Heribert Prantl, Inlandchef der «Süddeutschen Zeitung», in einem in der aktuellen Ausgabe des «Tages-Anzeigers» in Auszügen wiedergegebenen Referat (online nicht frei zugänglich; das vollständige Referat gibt’s aber hier als PDF-Datei):
- «Sie [die Zeitungen] brauchen Journalisten und Verleger, die ihre Arbeit ordentlich machen. Sie brauchen Journalisten, die neugierig, unbequem, urteilskräftig, selbstkritisch und integer sind. Sie brauchen Verleger, die einen solchen Journalismus schätzen, die also von ihren Zeitungen mehr wollen als Geld, die stolz sind darauf, dass sie Verleger sind; und denen dieser Stolz mehr bedeutet als zwei Prozent mehr Gewinn. Und sie brauchen Leserinnen und Leser, denen die gute journalistische Arbeit etwas wert ist – womöglich viel mehr als die Abokosten von heute, um so einbrechende Anzeigenerlöse auszugleichen. […]
Das US-Zeitungswesen ist der Wallstreet-Theorie zum Opfer gefallen, wonach man den Profit dadurch maximiert, indem man das Produkt minimiert. Die US-Zeitungen sind an die Börse gegangen und dann an der Börse heruntergewirtschaftet worden. Der Wert der Zeitungen wurde von der Wertschätzung nicht der Leser, sondern der Aktionäre abhängig gemacht. […]
Aus den USA kennt man das Muster: Journalisten werden entlassen, Redaktionen aufgelöst, eigene Texte durch solche von Agenturen ersetzt oder billig eingekauft. Die Chefredaktion verwandelt sich in eine Geschäftsführung. Geist mutiert in Geistlosigkeit. Man spart, bis die Leser gehen.»
Honni soit qui mal y pense!
Siehe auch:
- Widerstand regt sich II
- Widerstand regt sich
Ja, ich finde diese kleinen subversiven Nadelstiche à la Roger de Weck im Tagimagi oder eben jetzt Heribert Prantl im Print-Tagi auch toll. Nur wäre es vielleicht langsam an der Zeit, dass sich auch mal der Tagi selbst zu Wort meldet. Ich würde behaupten, das ist absolute Chefsache! Gibt ja immerhin zwei davon. Irgendwer müsste doch zumindest eine vage Vorstellung davon haben, wohin denn nun die publizistische Reise nach den Massenentlassungen hingehen soll?
@) ugugu: So ist es. Sich hinter Beiträgen von Fremdautoren zu verschanzen, ist keine Strategie. Die Texte sind hilfreich, aber man kann sich jederzeit davon distanzieren.
“Die Redaktion übernimmt keine Verantwortung für die von den Autoren geäusserte Meinung. Diese muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen.” So oder ähnlich heissen die üblichen Larifari-Anhängsel unter Fremdbeiträgen, die oft dazu dienen, etwas auszudrücken, was eine Redaktion selber auszudrücken sich nicht getraut.
Jetzt muss die schweigsame Chefredaktion ihre Vorstellungen und Strategien entwicklen, und zwar auch vor den Lesern, und gern etwas ausführlich. Nicht allein vor der eigenen Mannschaft.
Ein solches Vorgehen ist eines jener Merkmale, die ein Medienunternehmen von einer Wurstfabrik unterscheiden.
Wobei Wurstfabriken natürlich auch ehrbare Unternehmen sind. Aber Würste bleiben Würste und Journalismus …naja, das wüssten wir ja eben gern: was vom Journalismus bleibt.