Madoff, die Swiss Connection … und die Schweizer Medien?

Von Fred David

Zufallsfund auf ORF 2 letzten Donnerstagabend spät beim Zappen: eine US-Doku über den Fall Madoff. Der hoch angesehene Ex-Chef der New Yorker Nasdaq, der mit seinem privat aufgebauten Schneeball-System nach neusten Kalkulationen 65 Milliarden Dollar versenkte; Geld von Anlegern, die Madoffs über Jahre konstant hohen Renditen zwischen 8 und 10 Prozent für bare Münze nahmen und jetzt jammernd und zeternd in die Röhre gucken. Die Milliarden sind verdampft.

Als aktiver Mediennutzer meinte ich, über den Fall einigermassen auf dem Laufenden zu sein. In der Doku tauchte als Drehscheibe für Madoffs Hedgefonds dauernd Genf auf – und ein US-Finanz-Clan namens Noel, der Madoff zahlungskräftige Kunden zuführte.

Was? Wer? Wie? Wo?

Kurzer Check in der Mediendatenbank smd. Hatte ich da etwas verschlafen? Ich stiess auf ein paar rudimentäre Copy-paste-Texte, die sich offenbar alle auf die gleichen Internetquellen stützten. Der «Tagi» recherchierte ein wenig im Tessin. Die «NZZ am Sonntag» fühlte mit den «Leidtragenden» (Originalton). Der «Blick» montierte aus Agenturen und Internet eine kurze Geschichte über Aufstieg und Fall der Familie Noel.

Die Schweizer Ausgabe der «Zeit» beschränkte sich aufs Kommentieren, aber immerhin am kräftigsten von allen: «Je mehr Licht auf die Affäre Madoff fällt, umso klarer wird sich zeigen, wie sehr die involvierten Banken und Finanzjongleure profitiert haben. Sie taten dies kaum im Interesse der Klientel.» Kunststück: Die global agierenden Zudiener von Madoffs System kassierten neben Kommissionen bis zu 20 Prozent Gewinnbeteiligung. Das dämpft jede kritische Betrachtung.

Am ausführlichsten war noch die «Bilanz». Sie hatte offenbar ein wenig herumtelefoniert und dadurch ein paar exklusive Einzelheiten zutage gefördert, etwa die, dass der Noel-Clan allein 2006/07 dank der «Anfixer»-Dienste für Madoff 342 Mio. Dollar an Kommissionen und Gewinnbeteiligungen garnierte – ohne die geringste produktive Eigenleistung; die eingesammelten Anlagegelder wurden direkt nach New York weitergereicht. Ansonsten hat aber auch die «Bilanz» erkennbar kräftig gegoogelt.

Macht ja nix, aber man muss doch nach wenigen Minuten Internet-Recherche schnallen, dass da eine überaus fette Story dahinter steckt mit sehr vielen Schweiz-Bezügen. Vor Ort in Genf jedenfalls scheint niemand recherchiert zu haben. Falls ich jemanden übersehen haben sollte: Sorry! Nur: Die wenigsten Schweizer lesen mehr als zwei verschiedene Zeitungen.

Den Gipfel an Tranigkeit erreichte mal wieder die «NZZ». In der Samstagsausgabe (23.6.09) begnügte sich das «NZZ»-Kürzel «bau» mit einer Buchbesprechung, live aus Genf: «L’affair Madoff» (Autor: Amir Weitmann). Über Genf erfährt man vom Genfer Wirtschaftskorrespondenten der «NZZ» so gut wie nichts, ausser dass Madoff allein in der Rhonestadt einen Schaden von über sieben Milliarden Dollar hinterlassen haben soll. Ist ja nicht nichts. In der Schweiz sind es insgesamt noch sehr viel mehr.

Wer? Wie? Wo? Was?

Keine Ahnung. Soll sich der Leser die Infos und Zusammenhänge doch gefälligst selbst zusammensuchen.

Genf – die Schweiz generell – steht im Scheinwerferlicht dieses grössten Betrugsfalls der Geschichte. Bloss in den Schweizer Medien bleibt’s dunkel. Schweizer Fernsehen? Ach Gott, Genf ist doch unendlich weit weg von Zürich. Und ausserdem muss man dort französisch reden.

Eine Viertelstunde auf dem US-Portal Muckety.com («Exploring the paths of power and influence») – oder auch auf finews.ch, das die interessantesten internationalen Zeitungsartikel themensortiert bringt – lässt eine ungeheure Fülle an Quellen, Links, Hinweisen und Vernetzungen von Personen und Unternehmen sprudeln, anhand derer man sofort in der Schweiz vor Ort – und live von Mensch zu Mensch – recherchieren könnte. So man denn Lust dazu hat.

Allein vom Madoff-Clan (19 Enkel) sind neun Familienmitglieder in die Affäre verwickelt. Sie bedienten sich sogenannter «Feeder», die gegen saftige Millionenhonorare nichts anderes taten, als dem Schneeball-System von Madoff reiche Kunden zuzuführen – wie Anfixer von Drogendealern.

Am famosesten hatten es die Noels getrieben, ein ehrbarer Finanz-Clan aus Greenwich, Connecticut. Fünf Töchter, vier davon waren über ihre Ehemänner mit Madoffs Deals engstens verbandelt, einer in Genf, einer in Lugano. Achtung Redaktionen: US-Clan mit Schweizer Grossmutter namens Trudy Haegler! Das ist doch noch immer der Aufhänger, mit dem man eine Auslandgeschichte als zwingend relevant an zögerliche Chefredaktoren verkaufen kann.

Ein zentrales Element ist die Union Bancaire Privée in Genf (Wer ist der Picciotto-Clan, der hinter dieser Bank steht?). Sie verbrannte über eine Milliarde in Madoffs Cheminée, gilt im Hedgefonds-Geschäft weltweit als ganz grosse Nummer und war seinerzeit schon bei den Milliarden des nigerianischen Diktators Abacha hervorgetreten.

Welche Rolle spielt die Saronic Shipping Company in Lausanne (in Tat und Wahrheit ein Firmenmantel für Finanzgeschäfte – mit Link zum Noel-Clan)?

Wer steht hinter EIM in Nyon (300 Mio. im Cheminée)?

Welche Rolle spielte der Genfer Privatbankier Bénédict Hentsch genau, und nicht nur ungefähr, wie bisher beschrieben? Zu den Noels pflegt er seit den achtziger Jahren engste Beziehungen; kurzzeitig hatte er sogar mit deren Firma fusioniert (er ist übrigens immer noch Verwaltungsrat von Swiss Re, wo es u.a. um geschickte und sichere Anlagestrategien geht). Hentschs Bank empfiehlt sich den Kunden übrigens mit «hohen Quoten in alternativen Anlagen». Aus der Trickkiste?

Warum steckt ausgerechnet die spanische Bank Santander Genf mit 2,3 Milliarden im Madoff-Sumpf und warum ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen die Genfer Santander-Tochter Optimal Investment Services, von der es wiederum personelle Verbindungen zum Picciotto – und zum Noel-Clan gibt?

Was ist mit der Genfer Notz Stucki SA, einer überaus diskreten, ebenfalls tief im Madoff-Sumpf steckenden Genfer Tochter der auf staatliche Krücken gestützten UBS?

Was ist mit der Neuen Privatbank Zürich und dem dortigen Spezialisten für «Anlagestrategien mit strukturierten Papieren», Prof. Dr.iur. et Dr.oec. Markus Ruffner?

Was ist mit Reichmuth & Co., Luzern/München (400 Millionen im Cheminée), einer Gründung von zwei ehemaligen CS-Managern, die noch vor wenigen Monaten ihre Kunden privatim informierten: «Unsere Fonds gewinnen wiederum im Vergleich zu andern»?

Was ist mit Benbassat & Cie, Genf (1 Milliarde Cheminée-Holz), und wer steht dahinter?

Und ist die CS wirklich so wenig betroffen, wie sie behauptet, obwohl sie in einem Joint Venture mit der britischen Tremont Capital Management, die kürzlich einen Cheminée-Schaden von 3,1 Milliarden Dollar vermelden musste, engstens liiert ist («eine der führenden Investmentbanken der Welt / Wir haben unsere Kräfte gebündelt», jubelt’s noch immer auf der CS-Homepage)?

Und schliesslich: Wenn bereits die US-Finanzaufsicht, die Madoff und den Noel-Clan im Schnitt alle zwei Jahre prüfte, nicht durch diesen Hedge-Wirrwarr durchblickt, wie will es dann unsere Finanzaufsicht unter dem Präsidium eines ehemaligen UBS-Direktors schaffen? Was gaukelt man uns da wieder einmal vor?

Bekannt ist im übrigen, dass Hedgefonds ein probates Vehikel zur Steuerhinterziehung gigantischen Ausmasses sind. Gegen die Bank Medici in Wien etwa (2 Milliarden im Cheminée) – sie gehörte einer langjährigen Hausfreundin der Madoffs – ermitteln derzeit Österreicher wie Briten wegen Geldwäscherei und Steuerhinterziehung via Madoff-Fonds. Womit wir wieder mal beim Schweizer Dauerthema wären, das wir einfach nicht mehr loswerden.

Ich habe in dieser Angelegenheit nicht recherchiert. Ich habe mir die Fragen innert rund einer halben Stunde aus dem Internet geholt. Mehr nicht.

Für eine saftige Geschichte – von mir aus in Fortsetzung – mit allen Zusammenhängen, Hintergründen und handelnden Personen (es ist viel mehr recherchierbar als es scheint) sind die Medien zuständig. Und auch dafür, politische Schlussfolgerungen zu ziehen. Die Politik hält sich da nämlich, wie immer, völlig raus.

Der Fall Madoff ist nicht einfach ein bedauerlicher Betriebsunfall. Er lässt das ganze System vibrieren. Und darüber möchte ich gefälligst mehr erfahren.

Ein Tipp: «Vanity Fair» vom Oktober 2002 besorgen. Tolle Illustration zum Thema. Die Golden Girls der Noels lachen auf einer Doppelseite siegesgewiss in die Kamera.

Darf ich als unterversorgter, ja ausgehungerter Leser und Fernsehzuschauer die Damen und Herren Journalisten bitten, endlich mit der Arbeit zu beginnen? Gern ein bisschen kritisch, hart am Ball, mit Hintergründen und Zusammenhängen. Halt auch mit dem Restrisiko, sich ein wenig die Finger anzusengen.

Aber natürlich nur, wenn’s nicht zuviel Umstände macht, gell? Wir wollen die Ruhe gwüss nicht stören.

Fred David ist seit 40 Jahren Journalist (u.a. «Spiegel»-Redaktor, Auslandkorrespondent der «Weltwoche», Chefredaktor von «Cash»). Er lebt heute als freier Autor in St. Gallen.

von Fred David

6 Bemerkungen zu «Madoff, die Swiss Connection … und die Schweizer Medien?»

  1. hm… die unterlassung, die hier eindrücklich geschildert wird, lässt einem vermuten, dass es die freie presse eigentlich schon gar nicht mehr gibt und dass ihr derzeitig lauthals vorgetragener abgesang nur eine scheinvorstellung ist, bis sich die leute grossflächig an den “boulevard only” gewöhnt haben.

  2. mds:

    Immerhin finden sich dazu ein paar Zeilen in den Schweizer Medien. «Bilderberg» hingegen – dieses Jahr nahmen unter anderem Blocher UND Ringier teil – wird totgeschwiegen. Vielleicht ging es dort ja auch um Madoff …

  3. Fred David:

    @) bugsierer: Es ist weniger eine Frage von Boulevard oder nicht Boulevard.

    Der Boulvard ist manchmal durchaus hartnäckiger als andere Medien.

    Beim Thema Genf und Madoff herrscht jedoch wieder dieses seltsame kollektive Schweigen, das in Schweizer Medien in letzter Zeit häufiger aufgefallen ist. Und es ist fast immer so, wenn es um spezifische Interessen des “Finanzplatzes” geht.

    Bemerkenswert ist: Trotz der enormen Schadenssumme aus dem Fall Madoff in der Schweiz (es dürften mindestens 8000 Millionen Franken sein) und der auffälligen Bedeutung der Drehscheibe Genf in diesem Spiel hört man von den Geschädigten kaum einen Ton.

    Warum?

    Weil viele Madoff-Geschädigte fürchten, Steuerbehörden überall auf der Welt könnten aufmerksam werden, wenn sie klagten?

    Jedenfalls ein weites Feld für weiterführende journalistische Recherchen. So man denn will.

    @) mds

    Die Bilderberg-Konferenz kann man damit wohl kaum in Zusamnmenhang bringen. Wichtige Aspekte der gegenwärtigen Finanzkrise vielleicht aber schon.

    Es gibt in der Schweiz ja genügend Journalisten, die sich eines sehr kurzen Drahtes zu Doktor B. rühmen. Sollen sie ihn doch mal befragen, was die “Bilderberger” denn so zur Finanzkrise und deren Auswirkungen meinen.

  4. Bobby California:

    Danke Fred, das sind wirklich spannende Geschichten. Als mässig finanz-interessierter Mensch ging ich bisher fälschlicherweise davon aus, dass die Madoff-Geschichte weitgehend eine inner-amerikanische Angelegenheit sei. Oder muss man sagen: ich wurde in dem falschen Glauben gelassen, dass dies so sei?

    Jedenfalls frage ich mich jetzt: Hat denn das strenge Grosi Haegler ihren Kindern nicht beigebracht, dass sie keinen Schlufi heiraten sollen? :-)

  5. mds:

    @Fred David: «Bilderberg» ist ein Beispiel für ein Thema, über das in den Schweizer Medien überhaupt nicht berichtet wird. Insofern herrscht bei Madoff, UBS, usw. geradezu vorbildliche Konkurrenz – relativ gesehen.

  6. Fred David:

    @mds: Wann und wo haben die denn getagt? Die Bilderberg-Konferenz ist natürlich ein spannendes Thema, aber ich wüsste jetzt als Journalist auch nicht auf Anhieb, wie man an diesen Top secret-Club näher herankäme.

    Für sowas muss man künftig das Internet besser nutzen. Es gibt in der Schweiz sicher Leute, die eine ganze Menge über die Bilderberger wissen und die auch darüber sprechen würden.

    Man müsste Wege finden: Solche Kontakte von Informanten zu Journalisten via Internet herzustellen. Könnte zunächst ja anonym sein. Es müssen sich aber beide Seiten auf einander verlassen können.

    Könnte man sich vielleicht mal beim medienspiegel überlegen, ob es einen Weg gibt, whistleblowers eine digtitale Andockstelle zu geben.

    Ich meine, man kann ja einfach mal die mail adresse zeigen und hoffen, dass es die richtigen Leute sehen. Ist mal ein schüchterner Anfang:

    fred.david@bluewin.ch

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