is that you’re giving away your content for free online, then start charging readers to view your content on the site.

    You’ll be stupid to do any of those three things, but at least you won’t be a whiner.»

Und unter dem Titel «‹Marschallplan› & ‹Clearingstelle›: Die Kapitulation des Journalismus» meint Robin Meyer-Lucht im neunten von zehn Punkten:

    «Ein ‹Qualitätsjournalismus›, der im Strukturwandel nach dem Staat ruft, statt sich den Herausforderungen einer grandios vernetzten Informationsgesellschaft zu stellen, gibt seine Selbstachtung und seine eigentliche Berufung auf. Journalismus kann es sich nicht leisten, mit Verweis auf die vermeintliche eigene Systemrelevanz, die sich veränderten gesellschaftlichen Anforderungen durch die Nutzer zu ignorieren.»

Update, 19. Juli 2009: In der «NZZ»-Freitagsausgabe antwortet Norbert Neininger, Verleger und Chefredaktor der «Schaffhauser Nachrichten» sowie Mitglied des Präsidiums des Verbands Schweizer Presse, ziemlich defensiv auf Rainer Stadler Kritik am Verleger-Manifest:

    Damit sind Rainer Stadlers Bedenken gegen unser «Medienpolitisches Manifest» kaum umfassend entkräftet; vielleicht stimmen wir mit ihm und der NZZ wenigstens darin überein, dass die indirekte Presseförderung die schlechteste aller Massnahmen ist mit Ausnahme aller anderen.

Update, 23. Juli 2009: Stephan Niggemeier hat bei verschiedenen Unterzeichnern der «Hamburger Erklärungen» Stellungnahmen eingeholt bzw. einzuholen versucht. Zur «Erklärung» selbst meint Niggemeier:

    «Es ist ein Dokument der Hilflosigkeit, ein ziellos-hysterisches ‹So tu doch einer was›, bei dem es auf Inhalte nicht ankommt, solange nur möglichst viele mitschreien. Kein Wunder, dass die einzelnen Verlage nicht wissen, was sie genau da unterschrieben haben, oder keine Lust haben, sich dazu öffentlich zu äußern. Es eint sie das Gefühl, dass irgendwer jetzt aber echt mal irgendwas tun muss — und es hilft sogar, die Forderungen nicht zu konkret zu formulieren, sonst fällt noch jemandem auf, wie radikal sie sind. [...]

    Ja, da gibt viel zu diskutieren und zu bedenken, und manche Mechanismen des Web, die es erleichtern, Zugang zu Nachrichten und hochwertigen Inhalten zu bekommen, erschweren gleichzeitig die Produktion dieser Nachrichten und hochwertigen Inhalte. Und die Antwort der Verlage auf diese Herausforderung ist es, eine ‹Hamburger Erklärung› zu unterschreiben, deren wirre Behauptungen man auf Nachfrage nicht einmal belegen kann oder mag? Wirklich?»

von Martin Hitz | Kategorie: Sparschwein

8 Bemerkungen zu ««Erklärungen» und «Manifeste» hüben und drüben»

  1. mds:

    Hinzuzufügen ist: Überbrückungshilfe des Staates gibt es nicht. Solche «Hilfen» bleiben dauerhaft, genauso wie höhere Zwangsabgaben.

    Was das Urheberrecht betrifft: Dieses Recht wurde nicht geschaffen um Informationen und Wissen zu monopolisieren, sondern die Schaffung von neuen Informationen und neuem Wissen zu fördern, zugunsten der Allgemeinheit. In den Rechtsabteilungen der Verleger hat man dies offensichtlich vergessen …

  2. Bobby California:

    Es gibt noch viel mehr hinzuzufügen… Flapsige Sprüche von beinharten Vertretern der Gratis-Mentalität wie Herrn Sixtus nützen niemandem etwas. Denn wenn er nichts mehr klauen kann, weil es keine Zeitungen mehr gibt, dann geht ihm amänd plötzlich der Stoff zum Twittern aus. Das Internet ist kein fremdes Land, und es ist auch nicht einsichtig, warum man sich im Internet zwingend um geltendes Recht foutieren müsste. Zudem hat Herr Sixtus das Internet nicht selber erfunden. Ihn hat genausowenig jemand gerufen wie die Verleger.

    Kluge Kommentare von beinharten Liberalen nützen auch wenig. Wer wie ras fordert, dass sich die Presse selber helfen soll, der muss sich vielleicht bald selber helfen, und zwar ohne Verleger im Rücken. Eine Lösung hat ras offenbar auch nicht anzubieten, «neue Geschäftsmodelle» ist eine sehr vage Idee. Stadlers Einwände gegen die Vergünstigungen für Medienprodukte sind nicht stichhaltig. Mit ein bisschen Fantasie wird es sicher möglich sein, zu verhindern, dass nicht zB Pornomagazine von der Vergünstigung profitieren. Und was die Empfänger von Staatsgeldern mit dem Stutz anfangen, ist der NZZ ja auch herzlich egal, wenn es sich bei der Begünstigten um eine Bank handelt.

  3. @ Bobby California

    “… von beinharten Vertretern der Gratis-Mentalität wie Herrn Sixtus …”

    Huch! Wie kommen Sie denn auf dieses dünne Brett?

    “Denn wenn er nichts mehr klauen kann, weil es keine Zeitungen mehr gibt …”

    Das nehme ich persönlich: Ich beklaue keine Zeitungen, ich schreibe sogar bisweilen für sie.

    “Zudem hat Herr Sixtus das Internet nicht selber erfunden. Ihn hat genausowenig jemand gerufen wie die Verleger.”

    Richtig. Im Gegensatz zu besagten Verlegern verbringe ich allerdings meine Zeit im Netz nicht mit Jammern, Wehklagen und politischen Forderungen.

  4. Bobby California:

    Herr Sixtus > Sie nehmens persönlich, wie süss. Im Austeilen sind Sie offenbar besser als im Einstecken. Zu Ihrer Frage: Kann schon sein, dass Sie das Wort «gratis» tunlichst vermeiden und lieber vornehm «Creative Commons» sagen. Das finde ich grossartig. Dennoch verstehe ich nicht, warum Sie es für nötig halten, die Leute, die sich für den Schutz des geistigen Eigentums einsetzen, als «Traditionalisten» und Jammerlappen zu verspotten. Wenn Sie bisweilen für Zeitungen schreiben, dann müssten Sie ja eigentlich auch ein Interesse daran haben, dass Ihre Auftraggeber nicht bald den Schirm zumachen, weil sich die Medienprodukte nicht mehr verkaufen lassen. Aber eben: Es klingt halt schon flott, wenn man so richtig über die Verleger herziehen kann. Man kann damit beweisen, dass man zur modernen Generation gehört.

    So, jetzt leg ich noch eine Vinylplatte auf. Ein Pirat war ich früher zugegebenerweise auch, als ich Radiosendungen mit meinem Kassettenrekorder mitschnitt. Leider konnte man aber damals als Besitzer eines Kassettengerätes nicht der Piratenpartei beitreten, weil es die noch gar nicht gab.

  5. Fred David:

    Stadler hat Recht.

    Das Urheberrecht muss ausserdem multinational abgesichert sein. Dass man Google etc. drankriegt, für die professionelle Verlinkung von fremdem geistigem Eigentum, ist ebenso richtig. Die sollen dafür bezahlen. So etwas kann man in Europa nur über die EU durchsetzen.

  6. Mein lieber Herr “California”, Verleger sind Unternehmer und wenn sie nicht in der Lage sind, ihre Internet-Aktivitäten in monetären Gewinn zu verwandeln, dann sollten sie diese Unternehmungen entweder a) einstellen, oder b) sich auf die Suche nach einem funktionierenden Geschäftsmodell machen. Sich klagend an die Gesetzgeber zu wenden, weil im Netz nicht alles so funktioniert wie außerhalb des Netzes, ist einfach nur armseelig. Genau das steht in meinen Tweets.

    Und in Sachen Creative Commons scheinen sich bei Ihnen einige Verständnisschwierigkeiten eingenistet zu haben. Der Einfachheit halber verweise ich auf die Wikipedia. Lesen bildet: http://de.wikipedia.org/wiki/Creative_commons

  7. ras:

    Der Kalifornier kritisiert, ich hätte keine Lösungen zu den Finanzierungssorgen der Presse anzubieten. Stimmt. Ist eine schwierige Sache. Allerdings kriege ich meinen Lohn dafür, (allenfalls) kreative Texte herzustellen. Wenn es um Geschäftsmodelle geht, erwarte ich, dass die Verlagsseite kreativ wird. Und dass sie gleichzeitig das Bewusstsein dafür behält, dass unabhängiger Journalismus etwas Wichtiges ist.
    Was das Copyright betrifft: Für Journalisten gibt es nur eines: „all rights reserved“. Piraten, auch wenn sie politisch werden wollen, gehören dorthin, wo sie immer schon hingehörten: vors Gericht. Leider ist es allerdings so, dass viele Piraten einen Lohn als Journalist beziehen. Und selten für ihre Piraterie belangt werden. Ein Fall von “Kuschel”-Justiz?? Es grüsst der beinharte Rechts-Liberale.

  8. Bobby California:

    Herr Sixtus > Lange Zeit empfand ich für die Verleger genausowenig Sympathie wie Sie. Doch die Situation ist heute eine andere: Die Printmedien sind in der Existenz bedroht. Und bekanntlich zögert der Staat nicht lange, wenn es darum geht, andere bedrohte Wirtschaftszweige wie Autofabriken und Banken grosszügig zu unterstützen. Ich persönlich finde: Zeitungen sind wichtiger als Autos und Banken. Deshalb verstehe ich nicht, warum Sie und Ihre modernistischen Freunde glauben, hämisch auf den Verlegern herumhacken zu müssen. Warum twittern Sie nicht mal was Hämisches über Banken und Autofabriken? Dann würde ich glatt zum Mario-Follower. Meine offenbar ungenügenden Kenntnisse über Creative Commons bezog ich übrigens direkt von Ihrer Sendung.

    Herr Stadler > Ich bleibe dabei: Wenn die UBS Milliarden erhält, weil sie angeblich systemrelevant ist, dann müssten für die Zeitungen mindestens ein paar hundert Millionen locker zu machen sein. Denn Zeitungen sind mindestens so systemrelevant. Wer soll dem Volk verklickern, warum Staatshilfe für Banken nötig ist, wenn es keine NZZ mehr gibt?

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