Online sein ist uncool

Ist es erst eine vage Idee oder ist es schon ein Trend? Coca Cola jedenfalls wettet darauf schon Werbemillionen: Cokes Marketinggenies haben die teuersten Spot-Minuten im amerikanischen Medienzirkus darauf verwendet, das Online-Dasein für uncool zu erklären. So und nicht anders ist die Botschaft zu verstehen, die Coke in seinem Superbowl-Werbespot unter hundert Millionen Football-Zuschauer zu bringen versuchte.

Dessen Inhalt kurz erzählt: Zu einem Presley-Song schlendert ein sympathischer junger Mann durch eine Stadt, in der sich fast alle anderen Passanten am Laptop, der Spielkonsole oder dem Handy in rücksichtslose Avatare verwandeln. Besonders auffällig ist der Superman-Typ am Laptop, dem es nicht in den Sinn kommt, einer Mutter zu helfen, den Kinderwagen eine Treppe hinaufzutragen. In einem Café schliesslich verwandelt sich – dank einem Cola natürlich – ein besonders scheusslicher Avatar in eine junge Frau zurück. Der Flirt beginnt.

Das wahre Leben, sagt uns Coke, spielt sich also weder am iPhone noch bei Facebook oder auf Twitter ab, und schon gar nicht in World of Warcraft. Wer sich online in Superman verwandelt, verpasst das wahre Leben. Und der Clou am Spot: Der Coke-Sympathieträger liest tatsächlich ein richtiges, auf echtes Papier gedrucktes Magazin.

Werber wissen immer etwas früher als andere, was wirklich cool ist – vielleicht. Allerdings: Coke ist nicht die einzige Marke, die für ihr Image wahre Werte, echtes Leben in einen Gegensatz zur flickernden Online-Welt stellt. Auch andere Produkte – von der noblen Armbanduhr bis zum Herren-Halbschuh – lassen sich auf Plakaten und Spots mit Presseprodukten ein. Und sogar Nespresso mit seinem Werbeträger George Clooney setzt auf die Coolness des gedruckten Wortes.

Gut möglich, dass das alles eine Überinterpretation ist. Aber abzuwarten bleibt, welche Veränderungen die Finanz-, Wirtschafts- und Zeitungskrise hervorbringt. Wir stehen erst am Anfang, aber der «Economist» zum Beispiel läutet bereits das Ende der Gratiskultur ein, die ja so vielen als unvermeidliche Zukunft erschienen ist.

Edgar Schuler ist Redaktor am «Tages-Anzeiger». Was er hier schreibt, ist seine persönliche Meinung.

von Edgar Schuler | Kategorie: Mediensatz

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