Es war spannend, mitzuverfolgen, wie die wenigen medienökonomischen Schwergewichte unter den letzten paar Medienjournalisten die «Grande Bouffe» der Tamedia beurteilten. So gegensätzlich nämlich, dass man meinen könnte, es handle sich um verschiedene Übernahmen.
So konstatierte Roger Schawinski am 4. März 2009 im Weblog von «persoenlich.com», das «Echo auf den grössten Mediendeal der Schweizer Geschichte» sei «fast schon erschreckend mickrig» ausgefallen. Sogar in der «permanent an einem Minderwertigkeitskomplex leidenden Romandie» habe es keinen «Aufschrei» gegeben.
Lächerlich sei die Begründung der Tamedia-Topleute, man habe Google und Facebook entgegenhalten müssen, sei Google mit dem Verkauf von Zeitungswerbung doch erst gerade «grandios gescheitert».
Welch ein Unterschied zum Radio- und Fernsehwesen in diesem Land, wo ein Handshake bei Megadeals im Gegensatz zum Pressebereich nicht genüge, zumal der Staat die hintersten Details (zugunsten der bösen SRG) reguliere.
Die übriggebliebenen «Dominosteine» der Pressevielfalt würden noch in diesem Jahr fallen, meint Schawinki weiter, ausser die «Dissidenten-Truppe» rund um «NZZ», «Basler Zeitung» und «Aargauer Zeitung» [unerwähnt: «Südostschweiz»] fänden sich noch zu einem «Gegenbündnis» zusammen.
Betriebswirtschaftlich sei die Strategie von Tamedia «glasklar und stimmig»: Der Zürcher Medienkonzern könne den grössten Werbekunden des Landes – Migros, Coop und Mediamarkt – künftig «flächendeckende Angebote» vorlegen und so die Konkurrenz «plattmachen».
Ein widerwilliges Allegro, also. Eines erwähnt Schawinski jedoch nicht: Er selber hatte der Tamedia das gescheiterte Tele 24 sowie die rentierenden Tele Züri und Radio 24 für sehr gutes Geld verkauft und sie damit entscheidend gestärkt.
Ganz anders tönt es bei Kurt W. Zimmermann in der «Weltwoche» vom 5. März: «Jeder in das Zeitungsgewerbe investierte Franken» sei heute «falsch angelegt». Nur die Bankbranche stehe am Markt noch schlechter da. Welch ein «unternehmerisches Hochrisiko» – in einem Moment, wo Säulen des amerikanischen Zeitungswesens nahe am Konkurs wankten und Rupert Murdoch Milliarden abschreibe! «Weit über 20 grössere Zeitungen» – davon sechs aus der Romandie – faulten nun im Portfolio der Tamedia vor sich hin. «Noch klumpiger wird das [enorme Klumpenrisiko], wenn man bedenkt, dass sich alle Titel im engen Schweizer Markt bewegen».
Also fast schon ein Requiem, das Zimmermann da anstimmt. Eines erwähnt er indes nicht: Zimmermann hatte mit TV3 und «Facts» im Hause Tamedia Millionen verbrannt (oder jedenfalls als Überzeugungstäter mitverbrennen helfen).
Ich neige hier – abgesehen von der peinlichen SRG-Phobie – eher Schawinski zu. Die Edipresse-Übernahme ermöglicht es Tamedia, mit den weltweit reichsten Teilmärkten Zürich und Genf eine grosse Nische nahezu voll zu besetzen: Das kann im europäischen Raum eine Überlebensstrategie sein – nach dem Ende der Rezession.
Wie wird die Weko entscheiden?
Noch etwas anderes hat mich aber beschäftigt. Die meisten Berichterstatter haben auf das mehr oder weniger scharfe Skalpell der Wettbewerbskommission (Weko) hingewiesen, die – im Vorlauf zum Bundesverwaltungsgericht – der Tamedia einen Strich durch die Rechnung machen könnte. Auch hier hält Tamedia aber recht gute Karten in der Hand.
Wie scharf könnte dieses Skalpell denn sein? Noch ist kein Verfahren hängig. Aber es liegen zwei frühere Entscheide vor, die sich auch schon mit dem Heisshunger der Tamedia zu beschäftigen hatten.
Am 28. August 2007 schloss die Wettbewerbskommission eine Vorprüfung des Kaufs von 80 Prozent der Espace Media Groupe durch die Tamedia ab. Die überaus sorgfältige Studie beanspruchte 48 Spalten im Heft 4/2007 von «Recht und Politik des Wettbewerbs» (PDF). Fazit: «Die vorläufige Prüfung ergab keine Anhaltspunkte, dass der Zusammenschluss eine marktbeherrschende Stellung begründen oder verstärken würde.» Andernfalls hätte die Kommission Massnahmen von einem Verbot bis zum Befehl einer Abstossung von Unternehmensteilen anvisieren können.
Das Kartellgesetz verbietet fusionierenden Unternehmen nämlich, eine marktbeherrschende Stellung zu begründen oder zu verstärken, wenn dies wirksamen [wirtschaftlichen] Wettbewerb beseitigen könnte (Art. 10). Wohlgemerkt: Wirtschaftlichen, nicht publizistischen Wettbewerb!
Um dies zu beurteilen, hatte die Weko eine Liste von «relevanten Märkten» erstellt, die 15 sachlich relevante Lesermärkte (von Tageszeitungen bis zum Golfplatzführer) und sechs räumlich relevante Märkte (vom Berner Oberland bis zum Grossraum Ostschweiz) analysierte. Dazu kamen Hörer- und Zuschauermärkte, Online-Märkte, Print-Firmenwerbemärkte, Rubrikanzeigen- und Ankündigungsanzeigenmärkte, Zeitungszustellungsmärkte, Märkte im Printdruck, im Akzidenzdruck und weitere Untergruppen.
Besonders «eingehend analysiert» hat die Weko jene Märkte, in denen beide Fusionspartner mahr als 20 Prozent oder einer allein mehr als 30 Prozent Marktanteil erzielte. Die Weko vermerkte, dass die beiden Unternehmen wegen Antimonopolklauseln des Radio- und Fernsehgesetzes bereits dabei waren, Radio Basilisk (Tamedia) und Radio Canal 3 (Espace) zu verkaufen. En passant nannte sie übrigens Sprachgrenzen als Damm gegen Monopolmacht. Mehrseitige Tabellen fassten die Analyse zusammen.
Mit einer Ausnahme wurde die Wettbewerbsgefährdung mit «0» bezeichnet. Einzig in der Region Solothurn sah die Weko «Anhaltspunkte» für beträchtliche Situationsveränderungen im Werbebereich – nicht zuletzt wegen einer agressiven Abonnementswerbung der beiden Verbündeten Tamedia und Espace über Kombi-Dumpingpreise (Kombi «Berner Zeitung» mit «SonntagsZeitung» für Fr. 100.- statt – separat – rund Fr. 380.-). Aber auch hier reichte die Gefahr laut Weko nicht aus.
In einem langwierigen früheren Verfahren, das das Bundesgericht am 22. Februar 2007 entschied (2A.327/2006), war es um die Übernahme der Pendlerzeitung «20 Minuten» durch Tamedia und die Espace Media Groupe gegangen.
Noch im Jahre 2004 hatte die Weko zwar den Einstieg der Espace Media («Berner Zeitung») beim finanziell wankenden «Bund» akzeptiert – das Argument der «Rettung eines scheiternden Unternehmens» wog schwer. Gleichzeitig untersagte die Weko der «Berner Zeitung» aber eine Beteiligung an «20 Minuten»: Es würde eine marktbeherrschende Stellung rund um Bern entstehen.
Das Bundesgericht gab in letzter Instanz jedoch beide Zusammenschlüsse frei, und zwar mit einem Gedanken, der jetzt wieder eine Rolle spielen dürfte: Auf dem Medienmarkt setzten sich «zunehmend neue zielgruppenspezifische Strategien durch». Es erfordere unternehmerische Innovation; diese wiederum bedürfe «erheblicher Finanzkraft und Managmentkapazität». «Das führt dazu, dass bisher regional tätige Verlage ihre Kräfte zusammenlegen».
Hypothese im März 2009 zu Tamedia plus Edipresse: Die Sprachgrenzen dürften wohl wieder als Damm gegen wettbewerbshindernde Macht und unternehmerische Innovation gelten. Hinzu kommt die präventive Abwehr ausländischer «Heuschrecken» – unter ihnen der bereits im Kanton Neuenburg gelandete französische Verlagsriese Hersant, der Edipresse bereits Kooperationsofferten unterbreitet hat. Mir scheint, Tamedia/Edipresse dürfen der Weko-Prüfung gelassen entgegensehen.
Peter Studer ist Publizist und Medienrechtler.