Die SRG – ein Ameisenhaufen ohne Königin

Seit einigen Tagen ist SRG-Generaldirektor Armin Walpen eine «Lame Duck». Das Medienunternehmen ist damit faktisch führungslos, zumal auch Walpens Stellvertreter Daniel Eckmann geht. Ein Vakuum auch an der Spitze von Radio und Fernsehen, Ingrid Deltenre ist zu Höherem berufen, Walter Rüegg will seinen verdienten Ruhestand geniessen. Pro forma sind zwar die Verantwortlichkeiten zugeordnet mit provisorischen Stellenbesetzungen. Faktisch aber ist die SRG derzeit führungslos wie ein Ameisenhaufen ohne Königin.

Kommt hinzu, dass die SRG vor einem riesigen Schuldenloch steht; bis 2014 fehlen 790 Millionen Franken in der Kasse. Wenn die Einnahmen weiter zurückgehen, ist die SRG nicht mehr handlungsfähig, weil sie vor allem sparen muss.

Angesichts dieser unerfreulichen Lage fragt man sich, wie in aller Welt die SRG eine der grössten Reorganisationen in ihrer Geschichte durchführen will. Zwar ist man entschlossen, dazu einen neuen Superdirektor für Radio und Fernsehen zu engagieren. Doch wie kann diese Person ihre Aufgabe wahrnehmen, ohne dass sie den gesamten Laden à fonds kennt? Und ohne zu wissen, wer dessen künftiger Chef, wer dessen künftige Chefin in der Generaldirektion sein wird? Und auf welche Hausmacht setzt diese Person, die zwischen den verschiedenen Interessen aufgerieben wird? Zum Beispiel zwischen Radio und Fernsehen, den Regionen und den politischen Empfindlichkeiten.

Da liegt die Erkenntnis nahe, dass bei der SRG ein Marschhalt angezeigt ist. Zuerst soll die alte Crew das Haus in Ordnung bringen und dann mag die Zeit kommen, um zu neuen Ufern aufzubrechen. Denn das Schlimmste, was der SRG passieren kann, ist eine Reorganisation im Zeichen von Verteilkämpfen um das knappe Geld. Damit wäre niemandem gedient, am wenigsten den SRG-Medien und damit dem Publikum.

Armin Walpen wolle sich mit dem Projekt «Radio und Fernsehen unter einem Dach» ein Denkmal setzen, konnte man lesen. Doch warum sollte er das? Walpens Leistungsausweis ist besser, als ihn die Presse wiedergibt. Der Mann wurde geholt, um der SRG ein medienpolitisches Gewicht zurückzugeben – das sie unter seinem Vorgänger Antonio Riva verloren hatte -, was Walpen mit seiner polternden Art schnell schaffte. Unter seiner Aegide hat die SRG auch ihr Programmangebot massiv ausgeweitet. Und Walpen schaffte es, der SRG das Publikum zu erhalten. Angesichts der wachsenden Konkurrenz ist das nicht selbstverständlich.

Kurz: Statt eine halbherzige Reorganisation durchzuwürgen, sind die SRG-Verantwortlichen gut beraten, den Laden vorerst finanziell zu sanieren und die anstehenden personellen Entscheidungen sorgfältig zu treffen. Und später einer neuen Generation von Medienmanagern den Aufbruch zu gönnen – sofern die Konvergenz dann überhaupt noch zum medienpolitischen Credo gehört.

Rolf Hürzeler, vormals Medien- und Kulturredaktor bei «Facts» und Kulturchef beim Pendlerblatt «News», amtet seit dem 1. September 2008 als Chefredaktor des Magazins «Saldo».

von Rolf Hürzeler | Kategorie: Mediensatz

6 Bemerkungen zu «Die SRG – ein Ameisenhaufen ohne Königin»

  1. 790 millionen? muss man da eigentlich ein dreitägiges seminar besuchen, um das ansatzweise zu verstehen? oder kann man einfach sagen: saftladen, elender. oder kann man das in zeiten wie diesen erst ab einem loch von einer milliarde sagen? kann das bitte mal jemand einordnen?

  2. Bobby California:

    «Saftladen» bellen ist fantasie- und nutzlos. Hier ist mein konstruktiver SRG-Sanierungsvorschlag: SF einstellen und die Sendungen von TSR für das Deutschschweizer Publikum (schweizer-)deutsch synchronisieren oder untertiteln. Auf diese Weise kann man nicht nur viel Geld sparen – gleichzeitig wird auch die Qualität der Sendungen schlagartig besser:
    1. Die TSR-Moderatoren stehen nicht ständig im sterilen Studio herum, sondern gehen auf die Strasse.
    2. TSR produziert lustige Serien, die auch ein Deutschschweizer Publikum lustig finden würde (Beispiel: «La Tribu»).
    3. TSR hat die schöneren Moderatorinnen (Beispiel: Manuella Maury).
    4. TSR bringt kritischeren, besser recherchierten Journalimus.
    5. Zudem würde mit meinem Sparvorschlag auch der Austausch zwischen der Romandie und der Deutschschweiz gestärkt – während heute die sprachregionalen Ketten weitgehend nur vor sich herwerkeln und kaum ein Austausch stattfindet, was jammerschade ist!

  3. Claudia:

    Wenn ich mich richtig an die Aussagen ernstzunehmender Quellen (werden auf Anfrage gerne genannt) erinnere, hatte die SRG bis vor wenigen Jahren ein sehr sattes Polster. Wo ist all das Geld geblieben?

  4. Fred David:

    @) ja, Claudia: Wo sind die Quellen? Das klingt ja sehr interessant.

  5. Wer die Fleissarbeit nicht scheut und Jahresberichte kritisch lesen kann, findet die SRG-Zahlen hier:
    http://www.srg.ch/109.0.html?&L=034
    Daraus liesse sich ev. rekonstruieren, ob die SRG tatsächlich ein „sehr sattes Polster“ hatte. Und was daraus wurde.

  6. Fred David:

    @) Patrik:

    Ich glaube nicht, dass im Jahresbericht die tatsächlichen Vermögensverhältnisse der SRG mit allen möglichen Rückstellungen, Reserven etc. so transparent sind, um sich ein abschliessendes Bild machen zu können, wie und warum sich die finanzielle Lage in den letzten Jahren so sehr verändert hat. Jedenfalls sagen mir das Leute, deren Beruf es ist, komplexe Bilanzen zu durchforsten.

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