Ein guter Weblog (ja, es bleibt bei maskulin!) zeichnet sich nicht zuletzt durch die Qualität der Leserkommentare aus. Das gilt auch für den Medienspiegel, wo sich im Kommentarbereich des Pflichtstoff-Eintrags zum Ende von «.ch» unlängst eine interessante Diskussion zur Zukunft des Berner «Bunds» entwickelt hat – unter anderem mit untenstehendem, minim redigierten Konzeptvorschlag
von Fred David
Es gibt in der Schweiz eine ziemlich grosse Leserschicht, die sich total unterversorgt fühlt. Ich kann natürlich auch nicht quantifizieren, wie gross die ist, ich habe ja keinen teuren Verlagsapparat zur Verfügung … Aber sie ist da. Und sie ist hungrig – und hat auch zunehmend Zorn im Bauch.
Diese Leserschicht braucht man nur mit einem entsprechenden, leicht elitären, wirklich und nicht nur geschwätzt liberalen Angebot abzuholen. Der Blick über den Tellerrand, modern gestaltet, top geschrieben, analytisch mit Zusammenhängen und Hintergründen, urban und meinungsstark profiliert.
Es liegt doch auf der Hand: Tamedia hat einen ganzen Kranz von Regionalzeitungen: «Tagi», «Landbote», «Berner Zeitung», «Thurgauer Zeitung» usw. Diese Blätter sollen sich um ihre Region kümmern und müssen daher im Meinungs- und Themenspektrum zwangsläufig in die Breite gehen.
Hier käme der neue «Bund» zum Zug, mit täglich nicht mehr als 20 oder 25 Textseiten (Politik, Wirtschaft überregional Kultur als Schwerpunkte; alles andere radikal weg!).
Der neue «Bund» würde den Abonnenten der Regionaltitel als Zweitzeitung im Abo-Kombi angeboten (ebenso als Anzeigen-Kombi). Die Regionaltitel behielten ihren Inland-, Ausland- und Wirtschaftsteil, aber stark reduziert, viel Agentur-Material sowie Kommentare und Analysen in Verbindung mit regionalen Besonderheiten, im Trend eher konservativ.
Auch viele Leser der «Luzerner Zeitung», des «St. Galler Tagblatts», der «Basler Zeitung», der «Südostschweiz» … würden eine solche Zweitzeitung zu ihrer Regionalzeitung schätzen, deren Abopreis natürlich entsprechend angepasst werden muss.
Deswegen muss der neue «Bund» auch relativ dünn sein. Das kommt dem heutigen Leseverhalten ausserdem entgegen; reduced to the max; die Not zur Tugend gemacht. Die Zeitung müsste auch mit einer kleinen Kernredaktion auskommen.
Daneben könnte ein kleines Netz von frei arbeitenden Medienbüros organisiert werden, die die Dossierkompetenz des «Bunds» auf spezifischen Kerngebieten zu erschwinglichen Bedingungen sichern. Es geht! Und es gibt die Journalisten! Die würden sogar für weniger Geld bei so einem Projekt mitmachen. In Scharen!
Dem «Bund» käme im Kombi mit den eher konservativ ausgerichteten Regionalzeitungen die progressive Rolle zu. Kombi-Abonnenten bekämen also einen breiten Teil des Spektrums mit. Diese Trennung würde dem breiig auslaufenden Es-allen-recht-machen-Trend, der bei Regionaltiteln immer stärker zu beobachten ist, etwas entgegensetzen.
Man spürt es doch: Die Zeiten stehen auf Veränderung, auch wenn die Schweiz da länger braucht, wie immer. Der «Bund» hat im 19. Jahrhundert schon einmal eine Vorreiterrolle gespielt. Worauf wartet man denn noch? Hier kann man anknüpfen. Es passt alles.
(Die ganze Diskussion gibt’s hier)
Der Bund ist genauso eine Regionalzeitung wie die meisten anderen Schweizer Tageszeitungen auch. Er setzt über 96 Prozent seiner Auflage im Kanton Bern oder in den paar Gemeinden des Kantons Fribourg oder des Kantons Solothurns ennet den Kantonsgrenzen ab. Das lässt sich, auch wenn die Tamedia die Leserzahlen nicht publiziert, über die Auflagestatistik des Verbandes Schweizer Werbung gut belegen. Die Idee der nationalen Ausstrahlung des Bund ist leider nicht mehr als ein Mythos.
@)Passevite: Mit dem alten “Bund” geht es nicht, da haben Sie Recht.
Es ist ein radikaler Wandel notwendig, mit dem Konzept als anspruchsvolle nationale Zweitzeitung, die auf allen unnötigen Balast verzichtet. Es wäre eine neue Zeitung, so, wie es sie noch nicht gibt.
Es gibt diese Leserschicht in der Schweiz, die hungrig ist, und die sich sträflich vernachlässigt fühlt, die auch bereit und in der Lage ist, mehr dafür zu bezahlen. Übrigens zum Beispiel auch NZZ-Abonnenten, die ihr Abo behalten würden , aber mit einem neuen “Bund” auch eine andere Sicht der Dinge kennen wollen, obwohl es nicht zwangsläufig ihre Sicht ist.
Deswegen muss die neue Zeitung dünn sein, denn zwei, drei dicke Tageszeitungen jeden Tag sind für den Leser nicht mehr zu bewältigen. Er will schnell zum Punkt kommen. Das heisst aber nicht, einfach Kurzfutter, davon gibt’s schon mehr als genug, sondern reduced to the max: das Wesentlich, das aber spannend, gut geschrieben , mit Tiefenschärfe. Alles Unnötige weg!
Ich lese gerade den “Spiegel”-Titel dieser Woche: “Das Prinzip Gier/Warum der Kapitalismus nicht aus seinen Fehlern lernen kann” , fette 13 Seiten, aber eigentlich unverzichtbar, wenn man bei dem Thema noch mitkommen will. Natürlich kann ein neuer “Bund” sowas nicht machen, aber den Typus der Geschichte aufnehmen, das kann er: hart an der Aktualität – aber immer ein Schritt daneben stehen: Was passiert da wirklich? Und auch immer den Schweiz-Blickwinkel: was heisst das für uns? Das kann kein ausländischer Titel bieten.
Die Atemlosigkeit weglassen, das tägliche Hetzen von Hü nach Hott vergessen, durchatmen. Aber nicht langweilen! Immer hart an der Aktualität. Nicht gleich Panik kriegen, wenn wieder ein neues Virus auftaucht. Das nur mal so als Beipiel: Vor zwei Wochen war das das angebliche Weltuntergangszenario. Und heute? Eben. Ein Schritt daneben stehen, cool beobachten, nicht immer sofort bei Allem besinnungslos mitreiten.
Das ist nichts Verschnarchtes. Ganz im Gegenteil. Das ist eine Marktlücke!
Gute Idee. Mal sehen was passiert…
@) Stiffler: Nein, nicht warten. Feuer unter bequem gewordenen Hintern machen!
Lieber Fred David
Eine gute Idee. Ganz neu ist sie nicht. Zu Ringier-Zeiten – also vor meiner Zeit beim «Bund» – wurde ein solches Konzept entwickelt, leider aber bald schubladisiert. Ich glaube, eine solche Zeitung fände ihr Publikum. Ich vermute aber auch, dass es momentan keinen Verlag gibt, der den Mut, das Geld und die Geduld hat, die nötig sind, um das Projekt zu lancieren.
Man hat zu viel Publikumsforschung in Auftrag gegeben und glaubt nun den billig eingekauften Studien, setzt deshalb auf Atemlosigkeit, Lokales und sogenannte News.
@ Lieber Hans-Peter Spörri, ich glaube, die Zeiten sind dafür heute günstiger denn je. Wenn nicht jetzt, wann dann? So orientierungslos wie heute kam mir die Schweiz selten, eigentlich: nie, vor. Da käme ein runderneuerter “Bund” gerade recht. Das Publikum gibt es. Es lechzt. Man muss nur mal ein bisschen herumhören.
Sich sklavisch auf Publikumsforschung verlassen, das tun Leute, die sich ihrer Sache nicht sicher sind und die Lesern ausschliesslich in Gestalt von Copytest-Zahlen in den üblichen Powerpoint-Shows begegnen.
Ich habe erlebt, wie ein und dasselbe Zeitungskonzept innerhalb von zwei Jahren bei Publikumsbefragungen zu völlig gegenteiligen Ergebnissen führte. Oft wird mit Vorgaben gesteuert, welches Ergebnis dabei herauszukommen hat. Inzwischen weiss ich auch, wie man das macht.
Tamedia hat das Geld – an der Einstellung des Millionen verschlingenden News führt ohnehin kein Weg vorbei (sorry, Kolleginnen und Kollegen dort) – und Tamedia hat das Knowhow und ein paar sehr gute Leute, die für so ein Projekt alles stehen und fahren liessen – und sogar ihren Wohnsitz nach Bern verlegen würden, was für Zürcher Journalisten, wie du weisst, das grösste aller Zugeständnisse überhaupt ist, das sie zu machen geruhen. Das müsste im übrigen Bedingung sein: Der Standort Bern ist für so ein Projekt wichtig, obwohl das die Berner selber nicht recht glauben mögen. Noch nicht.
Uebrigens hat Tamedia vor allem auch die gerade dafür wie geschaffenen Vertriebskanäle, die Ringier zumindest damals so nicht hatte. Denn das Konzept soll ja konsequent das einer Zweitzeitung sein.
Ob es bei Tamedia auch noch Restbestände an verlegerischem Mut und an Geduld gibt, was du zurecht für so ein Projekt voraussetzt, weiss ich nicht. Müsste man mal in den Besenschränken nachschauen …
Tamedia wird die Karre “Bund” nicht aus dem Dreck ziehen. So viel steht fest. Alternativen: Redaktionsaufstand? Das Kommitee “Rettet den Bund” könnte ja mal provisorisch abchecken, ob mindestens 2/3 der Redaktion mitziehen und welche mutigen Investoren nach einer erfolgreichen Abspaltung bereit wären den pragmatischen Plan “Eibund” umzusetzen.
Schön, dass hier ausgerechnet am Tag der Tamedia-GV eine spannende Diskussion angezettelt wird. Ich komme eben zurück von der genannten Veranstaltung, VR-Präsident Pietro Supinos Replik auf mein Votum gegen den Kahlschlag und für Qualität im Journalismus lautet: “Wir teilen ihre Leidenschaft für Qualitätsmedien.”
Mir gefällt der Ansatz von Fred David, er deckt sich weitgehend mit einer der Ideen, die wir im Komitee “Rettet den Bund” ausheckten. Es gibt diesen Markt, keine Frage. Allein: der verlegerische Mut scheint zu fehlen. Und die ganz grosse monetäre Basismobilisierung hätte es schwer.
Also müssen doch einzelne Investoren ran. Verschiedene Unternehmer, das platziere ich gerne hier, haben sich in den letzten Monaten bei mir gemeldet. Bloss, für einen echten Aufstand sind es zu wenige. Und sie warten ab, was Tamedia entscheidet.
Wer diese Idee weiterentwickeln will, anrufen. 031 368 15 00, ich bin fast immer zu erreichen für einen “Neuen Bund”.
Was ich nach wie vor nicht verstehen kann, ist, dass «man» eine Marke wie «Der Bund», der in der Hauptstadt der Schweiz beheimatet ist, eingehen lassen will. Nach den Banken scheinen nun auch noch die Verlage unnötig Werte, Glaubwürdigkeit und Vertrauen zu vernichten.
Ich sehe ein Überleben des «Bund» ebenfalls in einer radikalen Erneuerung (vgl. Plädoyer für «Bund 2.0»).
@) Ugugu, Mark Balsiger, Christian Schenkel:
Das Ideale wäre eine Stiftung als Träger. Ich glaube ohnehhin, auf einer andern Basis lässt sich heute eine wirklich unabhängige Tageszeitung kaum noch machen. Die Abhängigkeit vom Anzeigenmarkt ist inzwischen erdrückend und wird immer problematischer.
Eine Stiftung setzt natürlich voraus, dass es Stifter gibt. Nun ist in der Schweiz das Geld nicht das Problem – dieses für eine solche Stiftung zu kriegen allerdngs schon. Für alles Mögliche gibt es Stiftungen, nur nicht für eine ordentliche Zeitung. Ist eine echte Marktlücke.
Immerhin: In der Schweiz gibt es etwa 120 Milliardäre, die dem Land überproportional viel zu verdanken haben. Damen und Herren, es ist allmählich an der Zeit, etwas zurückzugeben. Eine solche Stiftung wäre die ideale Gelegenheit.
Bei aller Wertschätzung: Kunstsammlungen haben wir inzwischen genug im Land. Aber an wirklich unabhängigen Medien mangelt es. Für die Zukunft der Schweiz ist das nicht eben unwichtig.
Voraussetzung für eine Stiftung ist allerdings, dass Stifter keinerlei Einfluss auf den redaktionellen Inhalt nehmen dürfen, dass keine politische Partei, kein Unternehmen, keine Religion Zugriff hat. Ein Stiftungsrat müsste in wenigen, klaren Sätzen die Bandbreite definieren, in der sich das Redaktionsspektrum bewegen soll und müsste die Einhaltung der Grundsätze überwachen, vielleicht noch die obersten Führungspersonen bestimmen. Mehr nicht.
Die Stiftung würde funktionieren wie die Holding einer AG. Die AG ist die Zeitung und was dazugehört. Sie würde wie eine normale Aktiengesellschaft gewinnorientiert funktionieren. Nur würde der Gewinn dauernd ohne Abstriche in die Zeitung reinvestiert. Und die Aktien blieben uangreifbar in Stiftung.
Das wäre echter Liberalismus. Und da bei uns immer sehr viele sehr gern und sehr freihändig über Liberalismus dozieren: Hier wäre der Beweis anzutreten. Und dafür brauchts zuerst eimal einen Haufen Geld. Alles andere wäre Illusion. Aber es könte funktionieren.
Das könnte sogar der Ansatz zu einem politischen Neuanfang sein, denn dass das Land in seinen überalterten institutionellen Strukturen ächzt und knirscht, ist unüberhörbar, obwohl alle so tun, als ginge das ewig einfach von allein weiter so.
Ich bin überzeugt, dass die Schweiz an einem Wendepunkt steht, ohne es zu realisieren.
Ein neuer “Bund” könnte hier wirklich eine spannnede, wichtige publizistische Funktion, vielleicht sogar eine Leaderfunktion in den schwierigen Debatten übernehmen, die uns mit jeder Garantie noch bevorstehen.
Nun brauchen wir nur noch den einen oder andern Milliardär, der das auch so sieht …
Wenn all die politischen und wirtschaftlichen Schwergewichte, die im Komitee «Rettet den Bund» sitzen, ihre Beziehungen spielen lassen, sollte die Finanzierung kein Problem sein.
Nur, wenn irgendwelche anonymen Milliardäre die Fäden ziehen, besteht dann nicht die Gefahr, dass am Ende ein Wischiwaschi-Konzept umgesetzt wird statt eine Plattform für wirklich unabhängigen Journalismus? Dass so eine Art Weltwoche light entsteht? Mit lauen Sonntagspredigten, die niemandem etwas nützen?
Ob die reichen Mäzene wirklich daran interessiert sind, dass zB die Methoden der UBS mal so richtig ausgeleuchtet werden, ist fraglich.
Bei Stiftungen kann der Stiftungszweck festgelegt werden, ohne dass der oder die Stifter weiteren Zugriff haben. Wenn sich Unternehmen einer Region zusammenfinden, um so etwas zu finanzieren, habe ich mehr Zweifel, was die Unabhängigkeit betrifft.
Es gibt hingegen zum Beispiel eine grosse Zahl Erben grosser Vermögen, die nicht wissen wohin mit dem Geld ihrer Altvorderen und ein Vermögen etwa in den Sieg beim Americas Cup investieren.
Es könnte auch durchaus Erben geben, die die Bedeutung eines solchen Zeitungsprojekts erkennen, ohne damit irgendwelche Machtspielchen zu verbinden.
Im übrigen lässt sich diese Stiftungsidee durchaus mit dem Knowhow einer Tamedia verbinden (Management, Marketing, Druck und – vor allem – Vertrieb) auf der Basis eines – kündbaren – Dienstvertrags. Denn die Grundidee von der schlanken Zweitzeitung ohne Balast ist an eine solche Bindung gekoppelt. Sonst kann man eine nationale Verbreitung eines runderneuerten “Bunds” vergessen.