Beklemmung macht sich breit, wenn man die aktuelle Karte zur Medien-Abbauschlacht konsultiert, die auf diesem Weblog getreulich nachgeführt wird. Es werden nun nicht mehr bloss Zeitungsredaktionen zusammengestrichen, nein, jetzt geht’s auch Online-Teams an den Kragen – bisher die Garanten der Verleger, im brutalen Medienwettbewerb wenigstens auf das richtige Pferd zu setzen. Oh je: Das sind keine Strukturänderungen mehr, sondern bereits Auflösungserscheinungen einer ganzen Branche.
Irgendwie geht es nun langsam auch um das Selbstverständnis der Journalisten. Die meisten Vertreter dieser aussterbenden Spezies glauben auch heute noch völlig unmodern, eine Art öffentlichen Auftrag zu erfüllen. An der Verleihung von Medienpreisen wird dies immer gesagt und die Preisträger nicken. In bundesrätlichen Reden ist es das Ceterum censeo. Bei den Mediengewerkschaften ist es beliebtes Dauerthema und unter anderem Hauptpunkt im Kampf mit den Verlegern um eine verbindliche Auslegung des Presserats-Ehrenkodexes (Journalisten seien in erster Linie dem Gemeinwohl und erst in zweiter Priorität dem Arbeitgeber verpflichtet, lautet das Axiom von Comedia & Co.).
Bisher haben die Journalisten aber immer vehement den Kopf geschüttelt, wenn es darum ging, dass der Staat diese Sonderleistung der Schreiberinnen und Schreiber irgendwie honorierte. Die diversen Anläufe für eine Erhaltung oder Verbesserung der staatlichen Presseförderung wurden in redaktionellen Kommentaren und Geschichten stets mitleidig belächelt. Selbst die Verleger standen nicht voll dahinter.
Jetzt, wo die Banken mit Summen alimentiert werden, die selbst Wirtschaftsjournalisten auf den ersten Blick nicht gleich als Milliarden oder Billionen erkennen und wo Sanitäre, Spengler, Schlosser, Gipser, Maschinenindustrielle und Touristiker in den Genuss von Impulsprogrammen kommen, sollen ausgerechnet jene leer ausgehen, die mit Inbrunst darüber berichten? Die den Kontakt zur Aussenwelt herstellen und die Verbindung zwischen dem Publikum und den Entscheidungsträgern herstellen?
Norbert Neininger, der Chef der «Schaffhauser Nachrichten» hat am 27. Februar in der «NZZ» den zaghaften Versuch gestartet, einige Postulate für eine verstärkte indirekte Presseförderung aufzustellen. Achtung: Es geht nicht um Staatsgelder, die wie in Österreich, Frankreich und Liechtenstein direkt an die Zeitungen ausbezahlt werden. Die Rede ist von einer indirekten Hilfe (Economiesuisse würde von den Rahmenbedingungen sprechen), von Verbilligungen bei der Zeitungszustellung, von Unterstützung bei der Ausbildung, bei den Agenturen, bei der Forschung etc. Und der Bund könnte seine berühmten Anti-Aids-Inserate und andere Kampagnen in der Presse zum vollen Inseratetarif bezahlen, wie dies Coop und Migros auch tun, und sollte nicht noch Rabatte oder gar Gratispublikationen erwarten.
Doch wahrscheinlich wird diesbezüglich nicht viel passieren. Journalisten und auch Verleger haben eine lange Tradition im Abschneiden von Ästen, auf denen sie selber sitzen. Wir gehören zu einer Branche, die gern in Schönheit stirbt.
Andrea Masüger ist Publizistischer Direktor der Südostschweiz Medien.
Nein, Andrea, es geht nicht “irgendwie” und “langsam” um das Selbstverständnis der Journalisten – darum geht es im Kern, seit die Demokratisierung der Publikationsmittel Ende der achtziger Jahre eingesetzt hat und uns Journis die Rolle als “Gatekeeper” und Herren über die Druckerpressen (die sowieso nie wir waren, sondern die Verleger) abhanden gekommen ist. Die Digitalisierung hat nicht einfach nur neue Plattformen geschaffen; das Netz ist viel, unendlich viel mehr als zellulosefreies Papier – aber genau das wollen weder die Verlage noch die Journalisten kapieren. Erstere, weil ihr Geschäftsmodell wegerodiert und das neue noch nicht erkennbar ist; letztere, weil uns die fragwürdige Machtstellung und die ach so angenehme Distanz zum Publikum genommen wird. Der “Dienst an der Leserschaft” (nicht der Gesellschaft) wird noch viel stärker zum Thema werden denn je – nur wird das zuerst mal in alter Verleger-Tradition mit möglichst poppigem Boulevard verwechselt.
Andrea Masüger > Dass die Online-Redaktionen zuerst zusammengestrichen werden, ist schade für die Angestellten, aber sonst nur logisch: wer würde schon einen notorisch unprofitablen Geschäftszweig auf Kosten des Kerngeschäfts durchfüttern?
Peter Sennhauser > Wie, den Journis ist die Rolle als Gatekeeper abhanden gekommen? Das würde Ihnen so passen. Doch wenn die Blogger so weiterwursteln, dann blüht ihnen der baldige Absturz in die völlige Bedeutungslosigkeit (sofern sie nicht bereits dort angekommen sind). Wenn Sie ein Gatekeeper sein wollen, müssen Sie schon mehr bieten, als mal hier, mal dort was zusammenzuklauen und mit einem spassigen Spruch zu garnieren (wie das die meisten Blogger tun). Insofern kann ich Kollege Schuler nur zustimmen, der hier kürzlich richtigerweise die zunehmehnde Uncoolheit des Internetlebens diagnostizierte. Ich komme zu einem ähnlichen Befund: Immer öfter klick ich mich durchs Netz und finde nur Langweile. In der Schweiz gibts kaum Blogger, die mal was Interessantes aufdecken. Und wenn Sie, Herr Sennhauser, Ihren Lesern am 31. März 2009 mitteilen: »Offen ist hier, ob der Bund ganz in die “BZ” integriert oder als Kopfblatt des Tagi weiterexistieren soll…», dann muss ich sagen: Gähn… das weiss ich doch schon seit Monaten. Ein Gatekeeper, der seinen Namen verdient, versorgt mich jeden Tag mit Neuheiten, nicht mit ollen Kamellen…
Die Alarmrufe haben schon ihre Berechtigung. Wir stehen auf Sandboden. Leise aber stetig rieselts unter unseren Füssen weg. Aber klagen bringt ja auch nichts.
Ich hätt’ da so ‘ne Idee:
Tamedia, die Nummer 1 im Land, könnte damit beginnen. Reihum hat sie expandiert, Regionalblätter zusammengekauft, den Tagi regionalisiert. Alles ok. Im regioalen Bereich spielt das web noch nicht so eine grosse Rolle, vielleicht noch lange nicht. Dort scheint print noch lange überleben zu können.
Aber überregonal haperts bös. Da ist eine Riesenlücke. Dabei hat Tamedia ein Goldstück in der Tasche: Der Bund. Statt noch lange um ein mühseliges “duales Berner System” aus “Bund” und “Berner Zeitung” herumlabrorieren gleich Nägel mit Köpfen machen. Und zwar sofort. Think big. Mit Paukenschlag.
Aus dem “Bund” wird eine schlanke, schnelle, elegante, optisch völlig neu strukturiert und gestaltete nationale Zeitung, von vornherein mit dem web eng verzahnt und mit einer kleinen, aber hoch qualifizierten Redaktion. Aufbau eines Netzes von freien Büros, die journalistisch spezialisiert sind z.B.in Finanzanalysen/Banken, Energiewirtschaft, Klimawandel, TV/überregionale Kultur, Sozialpolitik etc. Kurz: schwerpunktmässig Dossiers im Griff behalten.
News gibts an jeder Ecke, der Bedarf ist abgedeckt. Was fehlt , sind tägliche und gezielte Autoren- und Backgroundstories, Analysen, Kommentare, Glossen, Schwerpunktreportagen und -Berichte aus Innenpolitik, Ausland, Wirtschaft, Kultur. Keine Chronistenpflicht. Die Aktualität nicht nachbeten, hinterfragen, erklären, ausdeuten. Und hoffentlich auch gelegentlich provizieren. Schwerpunkte. Nicht die ganze Welt.
Alle Lokale, alles Regionale weg (dafür hat man die jeweilige Regionalzeitung im Kombi mit dem neuen “BUnd”), allen teuren Beilagen-Ballast fort, Sport, Klatsch etc. nur wenn’s spannend ist. Pro Tag nicht mehr als 20/25 Textseiten. Aber die von hoher Qualität. Und , ganz wichtig:wieder gepflegt geschrieben. Die Auflage wäre nicht riesig, würde sich aber im Abo-Kombi mit den Regionalzeitungen der Tamedia von Anfang an tragen.
Anzeigenkunden bekämen eine interessant sortierte Leserschaft, mit Schwerpunkt mittelinks und urban. Man müsste inhaltlich nicht so sehr in die schwammigen Breite gehen und auch noch das Hintere Haslital beglücken wollen. Profil sticht aus dem Einerlei. Eine Alternative zur NZZ – aber gaaaanz anders.
Für den Stoff aus Ausland , Wirtschaft, Kultur, liessen sich Partner im Ausland finden. Das bestehende Korrepondentennetz in Schwerpunkten verstärken und stärker spezialisieren.
Die Stärke läge in der engen Vernetzung mit dem web von Anfang an. Kostet natürlich eine Menge, aber das Risiko ist überschaubar, weil man sich auf Bestehendes stützen kann, auch auf gute Leute, die aber jetzt zum Teil falsch eingesetzt sind.
Was man im web nur schon mit zielgerichteten Links machen kann, ist gigantisch. Das Printmedium bräuchte man aber trotzdem zur Einordnung und Sortierng auf einen Griff. Und für die sinnliche Erfahrung. Die ist viel wichtiger, als die meisten glauben.
Eine ideale Kombination also.
Wär’ doch mal ein Anfang! Und ein möglicher Ausweg aus der Jammerspirale, in der wir uns drehen.
Aber nicht noch nach Schweizer Art lange zuwarten und einmal schauen und dann die zehnte Planungsgruppe einberufen! Just do it now.
Potentielle Leser (und Käufer!) lechzen danach. Wetten?
Weshalb, Fred David, hast du nicht Einsitz in einem kreativ fördernden und fordernden Rat? Oder, gibst du dort deine Ideen kostengerecht an den Mann, die Frau Verleger/-in? Sogenannt gratis sind nur noch die vielen abgegriffenen “Blätter” für den Konsumenten.
Fazit für deine Kollegenschaft: Ganzheitlichkeit mit unternehmerischen Fähigkeiten und Durchsetzungswille neben all anderen Fähigkeiten muss/müsste den Journalisten zum Anliegen werden. Ich wiederhole meine Aussage (5.3.2009 “Allen Ernstes”: versklavte Journalisten haben wir genug”. Ilse Oehler