Von Ben Russell lernen: Die «Küsnachter Schläger» und die Medien

Vielleicht habe ich mir deswegen die Berichterstattung über die «Schläger aus Küsnacht» genauer angeschaut, weil ich den Tatort genau vor mir sehe. Sonntag Abend (28.6.) um 22.30 Uhr hatte ich das Kino am Sendlinger Tor-Platz in München verlassen: «Der Stand der Dinge» mit Ben Affleck Russell Crowe, die Story eines alternden Reporters, der nochmal zeigt, was Print alles könnte, wenn er denn noch wollte: Hommage an eine im Kern verunsicherte Branche. Fand ich passend.

Ich nahm zufällig exakt den gleichen Weg zu meinem Hotel wie 48 Stunden später die wild gewordene Truppe aus der Schweiz, rechts herum auf die Ringstrasse, gut beleuchtet, ruhige Gegend, wenig Passanten, jedenfalls keine No-go-area. Am Fotogeschäft, vor dem sie wortlos den völlig unbeteiligten deutschen Versicherungskaufmann mit einem gezielten Faustschlag von hinten niederstreckten, war ich gleichfalls stehen geblieben, weil mich eine Nikon in der Auslage faszinierte.

Am Boden vor dem Schaufenster, so der Polizeibericht, traten sie seinen Kopf mit mehreren gezielten Tritten. Bewusstlos, mehrere Kieferbrüche, das ganze Gesicht verschoben, zur Unkenntlichkeit aufgedunsen. Das Blut rann aus den Ohren.

Ich hatte ziemlich Schwein, schon 48 Stunden zuvor dort gestanden zu haben und nicht in jenem Moment, als die Schweizer Amoktruppe offenbar lautlos um die Ecke bog.

Eidgenossen oder bloss Schweizer?

Die Schweizer Medien taten sich extrem schwer, sich darauf einzustellen, was da passiert war. Sie brauchten mehrere Tage dazu. Der Grund war offensichtlich, man konnte es der Herkunftsbeschreibung der Täter entnehmen: «Schüler aus Küsnacht»; «Jugendliche aus der Schweiz, zwei davon mit Migrationshintergund …»; «Drei Schüler aus dem Kanton Zürich». Einfach nur «Schweizer Jugendliche» wagte zunächst niemand zu schreiben. War ja ein Slowene dabei. In der Schweiz geboren oder nicht? Die Frage wurde von mehreren Zeitungen gewälzt. Als ob das irgendetwas ändern würde.

Was besonders auffiel: Die Möglichkeit für Leserkommentare war auf Schweizer Medienportalen kaum vorhanden. Wovor hatten die Redaktionen Angst? Man ahnte es. Kurzes Checken der Website der Münchner «Abendzeitung». Dort ging es umso heftiger zur Sache. Eine über weite Teile widerliche Tonlage. Überraschend: Die meisten Kommentare kamen erkennbar aus der Schweiz: Tom: «öffentlich steinigen wie früher … geschrieben von einem echten Eidgenossen»; Robert: «…bitte Höchststrafe für dieses Gesindel…»; «… asoziales, vaterlandsloses Verbrecherpack …», schrieb «Spielführer», «…alle mit Migrationshintergrund sofort abschieben …».

Tom II: «Wir Eidgenossen stehen jetzt wegen Papierlischweizern in der Kritik …»; ein Fill: «… und schon wieder waren es Ausländer …»; Michi «aus dem Bodenseeraum, St. Gallen»: «Man muss heutzutage ja unterscheiden zwischen Schweizern und wirklichen Eidgenossen …»; Daniel Ernst: «Ich schäme mich für solche sog. ‹Landsleute› …»; Mike N.: «… falls auch teils echte Schweizer dabei waren, die von diesen Immigranten beeinflusst wurden …». Die wenigen deutschen Kommentierer waren sichtlich irritiert darüber, was ihnen da aus der Schweiz entgegenschlug. Ebenso irritiert schloss die Redaktion denn auch den Kommentarbereich zum betreffenden Artikel. In der Schweiz las man darüber nur ein paar nichtssagende Sätze.

Lehre daraus: In solchen Situationen müssen Userkommentare von der Redaktion begleitet und moderiert werden. Dann können sie aufschlussreiche, aber auch unbequeme Erkenntnisse bringen, ohne dass gleich alles aus dem Ruder läuft.

Auffallend dürre Textlein

Als der Vater eines Täters auf Radio 1 ein Interview gab, wurde es im Kommentarbereich der «Abendzeitung» schlagartig ruhiger: Er sprach nämlich original Züritütsch. Wirklich einer von uns. Das machte den Fall auch für Journalisten offenbar noch komplizierter. Die «Sonntagszeitung» zeigte sich geradezu demonstrativ lau, obwohl Küsnacht doch unmittelbar vor der Tür liegt – und die entsprechende Geschichte ebenfalls.

Wahrscheinlich dachte man, der «Tages-Anzeiger» werde das dann schon machen. Seltsame Arbeitsteilung. Vier Reporter schafften gerade einmal ein dürres Textlein von 75 Zeilen, ohne irgendeine Neuigkeit, sowie ein Kürzestinterview mit dem unvermeidlichen Jugendexperten Allan Güggenbühl, den mehrere Medien gleichzeitig quoteten, was weitere Recherchen ersparte. Auch die TA-SZ-Frontschlagzeile: «Alkohol hat sie völlig enthemmt», war zwei Tage später überholt und schon am Samstag erkennbar daneben. Mehr als 1 Promille hatte keiner der Jugendlichen intus und mehr als zwei Marihuanajoints wurden in der Gruppe nicht herumgereicht. Das wurde zwar erst am Dienstag bestätigt, aber die Münchner Polizei äusserte schon vorher Zweifel, dass Alkohol der entscheidende Faktor war. Der Vollrausch taugte jedenfalls zu keiner Zeit als Erklärung für das Unerklärliche.

Dabei war augenfällig, dass die Täter nicht aus einem sozialen Brennpunkt stammten. Auch die Ausländer-Schiene führte in die Irre. Der Fall lag ganz anders als vergleichbare Fälle. Er war komplexer. Und er war viel brutaler als alle bisherigen, ein blutiger Amoklauf, der fast eine Stunde dauerte: Vier weitere Passanten wurden ohne Vorwarnung niedergeschlagen. Mädchen waren zum Teil dabei. Sie liessen zwei Bewusstlose und einen Invaliden hilflos am Boden liegen. Reue zeigten die Täter auch bei späteren Einvernahmen keine, so die Polizei. Das ist ein Satz, den man hinterfragen muss. Sehen sie es als mildernden Umstand, dass sie nur Ausländer schlugen und keine Schweizer?

Die Opfer: Drei Mazedonier, darunter ein erkennbar Invalider (Faust frontal), ein Bulgare (mit angewinkeltem Ellbogen frontal) und der Deutsche. Auch das fällt auf. Ein «Bert von Thun» schrieb im Kommentarbereich der «Abendzeitung»: «Seit sechs Jahre wird mein Sohn hier in CH in der Schule als Scheissdeutscher, Nazi usw. beschimpft, gemobbt, geprügelt, geächtet…». Da sollte man doch bitte mal näher hinsehen. Der Tatverlauf jedenfalls legt nahe: Dieser Gewaltexzess dürfte nicht der erste gewesen sein. «Leute abklatschen» als Motiv fällt einem nicht nachts um halb elf in einer fremden Stadt einfach so ein. Gezielt Ausländer, Deutsche «abklatschen», schon eher. So eine Disposition entsteht nicht von heute auf morgen.

Küsnacht schweigt … und man lässt es schweigen

Die «NZZ am Sonntag» begnügte sich mit dem Hinweis, die Eltern der Täter kämen aus «Kreisen von Unternehmensbesitzern, Architekten, Sachbearbeitern». Küsnacht schwieg völlig. Und die Medien liessen es schweigen. Der Gemeinderat scheint nicht existent zu sein. Eine gewisse Rücksichtnahmen von Journalisten gegenüber den Angehörigen wäre nachvollziehbar – aber nicht grad so viel. Das ist Bequemlichkeit.

Seltsam im Raum hingen Antworten, die eine Reporterin des Schweizer Fernsehens von Mitschülern einfing, aber nicht weiter verfolgte: Man habe von ähnlichen Überfällen auf Invalide in und um Küsnacht gehört, und an Wochenenden seien solche Szenen in Zürich «normal». Tatsächlich? Dann will ich darüber mehr erfahren. Solche Sätze wie der mit den Invaliden kann man nicht einfach im Raum stehen lassen.

Tagelang, wie zur Ablenkung vom Goldküsten-Phänomen Küsnacht, und was damit zusammenhängt, wälzten die Medien die Frage, ob Jugendanwälte ihre Informationen über Vorstrafen und laufende Ermittlungsverfahren an Lehrer weitergeben sollen beziehungsweise müssen. Damit war man wieder auf einer rationalen, leichter handhabbaren Ebene. Das Irrationale drängte man weg, als wäre der Fall ausschliesslich eine Sache von Polizei und Justiz und allenfalls der Schulleitung, ein Aktenumlaufverfahren sozusagen.

Die Frage nach der internen Information ist berechtigt, ohne Zweifel. Aber erst die Pressekonferenz von Regierungsrätin Regine Aeppli brachte die Antwort – eine Woche nach der Tat. Hätte die Regierungsrätin geschwiegen wie der Küsnachter Gemeinderat, wären die Medien von sich aus offensichtlich nicht in der Lage gewesen, die Frage zu klären. Regel Nummer 1: Am einfachsten immer auf Medienkonferenzen und Communiqués warten. Gibt’s keine, hat der Leser Pech gehabt.

Unterforderte Leser

Als Medienkonsument erwarte ich zehn Tage nach einer Tat, die den Rahmen des «Üblichen» in mehrfacher Weise dramatisch sprengt, mehr als wiederum diese einzelnen News-Bruchstückchen, die ich mir gefälligst selber zu einem Bild zusammenkleben soll. Diese Mühe machen sich Journalisten nicht mehr, ein Medienmuster, das immer mehr auffällt.

Dem Reporter in «State of Play» («Der Stand der Dinge»), einem versoffenen Fossil, gespielt von Ben Affleck Russell Crowe, hätte das alles keine Ruhe gelassen. Aber der stammte aus einer Welt, als Journalisten sich nicht mit dem Abfragen von Schulbehörden, Polizeisprechern, und Psycholgieexperten begnügen durften, sonst hätten ihnen die Chefredaktoren Beine gemacht.

Ich weiss, ich weiss: Klingt wie Erzählungen aus dem «Aktivdienst anno 39/45». Aber etwas mehr Aktivdienst in der Branche wäre angebracht. Allmählich werde ich als unterversorgter, ausgehungerter, unterforderter Schweizer Medienkonsument etwas militant.

Übrigens: Der Reporter im Film spannt, zunächst widerwillig, mit einer girlyhaften Kollegin vom hypen Online-Dienst der Zeitung zusammen. Nachdem beide die gegenseitige Abneigung, auch Print gegen Web und umgekehrt, überwunden haben, laufen sie als Team zur Höchstform auf.

Das lässt doch irgendwie noch auf eine bessere Zukunft hoffen.

Fred David ist seit 40 Jahren Journalist (u.a. «Spiegel»-Redaktor, Auslandkorrespondent der «Weltwoche», Chefredaktor von «Cash»). Er lebt heute als freier Autor in St. Gallen.

von Fred David | Kategorie: Mediensatz

12 Bemerkungen zu «Von Ben Russell lernen: Die «Küsnachter Schläger» und die Medien»

  1. Spannende Analyse. Ich möchte dem eigentlich gar nicht mehr viel anfügen, lediglich eine kurze Bemerkung zur Aussage eines Schülers machen, wonach solche Szenen in Zürich normal sind; nun ich denke, normal ist solch rohe Gewalt wohl schon nicht. Jedoch scheint mir Zürich aggressiver zu werden (das mag natürlich auch eine subjektive Interpretation sein).

    Ich bin 23 Jahre alt und kenne das Zürcher Nachtleben seit ein paar Jahren. Und ich habe das Gefühl, dass Aggressionen zugenommen haben. Ich werde praktisch jedes Wochenende Zeuge einer Schlägerei. Es wird tatsächlich, was ich selbst einmal erlebt habe (zum Glück geschah es nicht mir), auf Opfer, die am Boden liegen, eingetreten. Zu zweit. Im Nachtzug ist die Stimmung jeweils aggressiv und droht jederzeit zu kippen. Deshalb meinte der Jugendliche wohl, es sei „normal“. Dennoch lässt mich der Eindruck nicht los, dass er damit irgendwie prahlen wollte und sich womöglich dem Ernst der Situation nicht bewusst war.

  2. Fred David:

    @)Pascal, danke für diese aufschlussreiche und zugleich bedrückende Einschätzung. Ich bin 36 Jahre älter als du. Ich weiss nicht wirklich, was in dieser Subkultur vorgeht.

    Aber ich will es wissen!

    Warum lese ich, sehe, höre ich darüber so wenig Substanzielles? Und das Fernsehen begnügt sich mit der Vermittlung einer Heile-Welt-Schwiiz, manchmal bis zur Unerträglichkeit.

    Es gibt doch in diesem Land genügend junge Journalisten, die Zugang zu diesen Themen haben (sollten).

    Dann sollen sie jetzt liefern und ihre Altvorderen in den Redaktionen dazu drängen – ruhig auch mal laut – dass diese die Kapazitäten dafür freischaufeln.

    Schluss jetzt, mit dem Larifari! (Dieser Ausruf eignet sich auch als Wortbeitrag in Redaktionskonferenzen aller möglichen Medien)

  3. Korrekterweise müsste die Überschrift „Von Russell lernen“ heissen, denn das „versoffene Fossil“ in „State of Play“ wird nicht von Ben Affleck sondern eben von Russell Crowe gespielt. Ansonsten aber ein interessanter Text, den man gerne weiterreicht.

  4. Fred David:

    @) Roland Meier: Danke für den Hinweis. Das war in der Tat ein böser Schnitzer. Also: Bitte nicht von Ben lernen – das Böse in Person! , sondern von Russel.

    Das ist übrigens ein unschlagbarer Vorteil des web: Fehler können umgehend korigiert werden.

  5. Ich denke es liegt auch daran, dass der durchschnittliche Feld-Wald-und-Wiesen-Journalist gar keine schlüssigen Personen oder Charaktere mehr schildern kann. Auf diesem Gebiet sind nahezu alle Tagesschreiber defizitär, ihnen fehlt die Imagination, die Intuition, die Empathie. Bei ihnen entsteht immer nur ‚Human Ratatouille‘ oder Patchwork, ein Häppchen für den Bildungsbürger, ein Häppchen für den Boulevard, sie besitzen keinen Sinn für das, was Individuen antreibt, für ihre fixen Ideen, für das Gewordensein, für Faktoren wie Langeweile, Gruppenkohärenz, Rollenhandeln, das Ausrichten an Medialbildern etc., lauter Zutaten, mit deren Hilfe sich dann halbwegs kenntliche und repräsentative ‚Personen von heute‘ formen ließen, die in diesem Fall notwendigerweise ziemlich ‚hohl‘ und damit ‚unschweizerisch‘ ausfallen müssten – obwohl es ja Schweizer sind. Alles Schriftstellerische – im Sinne von: Personen zum Leben erwecken können – das geht diesem faktenapportierenden Instant-Journalismus von heute je länger je mehr ab …

  6. Robert:

    Ich teile die Ansicht des Autors, gebe jedoch eines zu bedenken. Ich bin es als Medienkonsument leid, irgendwelche Spekulationen zu lesen. Will heissen. Diese grauenvolle Tat ist passiert – warum, das wird niemand genau wissen. Wohl nicht mal die Täter selbst (Was übrigens in keinster Weise eine Verteidigung sein soll). Psychologen können vermuten: Macht, Gruppendruck, Aggressionen aufgrund schwieriger Kindheit, keine Zukunft, etc.

    Damit meine ich aber, dass ich dann 10 Tage später nicht irgendeine Schlagzeile lesen will, die besagt: „Immer mehr Jugendliche prügeln sich im Ausgang“ oder „Immer mehr Jugendliche haben keine Hemmungen mehr“. Das ist alles Bullshit. Also: Ich weiss selber nicht genau, was ich über diesen Fall lesen (und übrigens auch schreiben) soll.

  7. @Fred: Danke für deine Antwort. Ich persönlich finde dieses Thema auch ziemlich spannend. Weisst du noch, wie die Reporterin hiess, der der Jugendliche entgegnet hat, dass Schlägereien völlig normal seien? Ich arbeite neben meinem Studium als freier Journalist und würde gerne mal etwas in diese Richtung recherchieren.

    Grüssewohl
    Pascal

  8. Fred David:

    @) Pascal:

    Es war in Schweiz aktuell“ letzte Woche, ich glaube, am Donnerstag.

    Noch ein Tip: Eine eben erschienene Studie von drei Münchner Spitälern (Info via Pressestelle Klinik Rechts der Isar bez. Polizeipräsidium München) unter 300 stark alkoholisierten Jugendlichen (1,6 – 3,2 Promille) waren 21% unter 14jährig, 20% hatten schon mehr als eine Alko-Vergiftung hinter sich; 45% sind Mädchen; 9% sind Lehrlinge , aber – das ist erstaunlich : 57% Gymnasiasten.

    Das ist offenbar keine Aussenseiter-Geschichte. In der Schweiz dürfte es ähnlich sein, allerdings ist mir hier keine solche Untersuchung bekannt.

    Ein weites Feld für eine Recherche. Viel Glück!

  9. @Fred:

    Besten Dank, ich konnte rausfinden, wie die Journalistin heisst. Danke auch für die Info über die Alkoholvergiftungsstatistik; sind wirklich durchaus verwunderlich diese Zahlen – werde sie im Hinterkopf bewahren.

    Beste Grüsse
    Pascal

  10. Fred David:

    Ein Blick in die „Sonntagszeitung“ von heute (12.06.).

    Man glaubt, man ist im Wald. Auf der Fronseite geht die Redaktion nochmal auf die oben beschriebenen Vorgänge ein, wohl wie als Rechfertigung zur auffallend schwächlichen Leistung der Zeitung letzte Woche zu diesem Thema. Jetzt heisst es aufatmend „Münchner Polizei krebst zurück“. Was für Idioten, diese Münchner. Es gehe gar nicht mehr um versuchten Mord, sondern nur noch um ein „versuchtes Tötungsdelikt“ – von 16Jährigen auf einem Schulreisli.

    Auch solle man – sinngemäss – wegen dem Verletzten nicht so ein Gedöns machen: Der 46jährige sei ja schon wieder aus dem Spital entlassen und habe nicht einmal „bleibende Schäden“. Mit dem Opfer oder dessen Anwalt sprach niemand. Die Mühe, mit den andern Opfern – mazedonische Obdachlose, igitt! – zu reden, überliess man dem „Sonntagsblick“, der das nicht reisserisch, sondern nüchtern und eindrücklich machte.

    Ist das Züri-Cüpli-Journalismus aus einer Welt, die sich irgendwie von der Realität abkoppelt? Die Aufmacherstory im Trendbund der „Sonntagszeitung“ beschäftigt sich über eineinhalb Seiten mit der Frage, „warum wir dauernd mit den Falschen ins Betten gehen“.

    Nichts gegen Rosathemen, sofern andernorts im Blatt noch Journalismus betrieben wird. Aber: Wird der noch betrieben? Die „Sonntagszeitung“ ist auf einem bemerkenswert seltsamen Tripp der selektiven Wahrnehmung,

    In der gleichen Nummer (Seite 3) sagt der SBB-Chef Andreas Meyer in einem Wirtschaftsinterview eher beiläufig: „Wir stellen fest, dass die Gewaltbereitschaft (in den Zügen) zunimmt. Dort wo es Uebergriffe gibt, sind sie brutaler geworden. Die Hemmschwelle ist eindeutig gesunken. Ich erhalte jeden grösseren Vorfall auf mein Blackberry gemeldet. Was ich da sehe ist oft haarsträubend und geht mir nahe.“

    Da wäre doch die logische Konsequenz von Journalisten, die nicht in erster Linie ihr Happyhour-Cüpli und die Blockstunde im Wellnesscenter im Kopf haben: Was genau erhält der SBB-Chef da regelmässig auf sein Blackberry? Was geht in den Nachtzügen wirklich ab (was hier in diesem Blog Pascal andeutet).

    Wenn schon der SBB-Chef praktisch auf dem Silbertablett serviert: Hallo, Damen und Herren Journalisten, hier ist, ohne allzu viel Aufwand, die Story – wenn das rein gar nix auslöst, ist das schon eine seltsame Kiste.

    Gefragt ist nicht irgendeine Hysterie, sondern vielleicht mal eine ganz nüchterne Reportage aus dem Nachtzug Freitag Nacht von Zürich nach St.Gallen (der SBB-Chef wäre dabei wahrscheinlich sogar behilflich…).

    Mein Frau geriet letzthin zufällig in so einen Zug: Sie war geschockt von der aggressiven Stimmung, von dem chauvinistischen und rassistischen Gegröle Sie kam weinend zu Hause an. Es war „nur“ verbal und nicht gegen sie gerichtet, sondern gegen Asiaten, die im Zug sassen. Meine Frau wagte nicht papp zu sagen – und ich konnte sie darin nur bestärken.

    Der Chefredaktor des „Sonntagsblick“ beschäftigt sich eine ganze Spalte in seinem wöchentlichen Kommentar mit der Badehose von Christsoph Blocher. Der Chefredaktor des „Sonntag“ widmet seine Spalte Roger Federer und interviewt eineinhalb Seiten lang seinen Chefredaktorskollegen Köppel von der „Weltwoche“.

    Chefredaktoren unter sich, abgehoben, eitel, selbstbezogen, abgedreht. Fällt das nur mir auf? Das kann nicht sein.

  11. @Fred David: Es gibt durchaus Journalisten (vom Verlag Tamedia), die in Züge einsteigen, wo eine erhöhte Gewaltbereitschaft herrscht. Siehe hier:

    http://medienlese.com/2009/02/27/gewaltzone-sonderzug-no-go-areas-fuer-journalisten/

  12. Fred David:

    @) Ronnie Grob: Ja, ich erinnere mich, das war vor einem halben Jahr, als der Kollege Büttner vom „Tagi“ zufällig in einen Sonderzug mit Fussballfans geriet, nach einem aufheizenden Spiel. Er beschrieb drastisch, was da abging.

    Aber nach Fussballmatchs geht man davon aus, dass es zu solchen Ereignissen kommt. Was der SBB-Chef und auch Teilnehmer dieses Blogs hier beschreiben, ist hingegen der normale Alltag, zumindest Freitags und Samstag Nacht. Das sind ausgreifende Phänomene, die kann man nicht einmal – eher zufällig – beschreiben und dann ist es das dann gewesen.

    Wäre Büttner nicht zufällig in den falschen Zug gestiegen, hätte unter mehreren tausend Schweizer Journalisten wohl kein einziger darüber geschrieben. Wobei diese Züge ja nur ein Aspekt sind.

    Ich will nicht an diesen Zügen hängen bleiben Ich beschreibe einfach das Gefühl, dass ich mir in der Schweiz je länger umso mehr „overnewsed and totally underinformed“ vorkomme.

    Beispiel: In der Schweiz brennen in diesen Tagen wirklich mehrere hoch brisante Themen gleichzeitig: Die teilweise Uebernahme der Politik und staatlicher Interessen durch die UBS (Gerichtsfall in Florida, wo es am Montag zur Sache geht). Der Streit um brisante Akten zwischen Bundesstrafgericht und Regierung (wo im Hintergrund ebenfalls der Fall UBS eine Rolle spielt) – Vorgänge, die es in dieser Art bisher nicht gab in der Schweiz und die weitreichende Folgen haben.

    Einzig die „NZZ am Sonntag“ nahm sich dieses Wochenende dieser Themen ausführlich an, der Chefredaktor selbst, wenn auch tendenziös, aber das ist eine andere Geschichte. Er gewichtete immerhin nach Relevanz.

    Ich meine, die Schweizer Medien zeigen gravierende Schwächen, die es noch vor wenigen Jahren in diesem Mass nicht gab. Das finde ich beunruhigend.

    Und da möchte ich einfach gern wissen: Bin ich wirklich der Einzige, der das so sieht?

Bemerkung anbringen

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *