Fatale Signale

Endlich ist die Botschaft ganz oben angekommen, mögen Pessimisten und Besserwisser frohlockt haben. Endlich hat auch der oberste Zeitungsverleger der Schweiz eingesehen, dass es sich bald nicht mehr lohnt, Papier mit Nachrichten zu bedrucken. «Ich spreche von einem Existenzkampf, weil wir nicht mehr sicher sind, ob die Zeitung wirklich eine Zukunft hat», sagte der Präsident der Schweizer Verleger, Hanspeter Lebrument, nach dem Tamedia/Edipresse-Handel gegenüber «Le Temps».

Spricht hier einer, der es wissen muss, eine unbequeme Wahrheit aus? Oder war es ein verzweifelter Weckruf Lebruments an seine Kollegen in den Chefetagen der Medienhäuser? Weder noch. Der präsidiale Fatalismus ist in erster Linie Ausdruck grassierender Fantasie- und Orientierungslosigkeit. Denn die Fakten sprechen eine andere Sprache. In der Schweiz werden täglich immer noch weit über eine Million Zeitungsexemplare gedruckt und von mindestens ebenso vielen Menschen gelesen.

Und auch die Tatsache, dass die Zürcher Tamedia mit dem Kauf der Lausanner Edipresse ihre Zeitungspalette massgeblich erweitert hat, lässt doch eigentlich darauf schliessen, dass eines der erfolgreichsten Medienhäuser an die Zukunft der Zeitung glaubt. Das alleine sagt freilich noch nichts über Inhalt und Qualität des bedruckten Papiers aus. Pendlerzeitungen haben gezeigt, wie man auch mit vergleichsweise ambitionsloser Allerweltspublizistik gut Geld verdienen kann.

Fatal ist das Signal des Verlegerpräsidenten vor allem deshalb, weil er sich in seiner Funktion unglaubwürdig, ja unmöglich macht. Ein Schraubenverkäufer, der die Zukunftstauglichkeit seiner eigenen Produkte öffentlich anzweifelt, ginge wohl demnächst Pleite. Nicht wegen irgendeiner Krise, sondern weil kein Kunde auf Auslaufmodelle setzt. Doch letztlich dürfte der Schraubenverkäufer besser dastehen als der Verleger. Denn Schrauben sind Schrauben, Alternativen dazu gibt es kaum. Der Verleger hingegen handelt mit Information, ein Gut, das im Überfluss vorhanden ist. Und dazu erst noch gratis.

Damit wären wir beim Kern der Sache. Bis vor fünfzehn Jahren konnten Zeitungsverleger ein knappes Gut verkaufen. Der Zugang zu Nachrichten war limitiert, Journalisten hatten einen privilegierten Zugang dazu. Niemand hätte selbst zum Hörer gegriffen und in der Weltgeschichte herumtelefoniert. Die Zeitung nahm einem diesen Aufwand ab. Für den Kunden stimmten Preis und Leistung. Inzwischen hat sich das nachhaltig geändert. Jederzeit und überall haben wir Zugriff auf eine noch nie da gewesene Informationsfülle. Gerade deshalb könnten zuverlässige Navigations- und Orientierungshilfen durchaus eine geldwerte Aufgabe erfüllen. In diesem Sinn hat die Zeitung – respektive die Funktion, die sie erfüllt – im Internetzeitalter nicht einfach ausgedient.

Nur, die Realität sieht anders aus. Viele Zeitungsverleger liessen sich von der Entwicklung regelrecht überrollen und haben sich an alte Gewissheiten geklammert, als längst klar war, dass Umwälzungen von epochaler Bedeutung im Gang sind. Anstatt einen neuen, eigenständigen Platz in der digitalen Informationswelt zu suchen, taten sie, was sie schon immer taten und druckten Zeitungen als gäbe es kein Internet. Noch mag das funktionieren. Wie lange, weiss aber niemand. Insofern hat die Aussage des Verlegerpräsidenten eben doch einen wahren Kern.

Nick Lüthi ist Chefredaktor des Medienmagazins «Klartext».

von Nick Lüthi | Kategorie: Mediensatz

2 Bemerkungen zu «Fatale Signale»

  1. Eine Tageszeitung, die sich ganz konservativ darauf konzentrieren würde, aus der Unmenge an verfügbaren Informationen und Nachrichten die wirklich Wesentlichen herauszufiltern und zu verifizieren, würde ich ohne Bedenken und zu einem anständigen Preis abonnieren. Aber was uns heutzutage von den Print-Bezahlmedien vorgesetzt wird – Promiklatsch, copy/paste von Agenturmeldungen, billigster Sex&Crime-Trash – ist leider nicht besser als das, was ich überall gratis im Internet lesen kann; in vielen Fällen sogar schlechter. Das ist die Misere der Zeitungsbranche. Zumindest aus meiner Sicht als passionerter Zeitungsleser.

  2. Fred David:

    Ich glaube auch, dass die Zeit der Holzmedien noch lang nicht vorbei ist.

    Ich glaube sogar daran, dass in der Schweiz Platz ist für einen neuen Zeitungstypus auf nationaler Ebene: eine schlanke, elegante, gut gestylte Tageszeitung,nicht umfangreicher als 15 Druckseiten (plus Anzeigen), profil- und meinungsstark, Hintergründe, Interviews, Kommentare, knappe Autorenbeiträge etc. auf den Punkt. Insgesamt links der Mitte, aber unideologisch, urban, nach aussen orientiert. Kein Larifari. Aber auch keine NZZ.

    Am heutigen Donnerstag müsste diese Zeitung mir nicht mit ellenange Jammerstories über einen Herrn Steinbrück kommen, sondern das beleuchten, worum es wirklich geht: um hunderte Milliarden der Steuer hinterzogenes bez. ertrogenes Kapital aus dem Ausland auf Schweizer Konten und wie damit zu verfahren ist. 10 Vorschläge, was die Regierung jetzt zu tun hat.

    Das jetzte einfach mal als Beispiel.

    An News nur das Wichtigste, die holt man sich sonst überall her. Allen übrigen Ballast weg, keine überflüssigen Beilagen, Sport nur punktuell. Tratsch und Halligalli nur, wenn man wirklich was Originelles hat. Regionales vollständig den Regionalblättern überlassen.

    Der Blick muss stark ins Ausland gehen, stark wirtschaftsbetont sein, aber ohne das übliche Börsengeschwafel (das kann man sich anderswo besorgen), kurz: die „Schweiz und die Welt“, dies in Kooperation bez. im Austausch mit ausländischen Partnern.

    Die Redaktion könnte klein und kostengünstig sein, würde punktuell und immer wieder wechselnd mit den besten Autoren und Experten zusammenarbeiten, die das Land zu bieten hat. Bestehende Vertriebswege könnten genutzt werden.

    Zeitsparend, schnell, gründlich, qualitativ und gestalterisch hochstehend. Und ganz wichtig: gut, sehr gut geschrieben. Die Feder wieder pflegen. In Verzahnung mit einer online Plattform, die gezielt erweiterte Links zur Printausgabe bringt etc.

    Die Auflage wäre relativ gering, aber mit hochwertig sortierten Abos. Der Preis wäre im Verhältnis deutlich höher als eine normale Tageszeitung.

    Sie würde sich auch an die zehntausenden gut verdienender Ausländer in der Schweiz richten, die kapieren wollen, wie das Land tickt, ohne sich durch den ganzen regionalen Mischmasch einer üblichen Tageszeitung quälen zu müssen.

    Jetzt brauchts nur noch den Verleger, der es riskiert und antizyklisch denkt, statt nur die zehnte Sparrunde einzuläuten, der in der Krise Neues vorbereitet, so dass er bereit ist, wenn die Wirtschaft wieder anzieht.

    Es brauchte aber nicht eins der üblichen Medienhäuser zu sein. Lieber sogar nicht. Sponsor könnte ein Milliardär sein – es gibt über 120 – der dem Land etwas zurückgeben will, was es ihm geboten hat. Ideale Basis wäre eine unabhängige Stiftung. Wäre alles machbar. Knowhow gibts genug im Land, das lässt sich punktuell einkaufen.

    Ergebnis: eine flotte, schlanke, nationale Zeitung, die zeigt wo’s wirklich lang geht.

    Die Schicht, die sich sowas leisten würde, ist da, aber medial total unterversorgt. Lechz!

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