Die Schweigespirale

Man sollte hin und wieder die Lektüre wechseln, zum Beispiel auch mal bei der «Zürcher Landzeitung» vorbeischauen. Das kann sich lohnen, denn schon stösst man auf ein interessantes Interview mit dem eben in den Ruhestand getretenen Bundesratssprecher Oswald Sigg.

Als Sprecher war er häufig ein Schweiger. Von der Amtslast befreit, plaudert er nun gern. «Journalisten berichten sehr behördennah, gestützt auf unsere Pressemitteilungen», sagte er der «Landzeitung» am 30. März. Hä? Macht sich da einer über kreuzbrave Journis lustig, die auf alles hereinfallen, was man ihnen serviert? Offensichtlich, denn er legt noch keck nach: «Eigentlich dürften Medien kritischer sein.»

Wenn ein Ex-Regierungssprecher derart deutlich über seine ehemalige Klientel herzieht, dann ist das nicht mehr nur ein Nasenstüber. Es ist die amtliche Aufforderung an die schreibende Zunft, gefälligst aufmüpfiger zu sein.

Seltsame Zeiten, wenn Regierungssprecher sich über zu lasche Medien beklagen! Dazu passt ein jüngst aufgeschnapptes Zitat des kürzlich pensionierten «Tagesschau»-Redaktionsleiters Heiner Hug: «Wir müssen das Publikum sorgsam behandeln.» Wie? Was? Ich will nicht sorgsam behandelt werden. Ich will informiert werden. Gerne ein bisschen härter, wenn’s nicht zu viel Mühe macht. Insbesondere wenn’s um Innenpolitik, und ganz besonders, wenn’s um Wirtschaft geht.

«Passt auf, was ihr da schreibt!»

Ich habe mich an dieser Stelle schon einmal gewundert, wie gleichförmig die Berichterstattung, wie fromm die Kommentierung zum UBS-Komplex in Schweizer Medien ausgefallen ist, insbesondere auch zu den Abgründen, die sich in den USA nach und nach offenbaren. Mein Erstaunen verstärkte sich im Lauf der letzten Wochen. Jetzt bin froh, nicht ganz allein mit meinem partiellen Unwohlsein dazustehen. Am 5. April äusserte sich Patrik Müller, Chefredaktor des «Sonntag», in einem Interview mit «persönlich.com» nämlich über ein Thema, über das Chefredaktoren sonst nie reden.

Ihm war aufgefallen, dass Anzeigen der UBS plötzlich ausgeblieben waren, er diese aber in andern Blättern sehr wohl vorfinden konnte. Bald war klar weshalb. «Die Pressestelle der UBS warnte uns mehrfach: Passt auf, was ihr da schreibt. Andernfalls werden wir den Verleger informieren. […] Die oberste Bankspitze wollte, dass [«Sonntag»-Verleger Peter] Wanner unsere UBS-Berichterstattung stoppt.» Wanner wurde von den UBS-Aufpassern nachdrücklich zum Lunch gebeten.

Der Verleger kippte nicht um. So konnte die Redaktion unverdrossen titeln: «Also doch: Ospel tritt zurück». Die UBS-Aufpasser dementierten wütend und griffen zu einem weiteren Folterinstrument: Sie intervenierten umgehend beim Presserat gegen diese infamen und geschäftsschädigenden Unterstellungen.

Vier Wochen später trat Ospel zurück, eine Rüge des Presserats hatte sich erübrigt

Die Betretenen schweigen

Mich wundert, dass Müllers mutige Äusserungen ohne jede Resonanz geblieben sind. Ein im Wortsinn betretenes Schweigen der Branche. Dabei haben solche Vorgänge sehr viel mit der inneren Hygiene der «vierten Kraft» (ja, doch, ich habe «Kraft» geschrieben) im Lande zu tun. Denn Müllers Erfahrungen sind natürlich kein Einzelfall. Es wird bloss nie darüber geredet. Ich kann nur aus meiner persönlichen Erinnerung sprechen und dabei fällt mir die UBS mit ihrem Pressure-Potential immer wieder auf, deutlich stärker als andere. Ich halte das nicht für Zufall.

Als ich im Januar 2001 bei «CASH selig» als Chefredaktor anfing, stiess ich auf eine Vereinbarung, wonach der Agentur, welche die UBS-Anzeigen schaltete, vorab jeweils mitzuteilen war, wann ein Artikel über die UBS erscheinen würde. Die Agentur bzw. die UBS entschied dann von Fall zu Fall, ob sie ihre Anzeige im Blatt belassen wollte. Bei einem negativen Text war klar, was passierte. Ich stoppte diese Vereinbarung sofort, was dem Inseratenvolumen nicht besonders zuträglich war.

Klartext eines Neunzigjährigen

Kurz vor seinem Tod sprach ich mit Heinrich Oswald, dem ehemaligen Direktionspräsidenten von Ringier. Der über Neunzigjährige erzählte mir, er hätte «viele, wirklich viele Druckversuche» erlebt. Die härtesten von der UBS. Weil ein Kommentar des damaligen Nationalrats Franz Jäger – zu jener Zeit offenbar ein ganz Linker – in der «Schweizer Illustrierten» der UBS-Direktion missfallen war, stoppte die Bank umgehend einen sehr umfangreichen Druckauftrag für ihre Geschäftsberichte.

Oswald intervenierte beim obersten UBS-Chef. Dieser tat zunächst, als wüsste er von nichts, räumte dann aber ein, es könne sein, dass er beiläufig bei Tisch die Frage gestellt habe, ob man die Ringier-Blätter bei so einem Geschreibsel auch noch mit Inseraten unterstützen müsse. Er habe aber, natürlich, nicht ahnen können, dass seine Mitarbeiter diese Randbemerkung gleich in die Tat umsetzen würden. Der Grossauftrag blieb immerhin erhalten, und Jäger durfte weiter kommentieren.

Der exemplarische Fall «F&W»

Dass die «Finanz und Wirtschaft» während 15 Jahren (1961-1976) im Geheimen im Besitz des damaligen UBS-Generaldirektors Bruno M. Saager war, ist inzwischen bekannt, obwohl die Zeitung nie auch nur ein Wort über ihre korrupte Vergangenheit verloren hat. Einzig Saager und der Chefredaktor wussten Bescheid, wem das Blatt gehörte. Als einziger Verwaltungsrat amtete ein Strohmann. Anlass zum Geheimkauf war ein sehr grosser Aktiendeal der UBS gewesen, den die Zeitung in der Folge während Jahren ausserordentlich freundlich begleitete. Nach erfolgreichem Abschluss des Börsengeschäfts – es machte die UBS mit einem Schlag zur grössten Bank der Schweiz – durfte Chefredaktor Alfred Isler die «F&W» zu einem von ihm selbst festgesetzten Preis als Lohn für seine Helfersdienste kaufen.

Als 2004 ein Interview erschien, in dem der Sohn Saagers diesen Sachverhalt mit allen Details enthüllte, nahm kein einziges Medium die Story auf, um sie zu überprüfen. Saager Jr. wurde von keinem einzigen Journalisten kontaktiert. Die magische Wirkung der drei Grossbuchstaben hatte ihre Wirkung getan. Einzig der Chefredaktor der «Werbewoche» stellte in einem Editorial die Frage, ob sich der Schweizer Wirtschaftsjournalismus durch den Fall «F&W» nicht ein beträchtliches Glaubwürdigkeitsproblem eingehandelt habe. Einmal mehr wurde betreten geschwiegen, wenn es um die eigene Branche geht.

Die magische Kraft der drei Buchstaben

Der Fall von «NZZ»-Redaktor Beat Brenner ist dagegen nur noch das Tüpfelchen auf dem i. Im letzten Jahr veröffentlichte er in seinem Blatt eine Glosse. Die UBS intervenierte umgehend. Die Redaktion meldete wenige Tage drauf gehorsamsten Vollzug: man habe den entsprechenden Text «aus allen Archiven und Dateien» gelöscht. Dabei enthielt der harmlos glossierende Text, in dem Marcel Ospel eine Rolle spielte, keinerlei Fehler. Er hätte allenfalls lediglich «zu Missverständnissen Anlass geben können», wie das Weltblatt dienerte. So wenig braucht es.

Darüber muss man reden. Das dürfen Medien nicht einfach alles hinnehmen. Chefredaktoren, die dazu schweigen, leisten weiteren Pressionen Vorschub. Patrik Müller hat diese Schweigespirale durchbrochen. Das ist nicht selbstverständlich. Aber hilfreich. Zum Beispiel dann, wenn die Konferenz der Schweizer Chefredaktoren wieder einmal öffentlich über Recherchier- und Qualitätsjournalismus debattiert – und dessen schleichenden Niedergang wortreich beklagt.

Fred David ist seit 40 Jahren Journalist (u.a. «Spiegel»-Redaktor, Auslandkorrespondent der «Weltwoche», Chefredaktor von «Cash»). Er lebt heute als freier Autor in St. Gallen.

von Fred David | Kategorie: Mediensatz

20 Bemerkungen zu «Die Schweigespirale»

  1. :

    …ist immer noch so mit der ubs. als sie mitte april in der medienmitteilung zur gv irrtümlich einen pornolink verschickten (www.xxx.com) berichteten auch diverse onlineportale genüsslich drüber. dann intervenierte der ubs-sprecher – und 20min.ch nahms prompt runter. cash.ch liess es mutig stehen. wir vom blickamabend.ch hatten es als einzige im print.

  2. Immerhin die zensurierte (und harmlose) NZZ-Kolumne ist dank Internet erhalten geblieben. Wenn man sich die Ausführungen hier zu Gemüte führt, muss man sich ja schon fast die Frage stellen, inwiefern es Kalkül war einen Ex-NZZ-Verwaltungsrat (Kaspar Villiger) zum Verwaltungsratspräsident der UBS zu küren.

  3. Fred David:

    @) Ugugu: Wie wir uns erinnern, gab es auch mal einen „Swissair“-Präsidenten Eric Honegger, der zugleich VR-Präsident der NZZ war, ausgerechnet in der heissesten Phase der Swissair. Und natürlich sass er zeitgleich im VR der UBS, die wiederum bei der Swissair die entscheidende Rolle in der Person von Marcel Ospel spielte.

    Die Welt ist halt klein. Und an der Limmat noch etwas kleiner.

    Und wie man sich weiter erinnert, blieben diese intimen personellen Verknüpfungen nicht ohne sichtbare Folgen im redaktionellen Teil der NZZ.

  4. christof:

    sie haben recht, fred david. allerdings hat sich die lage in den letzten wochen stark gebessert. verschiedene blätter haben wiederholt und unmissverständlich aufgedeckt, was läuft, zb auch in sachen parteienfinanzierung und die abhängigkeit der politik von den grossbanken.

  5. Fred David:

    @) Christof: Vielleicht hat sich das punktuell etwas gebessert, aber in der grossen Linie nicht.

    Die meisten Schweizer glauben bis heute nicht,

    – dass Schwarzgeld in Billionenhöhe auf Konten in der Schweiz versteckt wird,

    – dass das nicht Phantomzahlen , sondern ganz reale Werte sind (eine Billion hat, nebenbei, tausend Milliarden),

    – dass es sich dabei nicht allein um Steuerhinterziehung, sondern auch – wie die Fälle in den USA zeigen – um systematischen Betrug handelt, der von der Schweiz dank entsprechender Gesetze, die gezielt auf solche Fälle formuliert wurden, bewusst nicht nur geduldet, sondern ermöglich wird,

    – dass es eine weltweit aktive, hoch professionell arbeitende Steuerhinterziehungsindustrie gibt (wer ist das, wie funktioniert sie? Wo lese ich das in Schweizer Medien?),

    – dass in der amerikanischen Klageschrift die UBS der „conspiracy“, der Verschwörung gegen die Regierung der Vereinigte Staaten von Amerika, beschuldigt wird,

    – dass Schwarzgeld u.a. in der Schweiz auch für die Zwecke weltweiter Korruption angelegt wird (zahlreiche Prozesse der letzten Jahre gegen grosse Konzerne belegen dies: Siemens, Elf Aquitaine etc.; allein in diesen zwei Fällen ging es um Schwarzgeld zum Zweck der Korruption in Milliardenhöhe, alles auf Schweizer Bankkonten) und und und …

    Darüber lese ich mal hier, mal da, wenn ich Glück habe, einzelne Bröckchen. Dass da ein ganzses System mit mafiösen Strukturen dahinter steht, das lese ich nie. Es ist aber so. Schweizer Bankiers trauen sich nicht mehr in die USA und andere Staaten, weil sie Gefahr laufen, auf der Stelle verhaftet zu werden. Wo gibt es denn so etwas noch?

    Oder mal eine wirklich umfassende UBS-Story, mit allem Drum und Dran , und nicht bloss das übliche Börsengebrabbel oder willfährige Grübel-Interviews oder -Potraits.

    Die wenigsten Schweizer wissen,

    – dass die grössten Shareholder der UBS in den USA, in Singapur, in London und im Mittleren Osten sitzen,

    – dass die Mehrheit der UBS-Verwaltungsräte Ausländer sind,

    – dass der VR-Präsident Villiger faktisch völlig machtlos ist, weil keine Finanzgruppe hinter im steht, im Gegensatz zu mehreren Verwaltungsräten, die den Präsidenten jederzeit mit einem Fingerschnippen auflaufen lassen können, was sie wahrscheinlich auch tun.

    Wer ist das, wer steht hinter diesen Investorengruppen, wo liegen deren Interessen? Sind deren Interessen tatsächlich auch noch die Interessen der Schweiz usw.usw.?

    Die UBS ist faktisch eine Privatbank mit Staatsgarantie , ohne dass der Staat intern auch nur das Geringste zu sagen hätte. So etwas gibt es vermutlich auf der ganzen Welt nirgends. Warum ausgerechnet in der Schweiz?

    Die Antwort heisst: Weil die UBS ein souveräner Staat im Staat ist.

    Und diese Titelgeschichte würde ich gern mal in einem grossen Schweizer Medium lesen, mit den ganzen Verflechtungen, die es gibt. Titel-Vorschlag: Der UBS-Staat.

    Aber da trampen zuerst 111 übergewichtige Elefanten durch das Nadelöhr, bevor wir so etwas zu lesen bekommen. Wetten?

    Das alles hat seine Gründe.

  6. mso:

    der blick am abend als hüterin der pressefreiheit, dass ich nicht lache. verschon uns bitte mit deiner ständigen pr in eigener sache.

  7. Bobby California:

    Fred David > UBS-Staat indeed. Wenigtens können wirs hier im Medienspiegel lesen. Scharfsinniges politisches Denken machte schon lange nicht mehr so viel Spass!

    Es ist lustig, dass O. Sigg seine Gardinenpredigt ausgerechnet in den Landzeitungen hält. In diesen Blättern werden zum Teil die Pressemitteilungen der Lokalbehörden eins zu eins abgedruckt. Behördennaher kann eine Zeitung nicht sein. Zwar gehts in den Lokalzeitungen nicht um weltbewegende Themen, aber es gibt dennoch auch auf dem Land vieles, das ein Journalist nicht unhinterfragt schlucken sollte.

  8. mds:

    Privatbank mit Staatsgarantie? Die amerikanische Federal Reserve geniesst auch dieses Privileg … und was Transparenz betrifft, würde ich mir wünschen, dass Schweizer Medien die Schweizerische Nationalbank beleuchten würden. Philipp Hildebrand ist nicht nur wegen seiner Vergangenheit als Hedgefunds-Manager interessant.

  9. Fred David:

    @) mds: Ja. Und warum gibt es diese grosse Nationalbank-Story und ein kritisches Hildebrand- Portrait nirgendwo? Es sind Heiligtümer, die nicht zu hinterfragen sind. Für eine Demokratie ein merkwürdige Zustand.

    Noch eine kleine Ergänzung zur obigen UBS-Liste:

    Die wenigsten Schweizer wissen,

    – dass die UBS kürzlich in den USA eine Busse von 780 Millionen Dollar zahlen musste und

    – dass sie zugleich förmlich gezwungen wurde – was bisher noch nie vorkam – eine Erklärung zu unterzeichnen, worin sie öffentlich bekennt, als Bank in schwerwiegender Weise kriminell gehandelt zu haben.

    Ich meine, das sind doch keine Peanuts. Das steht zwar schon in unsern Medien, aber irgendwo beiläufig. Was es bedeutet, wird kaum irgendwo erklärt

    Ein Beispiel: Heute schreibt die NZZ auf S.27 unten, dass der US-Präsident den Kampf gegen die Steueroasen jetzt selbst in die Hand nehme und dass es für die Schweiz eng werde. Ganz unten im letzten Absatz heisst es dann: „In der öffentlichen Meinung (Amerikas) hallt negativ nach, dass die UBS in ihrem Schuldeingeständnis einige ziemlich unappetitliche und strafbare Verhaltensweisen hat zugeben müssen.“

    In der amerikanischen Oeffentlichkeit „hallt nach“… Und in der schweizerischen Medienöffentlichkeit – „hallt“ darüber irgendetwas nach?

    Da ist doch das populäre Steinbrück-Bashing sehr viel praktischer. Es lenkt davon ab, was in den USA passiert. Nämlich sehr viel Härteres, als was der deutsche Finanzminister vorhat.
    Hier decouvriert sich ein Medienmechanismus, mit dem sich doch mal ein journalistisches Seminar an unseren Universitäten eingehend befassen könnte.

    Aber Vorsicht: Brandheisses Eisen!

  10. rechercheur:

    @ Fred David. Ich verstehe nicht viel vom Bankenwesen. Das einzige, was ich halbwegs abschätzen / ergoogeln konnte, war die Behauptung

    – dass die Mehrheit der UBS-Verwaltungsräte Ausländer sind,

    Es hat ein paar Ausländer – aber nicht mehr als die Hälfte. Hab ich was falsch verstanden?

  11. Fred David:

    @ rechercheur: Der UBS-VR besteht aus 12 Mitgliedern. 7 davon sind Ausländer.
    (Quelle UBS Homepage; Stand: 6.April 09).

    Es ist ja interessant, dass man sich solche an sich doch aussagekräftigen Informationen selber zusammenpflücken muss. In unseren Medien findet man über diesen wirklich bemerkenswerten Sachverhalt kaum etwas. Warum bloss?

  12. rechercheur:

    Danke! Mein Fehler. Der erste Google-Hit für „Verwaltungsrat UBS“ bringt die Zusammensetzung von 2005 – da wurde die Staatbürgerschaft noch nicht ausgewiesen im CV. Jetzt macht es Sinn.

  13. Fred David:

    @) rechercheur: Ich bin immer noch baff, dass wir hier in einem kleinen Medienblog über so etwas diskutieren, weil es sonst nirgendwo stattfindet. Ich war ebenso erstaunt wie Sie, dass der UBS-VR von ausländischen Interessen dominiert wird und dass nirgendwo hinterfragt wird, welche Konsequenzen das hat.

    Es geht ja nicht darum, dass die Mehrheit der UBS-Verwaltungsräte Ausländer sind, sondern darum, dass damit sehr starke ausländische Interessen artikuliert werden, die nicht zwangsläufig die Interessen der Schweiz sind. Den VR-Präsident Villiger benötigt man als – machtloses – Aushängeschild. Es war der CEO Oswald Grübel, der Villiger dazu überredet hat. Und dieser Herr Villiger soll nun den kontrollieren, der ihn geholt hat? Das ist doch alles Stoff für Märlistunden!

    Solche Fragen muss man einer Bank dieser Grösse gefälligst stellen, die eine Staatsgarantie der Schweiz für sich beansprucht hat und sich ein Hilfspaket über 68 Milliarden Franken aus Staatsmitteln quasi selbst schnüren durfte.

    Es ist nicht selbstverständ. dass ein Staat kritiklos eine Grossbank durch alle Böden hindurch unterstützt, die öffentlich und schriftlich einräumen musste, schwerwiegend kriminell gehandelt zu haben. Da hat gefälligst auch ein Finanzminister deutliche Fragen zu stellen, und wenn er sie von sich selber aus nicht zu stellen wagt, müssen ihn die Medien dazu zwingen.

    Das Thema UBS ist kein Thema, das man Finanzjournalisten überlassen darf. Die verstehen dessen Dimension nicht. Mit diesem Thema sind existenzielle Fragen des Funktionierens unserer Demokratie verbunden: ein Parlamnet, das immer dann nicht existent ist, wenn es gebraucht wird; eine Regierung die kaum noch als geschlossen handelndes Gremium funktionsfähig ist; Parteien die sich in finanzielle Abhängigkeit der Finanzindustrie begeben haben; Medien die im vorauseilenden Gehorsam berichten; Stimmbürger, die gezielt falsch, einseitig und unzureichend informiert werden.

    Das Thema UBS muss Chefsache in den Redaktionen sein und nicht ein ghagets Gärtli für Finanzspezialisten. Die Damen und Herren Chefredaktorinnen und -redaktoren sollen gefälligst einmal in die Schuhe kommen. Aes isch näbe Zyt!

  14. Bobby CA:

    Fred David > Ich bin auch ein bisschen baff und vor allem sehr erfreut, dass diese Diskussion hier stattfinden kann. Dies ist der erste Mediensatz, den ich ausgedruckt habe. So was habe ich noch nie gelesen. Chapeau und vielen Dank!

  15. Es freut mich natürlich sehr, dass der Medienspiegel für diese interessante Diskussion genutzt wird.
    Hoffentlich hat es mit dem Ausdrucken auch wirklich geklappt; geht mit Internet Explorer glaubs besser als mit Firefox.

  16. Bobby:

    Martin > Ich verwende nur Firefox – das ist der einzige halbwegs (2.0) neue Browser, der mit meinem Betriebssystem (OSX 10.2.8) überhaupt noch funktioniert. Ich will doch keinen neuen Computer kaufen, so alt ist meiner jetzt auch noch nicht!

    Internet Explorer (5.2) stürzt immer ab, wenn ich den Medienspiegel lesen will.

  17. Fred David:

    Es ist ja nicht so, dass in unseren Medien nichts über die oben erwähnten Zusammenhänge stünde. Aber eben: Immer hier mal was, dort mal was, ohne wirklich zum Kernpunkt vorzustossen – dort, wo’s eben manchmal wehtut.

    Das Tagi-Magazin brachte das Geständnis eines – anonymen – ehemaligen UBS-Jungbankers über die Hemmungslosigkeit, mit der man es in den USA gesetzwidrig trieb, ohne jedes Unrechtsbewusstsein, auch nicht auf höheren Chefetagen. Dort erst recht nicht, denn von dort kamen und kommen ja die Vorgaben.

    Der wirklich interessante Text verliert natürlich viel dadurch, dass sich da einer hinter seiner Anonymität versteckt (man wird dabei an die „Gesellschaft Anonymer Alkoholiker“ erinnert) – aber immerhin, ein interessanter Einblick in ein Junkbusiness, das süchtig und autistisch gegenüber der Umwelt macht.

    Aber der Mut fehlte dem Tagi denn doch, aus der bunten Magazinstory handfeste Schlussfolgerungen zu ziehen und deutlich zu werden, was das bedeutet, zum Beispiel unsern Finanzminister zur Rede zu stellen, einfach mal mit der Frontschlagzeile:“Herr Merz, wussten Sie das alles?“ So etwas muss ein Chefredaktor machen, um der Sache auch Gewicht zu geben.

    Er riskiert damit natürlich, zu einer der intimen Zürcher Gesprächsrunden nicht mehr eingeladen zu werden. Aber das muss man ertragen. Diese Insider-Runde werden ohnehin häufig dazu missbraucht, um sich Schweigen zu erkaufen:“Ich erzähle ihnen jetzt mal die ganze Wahrheit, aber ich gehe natürlich davon aus, dass ich mich darauf verlassen kann, dass Sie nach aussen keinerlei Gebrauch davon machen….“

    Journalisten sollten ihre Oberen mehr fordern. Und damit fördern. Auch Leser sollten das tun.

    Wenn uns schon Ex-Regierungssprecher mahnen müssen , aufmüpfiger zu sein (siehe in diesem post ganz oben), läuft da wirklich etwas schief. Und zwar gründlich.

    Wir sind viel zu naiv und viel zu brav.

  18. Fred David:

    Sorry, noch ein kleiner Nachtrag zum vorhergehenden post, es brennt mir einfach unter den Fingernägeln: Ich lese gerade die „SonntagsZeitung“, aus dem gleichen Verlag wie das oben erwähnte Tagi-Magazin.

    Wirtschaftsteil, linke Spalte, Seite 51: Da wird mir – mir kamen fast die Tränen – erzählt, dass der UBS-Generaldirektor Martn Liechti, „ein Familienvater“, mit kargen 600 000 Franken in die Wüste geschickt wurde. In der Branche ist das ja tatächlich ein „Aktionspreis“. Aber: Herr Liechti zeige sich wieder in der Zürcher City, vermerkt ein Arbeitskollege anerkennend, nachdem er wie zuvor vom Erdboden verschluckt gewesen sei.

    Und da ist er ebenfalls wieder, dieser Bröckli-Journalismus, der, bewusst oder unbewusst, keinerlei Zusammenhänge herstellt. Denn nämlicher Herr Liechti, kurzfristig in den USA verhaftet (es gab Gründe dafür, die aber in der „SonntagsZeitung“ unerwähnt bleiben),war der oberste Vorgesetzte des oben erwähnten anonymen Jungdynamikers, der über die UBS-Praktiken in den USA auspackte.

    Herr Liechti war nämlich verantwortlich für die Vermögensverwaltung in ganz Nord- und Südamerika. Kurz: Er ist einer der zentralen Figuren dieser Vorgänge.

    Hier hätte doch die „SonntagsZeitung“ den Bogen schlagen müssen, zum Beispiel in einem Kommentar: Dass das Geständnis des Anonymus und Herr Liechti ein und dieselbe Geschichte sind, dass es Verantwortliche gibt, dass das alles über die UBS und die Schweiz nicht wie ein Tsunami hereingebochen ist, den halt leider, leider niemand hätte voraussehen können.

    In der „SonntagsZeitung“ aus dem gleichen Verlag wie das „Magazin“ kein Wort über diese Zusammenhänge. Man lässt den Leser einfach allein . Soll er sich das alles doch selber zusammensuchen und sich seinen Reim drauf machen. So stiehlt man selber locker aus der Verantwortung.

    Vielmehr sorgt man sich bei der „SonntagsZeitung“ um die Karriere von Herrn Liechti, der aber schon wieder viele Angebote habe.

    Und die UBS hat nebenbei ein kostengünstiges Outsourcing der eigenen Verantwortung betrieben (liest man aber auch nicht in dem Artikel). Jetzt kann die Bank immer auf den Abgang von Herrn Liechti verweisen, der natürlich, nicht mehr bei der Bank beschäftig sei, der ja eigentlich diesen Schlammassel mitverursacht hat und wenn man das in der Zürcher Zentrale und erst recht im Verwaltungsrat gewusst hätte, hätte man natürlich sofort Massnahmen ergfriffen….. etc. etc. etc.

    Ein Land der Ahnungslosen

  19. Ja, die Zürcher Landzeitung macht sich nicht das erste Mal durch ein pointiertes Interview bemerkbar. Dass Artikel aus den elektronischen Archiven sehr leicht verschwinden können, ist doch ein wunderbares Argument für ein Zeitungsabonemment! Als Protestant sei immerhin daran erinnert, dass vor der Erfindung der Presse dem Pfarrer im Rahmen des prophetischen Wächteramtes die Rolle zuviel auf Missstände von der Kanzel herab in erbaulicher (konstruktiver) Weise aufmerksam zu machen. Uns Journalisten traut man derzeit weniger zu als den Pfarrern. Siehe hier: http://blogs.ref.ch/bahnhofkirche.php?itemid=1385
    Vielleich wäre dies ein Grund wieder einmal „zPredigt“ zu gehen, und vor Ort zu überprüfen, wie der Ortsprophet sein Wächteramt in erbaulicher Weise wahrnimmt.
    http://willensnation.blogspot.com/2009/05/freiheit-der-rede.html
    Die reformierte Kirchensteuer ist unter anderem ein Abonnement auf 52 Leitartikel von einem breit gebildeten Intellektuellen, der eine Woche für Recherche und Abwägen Zeit hat, kein in zwei Stunden hingeschluderter Kommentar. Der Pfarrer dürfte in seinem Mut beflügelt werden, wenn er nicht nur vor Pensionären, Konfirmanden und Witwen predigt, sondern ab und zu einen klugen werktätigen Kopf in den Kirchenbänken wiedererkennt.
    Ab und zu lassen auch Feuilleton-Redaktoren Dinge von „Freien“ schreiben, die anderswo eingerückt wohl eher ein Ärgernis wären.
    http://www.stoehlker.ch/weblog/2009/02/

  20. mds:

    Passend zum Thema: Wieso ging die diesjährige Bilderberg-Konferenz in den Schweizer Medien wieder völlig unter? Eine Konferenz, an der Michael Ringier UND Christoph Blocher teilnehmen – das müsste doch während Tagen thematisiert werden … :->

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