Ingrid Deltenre hat genug

Nach sechs Jahren gibt Ingrid Deltenre ihr Amt als Direktorin des Schweizer Fernsehens per Ende 2009 ab. Die erste Fernsehcheffin der Schweiz wird auf Anfang 2010 die Leitung der Generaldirektion der European Broadcasting Union EBU übernehmen (SRG-Medienmitteilung, PDF).

Beobachter erklären den unerwarteten Abgang u.a. damit, dass sich Deltenre des Jobs einer künftigen «Super-Direktorin» von Radio und Fernsehen der deutschen Schweiz nicht mehr sicher sein konnte.

Im Pluralis majestatis(?) meldete sich gestern nur kurz nach Deltenres Rücktrittsankündigung bereits Roger «Pawlow» Schawinski auf «tagesanzeiger.ch» zu Wort: «Dass Ingrid Deltenre geht, ist gut für uns alle». Deltenre habe bis heute keine nachhaltigen Erfolge verbuchen können. Unter ihrer Führung habe SF «keine einzige Leuchtturmsendung» etablieren können.

SRG-Bashing in Ehren, aber ganz so übel ist Deltenres Bilanz nun auch wieder nicht. Dass Filme und Serien auf SF zum Beispiel meist im Zweikanalton ausgestrahlt werden, ist der Fernsehdirektorin m.E. hoch anzurechnen. Selbst «Swissness»-Sendungen wie «SF bi de Lüt» schaue ich mir inzwischen mit einem gewissen Vergnügen an (eine Altersfrage, vermutlich!) Und wäre Peter «Pissnelke» Schellenberg noch am Drücker, würde SF auf dem Internet vermutlich immer noch nicht vertreten sein (aber da bin ich wohl etwas befangen).

Fazit von «Tages-Anzeiger»-Kommentator Jean-Martin Büttner:

    «Für die Unterhaltung hat sich die Direktorin stark engagiert, bei der Information und der Kultur war sie kaum präsent. Beides ist zentral für den Service public. Insgesamt hat Ingrid Deltenre mit Gebührengeldern ein erweitertes Privatfernsehen betrieben. Das ist zu wenig.»

Der «Tages-Anzeiger» weiss übrigens auch bereits genau – nämlich «wie verschiedene Quellen dem «Tages-Anzeiger» bestätigen …» -, wer Deltenres Nachfolge antreten wird: «Haldimann wird Interims-Chef beim Fernsehen». Für den Fall, dass es sich dabei um Midrisk-Journalismus handeln sollte, sei diese Behauptung hier für die Nachwelt festgehalten:

Haldimann_Interims-Chef.png
(Quelle: «Tages-Anzeiger» vom 6. Juni 2009)

Update: Constantin Seibt – sp(r)itzig, aber dennoch immer oberhalb der Gürtellinie – im «Tages-Anzeiger»: «Makellos und spurlos: Ingrid Deltenre»

von Martin Hitz

4 Bemerkungen zu «Ingrid Deltenre hat genug»

  1. Knut B. Zimpelmann:

    Der Tages-Anzeiger spricht mit seiner Kritik an Deltenre wohl mehr über sein eigenes Schicksal als das der TV-Direktorin. Und Guru Schawi war ja ein derart erfolgreicher Sat1-Chef, dass man natürlich seine Kritik äusserst ernst nehmen muss.

  2. Fred David:

    Constantin Seibt schrieb im “Tages-Anzeiger: (link siehe oben) “Von Deltenre bleibt wohl ihr Star Sven Epiney . Der äussert zwar lauter gesichtslose, saubere Sätze, die unerinnerbar sind. Aber pünktlich, diszipliniert, skandal – und fehlerfrei. Ein Vollprofi.”

    So ist das Schweizer Fernsehen. Und so ist das Land, zumindest der sichtbare Teil davon. Warum sollte ein(e) FernsehdirektorIn anders sein? Geht gar nicht.

    Ich glaube auch nicht, dass Deltenre einen schlechten Job gemacht hat: erwartbar, berechenbar, professionell, ohne Ecken und Kanten , die üblichen, verzeihbaren Flops und einige Erfolge , die nicht spektakulär sind, aber doch Erfolge. Und die Finanzen sind in Ordnung. In Erinnerung bleiben wird wenig.

    So will man hierzulande einen Fernshedirektor (oder einen Opernitendanten oder einen Chef des Schauspielhauses) und so wird auch der oder die nächste sein. Wenn er Haldimann heissen sollte sowieso.

    Der geschätze Kollege und ewiger Besserwisser Roger Schwawinski – wäre er nicht schon 64 würde er sich als absolut unausweichlichen Nachfolger sehen – hat aber schon Recht: Dieser Job setzte eigentlich erkennbare Leidenschaft voraus für ein Medium, dessen originäre Stärke das Emotionale ist. Eigentlich.

    Der kautzige, seine “Krummen” in Ketten rauchende Peter Schellenberg hatte sich davon noch etwas bewahrt, und war zuletzt daher selber ein Exot im eigenen, auf gängige Konfektion getrimmte Laden, der schon vor Deltenre epineyisiert war.

    Das gremienverseuchte Schweizer Fernsehen – es wimmelt nur so von Beiräten, Zuschauerräten, Verwaltungsräten, Aufpassern an allen Ecken – ist von Natur aus ängstlich und medioker und wird es auch in Zukunft sein.

    Das ist in der Schweiz unausweichlich so, wenn man mehrheitsfähig sein muss.

    Um Seibt nochmals zu zitieren : “unerinnerbar”, “gesichtslos”, “sauber”.

    Und in jeder Beziehung berechenbar.

  3. Knut B. Zimpelmann:

    Aha, fürs Fernsehmachen braucht man Leidenschaft, Emotion.
    Emotion, weil Fernsehen etwas Emotionales sei.
    Hat der Mensch je schon etwas ohne Leidenschaft und Emotion vollbracht? Und: Muss man solches immer vorne auf der Nasenspitze tragen? Was haben Journalisten bloss für ein kurioses, borniertes Weltbild!

  4. Fred David:

    @)Knut B.Zimpelmann: Doch , doch, Leidenschaft muss man spüren. Sonst ist es keine.

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