Tatverdächtige zeigen oder nicht? … Und ein Pranger à l’americaine

Als «Chambre de réflexion» kann der Schweizer Presserat auch aus eigenen Antrieb, also ohne eine entsprechende Beschwerde, Stellungnahmen abgeben. Genau das hat er am vergangenen Mittwoch im Zusammenhang mit dem Fall des im März ermordeten Aupair-Mädchens Lucie getan. Aus der Medienmitteilung:

    «Redaktionen sollten nicht reflexartig publizieren, wenn Behörden den Namen und das Bild eines Tatverdächtigen freigeben, sondern eigenständige berufsethische Überlegungen anstellen. Die Veröffentlichung einer Fahndungsmeldung oder eines Zeugenaufrufs durch die Medien ist gerechtfertigt, wenn weitere schwere Verbrechen drohen, der Tatverdächtige auf der Flucht ist oder die Tat bestreitet. Unverhältnismässig ist eine identifizierende Medienberichterstattung hingegen, wenn sich wie im Mordfall ‹Lucie› bereits vor der Veröffentlichung eines Zeugenaufrufs eine grosse Zahl möglicher Zeuginnen bei den Behörden gemeldet hat und der bereits gefasste mutmassliche Täter geständig ist.» (Vollständige Stellungnahme)

Gut gemeint, aber falscher Fall, meint Thomas Hasler unter dem etwas gar apodiktischen Titel «Der Presserat verspielt seine Glaubwürdigkeit» im «Tages-Anzeiger» dazu:

    «Medienschaffende sollen ‹nicht reflexartig publizieren, was Behörden zur Publikation freigeben›, sondern ‹eigenständige berufsethische Überlegungen› anstellen: Dieses Grundanliegen des Presserats ist berechtigt und unterstützungswürdig. Die wirtschaftlich schwierigen Zeiten, die strukturellen Veränderungen in der Medienlandschaft und der im Online-Zeitalter noch grösser gewordene zeitliche Druck können tatsächlich dazu führen, dass die ‹Selbstreflexion› zu kurz kommt. Dafür bieten die letzten Monate mehr als genug negative Beispiele. Mit dem Fall Lucie hat sich der Presserat aber ausgerechnet das unpassendste Beispiel herausgegriffen.»

«Der Presserat hat recht, wenn er die Journalisten dazu anhält, selber zu denken und nicht einfach als Vollzugsorgane von Behörden zu funktionieren», schreibt hingegen Rainer Stadler in der «NZZ»:

    «Der Presserat gibt sich bewusst puristisch. Sekretär Martin Künzi sagte an der Medienorientierung: ‹Es ist wichtig, dass der Presserat tendenziell hohe Anforderungen an die Zulässigkeit von Namensnennung und identifizierender Berichterstattung knüpft. Dies selbst auf die Gefahr hin, dass der Presserat zuweilen als realitätsfremd kritisiert wird.› Der Rat müsse die Messlatten hoch ansetzen, denn es bestehe die Gefahr, dass wegen des Konkurrenzdrucks und der Kommerzialisierung der Persönlichkeitsschutz zurückgedrängt werde. – Dieser Trend ist unübersehbar. Das haben wir an dieser Stelle öfters thematisiert.»

«Zumindest nachdenken sollte man über dieses Thema schon», haben übrigens auch wir bereits im Zusammenhang mit der Veröffentlichung von Schläger- und Hooliganbildern gemeint.

Erspart bleiben uns dank eines «puristischen» Presserats künftig ja vielleicht Auswüchse wie die «Mug Shot»-Galerie der «St. Petersburg Times», wo bereits ein ungültiger Fahrausweis ausreicht, um in die – zugegebenermassen hervorragend gemachte – «Verbrecherkartei» aufgenommen zu werden.

MugShots.png

Der Pranger à l’americaine lässt sich als Widget übrigens auch vorzüglich in die eigene Website integrieren!

von Martin Hitz

1 Bemerkung zu «Tatverdächtige zeigen oder nicht? … Und ein Pranger à l’americaine»

  1. “schönes” beispiel aus der NZZ wäre auch gewesen: 23.04.2009: http://www.nzz.ch/nachrichten/international/sauerland_prozess_1.2444484.html

    alles ist unklar in diesem riesenprozess gegen “islamisten”: nix passiert bisher. die aktivitäten durchsetzt von v-leuten der staatssicherheit. etc. auf seite 2 berichtet dann die NZZ tatsächlich über all die fragwürdigkeiten. aber auf seite 1: wüste schlagzeilen. alle namen. präzise bilder der massenmedial vorverurteilten. doku:
    http://blog.rebell.tv/p11471.html

    übrigens: rebell.tv hat den presserat angefragt, ob sie etwas über die serie von “10v10″ machen könnten. (unser vorschlag: egal was rauskommt: wir zeigen, wie die «chambre de réflexion» reflektiert!) anlass war eine serie, in welcher das schweizer propaganda staatsfernsehen drei frauen (sic!) in den iran schickte… von einer akademisch zertifizierten journalistin realisiert, von einem akademisch zertifizierten journalisten prästentiert!!! ausser wirklich sehr freundlichen eMails, bloss abwehrende reflexe… hier gehts zu unserer doku von 10v10: http://tinyurl.com/n2dwss (ungeordnete, unaufgearbeitete, “livebloggings” wärend den sendungen! logo: rebell.tv ist ja auch kein “subtraktionsblog” ;-)

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