Das Qualitätsding

Zeitungen und Internet. Ob das noch was wird? Man weiss es nicht. Wohl eher lang- als kurzfristig. Jedenfalls sehe ich derzeit wenig Hoffnung schimmern: «News1.ch», das kürzlich gestartete Regionalverleger- …ähm… -Aggregator-Community-Citizen-Youtube-Ding (?) wird Google genauso wenig das Fürchten lehren wie der vereinte Qualitäts-Boulevard à la «Newsnetz». Outputschleudern sind furchtbar.

Der Ursachen gibt es viele. Das Internetversagen hat mit knappen «Humanressourcen» zu tun, also Menschen. Aber nicht nur. Auf den Punkt gebracht hat es kürzlich Herr FoolDC in seinem Zehnjahresrückblick: Gratisconsulting vom Feinsten. Bitte jedem Verleger und Chefredaktor als Printout auf den Schreibtisch tackern. Danke.

Qualität zählt. Sagen alle. Vom Blogger bis zum Chefredaktor, vom Publizistikprofessor bis zum Medienunternehmer. Letzterer vorzugsweise in Sonntagsreden. Online wird dem neuen alten Supermotto wenige gehuldigt. Das Modell Gratiszeitung lässt sich eben nicht 1:1 aufs Web übertragen. Grosse Auflage, harmloser Content, möglichst viele Anzeigen. Pendlerzeitungen sind die letzten Trutzburgen der Monopolrentner. Ein «werbefreundliches» Textumfeld ist online praktisch nix wert. Ist halt so. Zu viel Konkurrenz. Man könnte auch sagen, zu viel Markt.

Sicher, man kann sich (und den Werbekunden) eine Weile in die Tasche lügen. Ein goldenes Printzeitalter in «Second Life» herbeiträumen, als Herrscher über Klickstrecken, Kreuzworträtsel und Sudokus. Die Frage ist: Wie lange funktioniert das? Funktioniert es überhaupt? Und was ist die Strategie für danach? Wann werden Reichweitenwahn-Einkäufe – zum Beispiel Party-Sites – wieder abgestossen oder eingestampft, weil die an Autonomie gewohnten Netizen längst anderswo rumturnen, oder noch schlimmer, sich gegenseitig Sachen empfehlen, anstatt in journalierenden Mischkonzernen teure Weine zu kaufen? Oder Kubareisen (PDF).

Bernd Ziesemer, Chefredaktor beim «Handelsblatt», hat recht: Schuster bleib bei deinen Leisten ist nicht der dümmste Rat. Und diese Dings, diese Qualität auszuliefern, ist auch nicht ganz doof. Vorsicht, jetzt kommt die ganz alte Leier: Internet wird vielerorts immer noch als eine Art Fremdkörper betrachtet, als geldfressendes Monster, als Marketingkanal für Print. Und genau das funktioniert nicht: Was mich online anwidert (Schleichwerbung) oder langweilt (Hitler-Bildstrecken) lasse ich offline genauso links liegen.

Nur etwas hat er nicht verstanden, der Herr Ziesemer. Sich über «dummschwätzende Medienblogger» zu enervieren, die sich, zugegeben, hie und da über verstaubte Monopolverwalter lustig machen, ist nicht sonderlich originell. Natürlich wissen wir NICHT alles besser, und kaum das, aber dieses Netz, in das man jetzt doch schon seit ein paar Jahren reinschreiben kann, ist immer noch furchtbar faszinierend.

Warum aus allem eine Mördergrube machen? Etwa dass Tamedia ernsthaft darüber nachdenkt, einen 150-jährigen Qualitätsbrand einzustanzen, halte ich nun mal für unglaublichen Schwachfug. Ich bin kein regelmässiger «Bund»-Leser (das ist vermutlich deren Problem) und auch kein Markenspezialist. Trotzdem finde ich so etwas erstaunlich. Und manchmal drängt sich eben doch der Gedanke auf: Zahlenfixierte Verlagsmanager sind Experten im Ruinieren von Marken. Warum nicht den «Bund» aus der newsnetzigen Online-Monopolstrategie komplett herauslösen und ein kleines aber feines Qualitätsding aufziehen – zur Not mit wöchentlichem Printout?

Ugugu ist Onlineverleger ohne Bailoutplan, leistet dafür aber dank Antikommerzblog einen kleinen Beitrag zur Rettung der Printbranche.

von Ugugu | Kategorie: Mediensatz

7 Bemerkungen zu «Das Qualitätsding»

  1. Fred David:

    Gleich zum letzten Absatz: Jaa! Den 150jährigen „Bund“ einzustampfen, wäre Schwachsinn im Quadrat. Und zwar nicht aus Gründen der Nostalgie. Ganz im Gegenteil.

    Einen Wischiwaschi-Hybrid mit der „Berner Zeitung“ zusammenzuschustern ist ebenso kompletter Unsinn, der letztlich nicht funktionieren wird. Auch die Kopfblattidee mit dem Tagi: halbherziges Gefummel.

    Der „Bund“ hat das Potential zu etwas radikal Neuem, von Anfang an komplementär, nicht konträr zum web gestaltet und aufgebaut. Daraus könnte ein neue Zeitungstypus entstehen. Was für eine Chance!

    Ich wundere mich, dass sich hier Schweizer Journalisten nicht mit mehr Verve in die Diskussion werfen. Das hat nicht mit Bern allein zu tun, sondern mit dem Selbstverständnis des Schweizer Journalismus. Bringt er noch etwas Mutiges zu stande oder verkriecht er sich endgültig im grauen Allen-recht-mach-Mainstream?

    Ueber Qualität nicht nur schwätzen, sondern den Beweis antreten, dass es tatsächlich geht.

    Und es geht!

  2. christof:

    Volltreffer. Aber es nützt nichts mehr, es ist zu spät, die Medienbranche bricht zusammen wie die Finanzindustrie. Und jetzt ist für die Verleger und Manager einfach, alles kurz und klein zu schlagen, weil die Begründung so wunderbar einfach ist: die Krise ist schuld! Letztlich wird damit die Wahrheit verschleiert: Managementfehler, Misswirtschaft und Profitgier töten den Journalismus.

  3. Fred David:

    @) Christof, ich bin nicht so pessimistisch. Die Medienbranche bricht nicht zusammen. Aber sie schwächelt an vielen Fronten.

    Was mich schon auch irritiert: Medien werden von Journalisten gemacht. Nur: Wo sind sie denn? Warum sind sie dermassen schweigsam, wenn es um ihre eigenen Interesse geht? Ist es Angst? Ist es Lethargie? Ist es Ignoranz? Ist es Bequemlichkeit? Ich weiss es nicht.

  4. Bobby California:

    Manche Leute finden es auch im April 2009 immer noch furchtbar faszinierend, in dieses Netz Wörter wie «Holzmedien» reinzuschreiben. Aber, hey Ugugu, ganz im Vertrauen: sonderlich originell ist das nicht.

  5. christof:

    @ fred david: kann dir schon sagen, wo die journalisten sind:

    – entweder alt und resigniert
    – weggespart oder geflüchtet (in die pr)
    – oder jung und ohne sinn für das, was abgeht

  6. Fred David:

    @) Christof: Ich bin, für mein Gewerbe, ziemlich alt – aber nicht resigniert!

    Ich war letzthin an der Uni St.Gallen an einer Podiumsvernstaltung, wo es darum ging, welche Freiheit Professoren, die Uni generell, in ihren öffentlichen Aeusserungen hätten (Fall Tielemann).

    Jegerlis nein! Waren die – im Uebrigen eher spärlich vertretenen – Damen und Herrn Studierenden artig, brav und gehorsam lauschend! Die Aufmüpfigen und zornigen waren die ergrauten Professoren, die sich nicht den Mund von irgendwelchen Interessenvertretern verbieten lassen wollten. Am deutlichsten revoltierte ein Prof, der kurz vor seiner Emeritierung steht und von dem man u.a. den zornigen Satz lesen konnte: „In welchem Land leben wir eigentlich!“

    Eine seltsame Erfahrung, die sich offensichtlich nicht auf den Journalismus beschränken lässt. Dasselbe kann man erleben, wenn man sich einmal in eine Versammlung der Jungen SVP verirrt. Debattierende Junggreise.

    Muss man wirklich die Kukident-Generation mobilisieren, um klar zu machen, wo es gründlich schief läuft?

  7. ja, es wirklich absolut unglaublich, wie leichtfertig diese zeitungsmanager mit eingeführten marken umgehen und sie einem kurzsichtigen konzepthüpfen opfern.

    der tagesanzeiger ist bereits tot, dabei war der vor wenigen jahren noch das unangefochtene zentralblatt kritischer intelligentsia. beobachtung in der beiz: war der tagi früher umkämpft, kümmert sich heute kaum mehr jemand darum.

    der bund hätte das zeug, diese rolle zu erben. eine kurze zeit hatte ich auch den eindruck, genau das werde passieren. der eindruck hat sich bereits gelegt, seit das dreimal vermaledeite miesnetz jetzt auch dort läuft.

    lest französisch. in der westschweiz ist die begradigung noch nicht so flächendeckend angekommen…

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