Jetzt, wo in den Zeitungsredaktionen landauf, landab die vollintegrierten, multi- und crossmedialen Newsrooms in Betrieb sind, beginnt es sich herumzusprechen: News sind nichts mehr wert. Ich meine damit nicht die von den Nachrichtenagenturen beklagte Praxis, dass Medien ihre Verträge mit den Agenturen kündigen und einfach deren Meldungen aus dem Internet fischen und weiterverwenden. (Der Marketingleiter der SDA, Hardy Jäggi, feuerte kürzlich eine Breitseite dagegen ab: «Agenturmeldungen als Freiwild».)
Nein, ich meine damit, dass sich die Zeitungen nicht mit Nachrichten aus der Todesspirale werden retten können, in die sie geraten sind. Denn News sind nichts mehr wert. Unablässig fliessen sie aus allen Kanälen, und wenn sie schliesslich zu Druckerschwärze geronnen sind, sind sie mehr denn je von gestern.
Also weg mit den gedruckten Nachrichten in eine Randspalte und Platz da für – ja wofür denn nun eigentlich? Es lohnt sich, mal anzuschauen, was die (bankrotte) «Chicago Tribune» alles versucht hat, als sie im vergangenen September das Blatt einer Totalrenovation unterzog. Und vor allem nachzulesen, wie sauer die Leser auf das Experiment «Reinventing the Tribune» (PDF, 7.5MB) reagiert haben. Ende Januar wurde jedenfalls schon wieder tüchtig zurückgebaut. Es sind also nicht die News, es ist nicht das Design, und es ist nicht das Format (auch die «Tribune» will den Einzelverkauf mit einer Tabloid-Version fördern) – es sind die Views, die über das Schicksal der gedruckten Presse entscheiden.
In den USA gehen Magazine wie «Time» und «Newsweek» den Bach hinunter, während ein Konkurrent die Auflage kontinuierlich steigert und gleichzeitig den Preis substanziell erhöht hat: Der «Economist», der anderes liefert als das, was schon im Fernsehen oder im Internet zerkaut wurde, nämlich kluge Analysen und scharfsinnige Kommentare.
Selbst im Internet werden nicht die News-Durchlauferhitzer das Rennen machen. Eine Site wie «Breakingviews» zeigt, wie Online-Journalismus aussehen kann, der so viel wert ist, dass man dafür zahlt. Zwei Dutzend Korrespondenten und Kolumnisten in Europa und den USA, allesamt mit einer Vergangenheit bei den besten Titeln der angelsächsischen Wirtschaftspresse, betreiben da ein erfolgreiches Geschäft mit der Meinung. Sie erzählen nicht, was in der Wirtschaft passiert, sondern erklären, warum. Und sie nehmen sich die Freiheit, pointiert und provokativ zu kommentieren. «Even when you don’t agree it makes you think», schreibt ein Leser. Nicht schlecht, oder?
Daniel Weber ist Chefredaktor des «NZZ Folio».
breakingviews ist sicher eine gute Sache, kostet allerdings was und wird sich daher wohl nur in einer ganz bestimmten, eng umrissenen Klientel durchsetzen. Ob es generell als Modell taugt, bezweifle ich.
Der heutige Aufmacher “UBS’s 8700 job cuts provide reality check” ist jedenfalls interessant.
Aufschlussreich ist aber auch, dass ich heute in der Printausgabe der NZZ zu diesem Thema überhaupt nichts sehe und gestern wurde ich auf Seite 13 ganz unten versteckt mit einer 28-Zeilen-Chrüsimüsi-Agenturmeldung ohne jede Eigenleistung der Redaktion zu diesem für die Schweiz sehr wichtigen Thema abgespeist, was umso erstaunlicher ist, weil darin auch noch die hauseigene “NZZ am Sonntag” als Quelle angegeben wurde.
Stattdessen wurde mir in der gleichen NZZ-Ausgabe eine halbe Seite Lobhudel (inklusive Anriss auf der Frontseite) über den “historischen Vorgang” zugemutet, dass Kaspar Villiger den Präsidentensessel der UBS besteigt – was ich mit allen Details nun schon seit Wochen weiss.
Heute wird mir in einem Eigeninserat des NZZ-Buchverlags ausserdem nahe gebracht, dass nämlicher Herr Villiger gerade ein enoooorm kluges Buch veröffentlicht hat…
Da fragt man sich dann schon: Was soll diese Hofdienerei gegenüber einem ehemaligen NZZ-VR-Mitglied? Wo’s doch wirklich nun andernorts, wo der geehrte Herr tätig werden soll, lichterloh brennt?
Aber das muss ich dann halt wohl bei breakingviews lesen.
Sollen das die gelobten Vorzüge des Prints gegenüber dem web sein?
Da drängt sich doch vie mehr die Frage auf: Wozu noch ein teures Abo von der NZZ?
Den Überlegungen von Daniel kann ich durchaus beipflichten. Was den Economist betrifft, ist sein Argument allerdings nicht unbedingt schlagend. Denn konzeptionell hat sich der Economist in den letzten Jahren kaum verändert, am Design ist hingegen viel gearbeitet und verbessert worden – und die Auflage stieg. Das Design allein rettet die Presse nicht, aber es kann helfen (kommt dann noch ein gutes Marketing wie beim Economist hinzu: umso besser).
Daniel Webers Stossrichtung kann ich durchaus nachvollziehen, doch ist es auch trügerisch, von einer allgemeinen Informiertheit auszugehen, nur weil die “News” schon zahllos im Internet publiziert wurden. Denn die Agenturmeldungen, auf denen diese “News” beruhen, sind – das beobachte ich für mein Berichterstattungsgebiet fast jeden Tag – sind oft unpräzise, undifferenziert, vereinfachend. Der gute Zeitungsartikel muss meines Erachtens diese Nachrichten analytisch aufbereiten. Ganz ohne “News” kommt er nicht aus, er muss weder “Story” noch “Kommentar” sein. Sonst wissen wir am Ende gar nichts Genaues mehr, sondern kennen nur noch schöne Geschichten oder pointierte Meinungen. Der Economist als Wochenjournal agiert da auf leicht anderem Feld.
Wie kann man bloss auf die Schnapsidee kommen, ein Zeitungsabo sei teuer, Fred David? Ein kleiner Lackschaden am Auto kostet etwa so viel wie ein Jahreszeitungsabo. Und was hat man vom weggeputzten Lackschaden? Und was hat man vom weggesparten Zeitungsabo? Einen Dachschaden. Wenn man alle Zeitungsartikel aus dem Internet herausschneiden würden, stände dort nicht mehr viel Journalistisches drin. Das Info-Internet ist ein gigantisches Subventionsprojekt der Presse.
@)Knut.B.Zimpelmann : Ihr Pseudonym gefällt mir und sie haben natürlich recht: Ein Zeitungsabo ist , übers Jahr gerechnet, nicht zu teuer.
Von einem A-Klasse-Printmedium erwarte ich aber auch A-Klasse und keine Hofknickse, sondern Unabhängigkeit, Hintergründe, wenn möglich ohne ideologisches Gesummse und ohne wochenlange Verspätung (siehe Beispiel oben).
Das ist der grosse Vorteil vom Print gegenüber dem Web: Ich weiss, wer der Absender ist. Ich weiss, ob ich ihm trauen kann. Aber der Print darf mein Vertrauen nicht zu oft missbrauchen.
Und der Print muss sich mehr anstrengen, wenn er Geld von mir will. Ich bin bereit, für die entsprechende Leistung zu zahlen. Aber dann will ich auch die Leistung dafür kriegen.
Sonst bin ich, schwupp, im Internet. Das ernährt sich übrigens schon lange nicht mehr hauptsächlich vom “Ausschneiden von Zeitungsartikeln”.
Die Links sind das grosse Plus im web. Es lohnt sich schon, öfter mal vorbeizuschauen, z.B. bei breakingviews. Da stellt man dann schon fest, was einem so alles im Print vorenthalten wird.
Der Leser ist – zum Aerger von uns Journalisten – mündig geworden. Er lässt sich nicht mehr so leicht ein N für ein Z vormachen.
Also bitte, Fred David, der Leser war schon vor dreissig Jahren mündig! Nur hat er jetzt eine grössere Auswahl. Und ja, man weiss es aus eigener Erfahrung, beispielsweise mit einem Black Berry: Das Angebot schafft neue, wenn auch manchmal ziemlich skurrile Bedürfnisse wie: von morgens bis abends Web und Mail-Box nach Nachrichten absuchen. Wer dieser News-Junkies liest eigentlich noch Bücher? Sicher, die USA sind immer ein schönes Beispiel dafür, dass auch das Internet Eigenständiges schafft. Aber hier? Beispiel tagesanzeiger.ch: Die Artikel, die was taugen, stammen fast durchweg von den Print-Kameraden. Dabei habe die so viele Web-Leute angestellt. Man kann natürlich sagen, alles hier ist schlecht. Aber das Papier ist zumindest noch besser als die Online-News.
@ Knut.B.: …und wer von den Journalisten liest eigentlich noch Bücher? Es können nicht allzu viele sein, sonst würde aus der Fülle an Interessantem, Spannendem, Originellem, Hintergründigem, Faktenstarkem, wie man’s ohne lange Suche auf dem Buchmarkt findet, mehr in den Medien auftauchen, viel mehr.
Journalisten lesen keine Bücher. Falls sie nicht gerade im Feuilleton arbeiten. Besentfalls lesen sie die Konkurrenz. Zumindest lesen sie Bücher nie zu Ende , begnügen sich, wenn überhaupt, mit Klappentexten.
Was mir im Uebrigen auffällt: Die Qualität der Leserbriefe stieg in den letzten Jahren deutlich. Die Leser sind wirklich mündig geworden (“mündig” kommt von “Mund aufmachen”). Ihre Aufmüpfigkeit nimmt zu, die der Journalisten geradezu dramatisch ab.
Im Gegensatz zu den meist im breitesten Mainstream dahin gondelnden Meinungskommentaren stösst man auf den Leserbriefseiten immer öfter auf vom Journalismus weitgehend ignorierte Trouvaillen, oftmals von analytischer Schärfe, wie es sich Journalisten kaum noch getrauen, falls mächtige Interessen berührt werden könnten.
Früher waren Leserbriefseiten eher Nörglerecken. Heute erfährt man aus Leserbriefen oft mehr als im redaktionellen Teil. Mir ist ein Rätsel, warum Redaktionen diese Seiten nicht besser pflegen. Genau dort könnte man dem zurecht als bedrohlich empfundenen web 2.0 samt Black Berry Konkurrenz machen. Interaktivität im Print.
Warum das nicht geschieht? Ein Journalist möchte vom Leser nicht behelligt werden. Der Journalist kennt seine Leser nicht, möchte sie gar nicht kennen. Trifft er dennoch auf einen, fühlt er sich unwohl. In der Regel weiss der Journalist nicht, für wen er schreibt. Er empfindet das aber keineswegs als Mangel.
Das alles sind Gründe, warum Journalisten in der Regel Blogs hassen und als irrelevant und lästig betrachten.
Ein paar Gründe auch, warum der Print und damit der Journalismus nicht mehr so richtig ernst genommen wird, erst recht, wenn er an allen Ecken gratis aufliegt.
Von der Entwicklung um sie herum scheinen insbesondere Schweizer Journalisten regelrecht gelähmt.