Fast die nackte Wahrheit

Mit Händeheben entschieden die Bürger des «winzigen Teilstaates Appenzell Inner Rhodes», eine Busse von 200 Franken für Nacktwandern einzuführen. Dies wurde angeblich nötig, nachdem «Dutzende von meist deutschen Nudisten durch die Region wanderten». Soweit die aktuelle Berichterstattung im englischen «Daily Telegraph» über die jüngste Appenzeller Landsgemeinde.

Irgendwie stimmt die Meldung ja und doch ist die Sichtweise leicht verzerrt. Abgesehen vom falsch geschriebenen Kantonsnamen sind wohl kaum je Dutzende von deutschen Nudisten durch den Alpstein eingewandert.

Der Blick in ausländische Zeitungen belegt überzeugend, wie gross die Bandbreite der journalistischen Wahrheit ist: Als einheimischer Leser ist man mit den Verhältnissen naheliegenderweise besser vertraut als ein fremder Schreiberling und erkennt die Verzerrungen sogleich. Bei der kritischen Berichterstattung über die Schweiz als Finanzplatz mag das mitunter ärgerlich sein, bei der Lektüre von Artikeln über das Nacktwandern ist es nur noch lächerlich. Zumal die typisch schweizerischen Klischees ihren Niederschlag finden – die Schweiz als possierlicher Zwergstaat in den Alpen mit ihren Absonderlichkeiten wie Bankgeheimnis, Käse etc.

«Wie die meisten abgelegenen Bergregionen, ist das eine konservative Gegend», charakterisiert die «New York Times» den Kanton Appenzell Innerrhoden, der genau eine halbe Stunde Autofahrt von St. Gallen entfernt ist. Und weiter: «Während Jahrhunderten lebten die Bauern hier vom Appenzeller Käse und einem bitteren Liqueur, der wie abgelaufener Hustensirup schmeckt». Und das ganze unter dem Titel: «In der dünnen Alpenluft verschwindet die Schweizer Heimlichtuerei». Als ob die Appenzeller Bauern seit Jahrhunderten nur Käse und Schnaps produzierten und ebenso lange nackt durch die Gegend marschierten.

Nochmals einen andern Aspekt wählte das «Time»-Magazin. Dessen Reporter entdeckte einen Schweizer Banker nackt im Alpstein, der sich aber nicht mit Namen zu erkennen gibt, «weil er seine Chefs in der nahe gelegenen Bank fürchtet». Das muss man sich konkret vorstellen: Ein Prokurist der Appenzeller Kantonalbank, beispielsweise, marschiert nackt über die Ebenalp, sagt aber dem Reporter nicht, wer er ist, weil er seinen Direktor in edlem Tuch fürchtet.

Und das Blatt gibt gleich noch einen drauf: «Time» zitiert eine Mediensprecherin von Schweiz Tourismus mit folgenden Worten: «In dieser spektakulär schönen Umgebung, kann man der Versuchung des Nacktwanderns kaum widerstehen». Wenn die das wirklich so gesagt hat, holt sie sich wenig Freunde in Innerrhoden.

Ach ja, und wie schrieben diejenigen, die die Verhältnisse am besten kennen, über die nackten Geschehnisse an der Landsgemeinde? Die «Appenzeller Zeitung» verlor auf der Seite Ostschweiz genau einen Satz über die Nacktwanderer-Abstimmung: «Keine Diskussion forderte das Übertretungsgesetz und das darin enthaltene Nacktwandern. Mit wenigen Gegenstimmen wird das Gesetz angenommen.» Zum Erstaunen der «New York Times»: Sie prognostizierte ein ungewisses Ergebnis.

Rolf Hürzeler, vormals Medien- und Kulturredaktor bei «Facts» und Kulturchef beim Pendlerblatt «News», amtet seit dem 1. September 2008 als Chefredaktor des Magazins «Saldo».

von Rolf Hürzeler | Kategorie: Mediensatz

1 Bemerkung zu «Fast die nackte Wahrheit»

  1. Fred David:

    Mit meinem Hund bin ich häufig im Innerrhodischen quer über die Hügel unterwegs, einigermassen ausreichend bekleidet. Einem Nacktwanderer bin ich nie begegnet. Ich habe auch trotz hartnäckigen Nachfragens niemanden getroffen, der je einem nackten Alpenfex leibhaftig begegnet wäre.

    Die Geschichte im „Time“ mit dem anonymen „Banker“, der hüllenlos über die Ebenalp schleicht, halte ich für frei erfunden. Kein Innerrhödler, und schon gar kein „Banker“ würde das je tun, dazu ist die soziale Selbstkontrolle da oben viel zu rigoros. So gut kenne ich das Völkli denn schon.

    Vielleicht war es ein versteckter Gag einer Tourismusagentur?

    Ich habe mich, wie Rolf Hürzeler, auch gefragt, wie wenig es braucht, um weltweit Aufmerksamkeit in den Medien zu finden. Klar, es ist eine völlig harmlose Story. Aber auch wenn es sich schön und locker schreibt: Muss man jedes bunte Bläschen aufpumpen und weiter transportieren? Ist man als Journalist dazu verpflichtet? Ist man ein hoffnungsloser Langweiler, wenn man losbrüllt: Lasst mich mit solchem überflüssigen Mist gefälligst in Ruhe?

    Ich behaupte: Spürbar wächst die Zahl unter Machern und Konsumenten, die ähnlich empfinden. Ich will mir verdammt nochmal nicht einschwätzen lassen, dass der Schweinvirus mein Leben unmittelbar bedroht. Ich will nicht von ein einem angeblichen Horrorzenario ins nächste gehetzt werden. Und ich will nichts von erfundenen Nacktwanderern wissen!

    Ich sehne mich nach einer Zeitung, die das respektiert, die sich nicht dauernd an einen frei erfundenen Publikumsgeschmack anbiedert, die mich flott und flüssig informiert, die scharf auf den Punkt kommt und souverän Prioritäten zu setzen weiss und die mich einigermassen intelligent unterhält .

    Mehr verlange ich nicht. Ist das denn zu viel verlangt? – Hallo, „Bund“, ich meine unter anderen dich! Da läge deine Chance. Pack sie endlich!

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