Das Unsagbare

Ein riesiger Vorteil des Internets sind die Links. Nie wäre ich sonst beim kleinen ökumenischen Mediendienst «medienheft.ch» gelandet. Ein Text des langjährigen «Tagi»-Journalisten Roman Berger wäre mir somit entgangen. Und das wäre schade gewesen.

Er veröffentlichte am 26. Februar 2009 unter dem Titel «Information für die Elite» einen Essay darüber, wie die Information von den Eliten für ihre Interessen okkupiert wird:

    «20 Jahre nach dem Ende des Kommunismus wird mit den Banken nun auch der Kapitalismus in seinen Grundfesten erschüttert. In den Medien macht zwar die ‹Wut des Volkes› über Abzocker und Boni Schlagzeilen. Das politische Systemversagen und die Notwendigkeit eines Systemswandels werden aber kaum thematisiert.»

Jessesgott! Systemversagen? Systemwandel? Die Gedanken sind zwar frei in diesem Land, aber so frei auch wieder nicht, Herr Berger:

    «Der unabhängige kritische Wirtschaftsjournalismus, der die relevanten Informationen dazu liefern müsste, bleibt auf die Alternativpresse beschränkt.»

Warum muss mir hier ein unscheinbarer ökumenischer Mediendienst derart ins Gewissen reden? Warum lese ich solche Texte nicht im «Tages-Anzeiger», und zwar prominent, nicht irgendwo als Fremdautorenbeitrag, von dem man sich jederzeit distanzieren kann? Oder auf der Frontseite der «NZZ» oder im Editorial der «SonntagsZeitung» oder …?

In vorsichtigen Ansätzen habe ich im «Sonntag» etwas darüber gelesen, aber wirklich ganz vorsichtig und ganz ausnahmsweise. Es ging alles in den Elogen über den neuen Messias unter, der gerade von einer Himmelspforte zur andern wandelte und sich aus diesem Anlass den Gläubigen offenbarte. Mindestens vier lange Interviews gab Herr Grübel am letzten Wochenende. Austauschbar waren nicht nur die an Selbstgefälligkeit schwer zu überbietenden Antworten, sondern – erstaunlicher noch: die Fragen.

Er lebe hoch! Hoch! Hoch!

So viel sprachgeregelte Ehrerbietung ohne jede Abweichung habe ich als Journalist nur noch in der DDR beobachtet. In einer einzigen Ausgabe des «Neuen Deutschland» war «der Generalsekretär der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands und Vorsitzende des Staatsrates der Deutschen Demokratischen Republik, Genosse Erich Honecker» («Er lebe hoch! Hoch! Hoch!») 34 mal im Foto den Gläubigen präsentiert worden.

Der Unterschied ist graduell: «Oswald Grübel weist der UBS den Weg», titelte das «St. Galler Tagblatt» – ein Beispiel von vielen – unter einem 14x18cm grossen Foto, das IHN in einer Pose zeigt, die man unverfänglich einem grossen Unternehmensführer zuschreiben darf. «You & US = UBS», eine grosse Familie eben. Nicht allein der UBS AG, uns allen, der Schweiz AG, zeigt er, wo er den Most holt – obschon wir das eigentlich wissen, wir haben den Most ja zumindest teilweise bezahlt; man vergisst das bloss so schnell. Sein Augenschlag im Foto ähnelt jenem von Marlon Brando in «Der Pate», was hier aber nicht näher thematisiert werden soll.

In andern Ländern werden Päpste, Präsidenten, Diktatoren, Fussballstars oder Kriegsgeneräle so gefeiert. Bei uns ist es der CEO der grössten Bank des Landes, deren Bilanzsumme einem Mehrfachen des Bruttoinlandprodukts entspricht. Das BIP ist die Summe sämtlicher Waren und Dienstleistungen, die eine Volkswirtschaft während eines Jahres im Inland produziert. Das klärt die Machtverhältnisse bis tief hinein in Politik, Justiz, Wissenschaft, Medien. Und Finma.

Die Religionswächter sind wachsam

Und es erklärt auch manches über die Psychologie der Schlagzeilen im «NZZ»-Wirtschaftsteil. Jene vom 21.2.09 geht nach Verständnis des Hauses hart an die Grenze und sicherlich auch bald in die Geschichte ein. In den letzten 74 Jahren jedenfalls – seit es das Unsagbare gibt – hat man eine solche Überschrift nie gewagt: «Abgesang auf das Bankgeheimnis». Ein Epochenwandel, wenn auch, natürlich, kein «Systemwandel».

Erst seit zwei Wochen ist so etwas denk-, sag- und druckbar: Das Bankgeheimnis ist, was es schon immer war: ein Steuerhinterziehungsgeheimnis. Jeder weiss das, niemand sagt es. 74 Jahre lang haben eidgenössische Religionswächter wie iranische Mullahs über einschlägige Sprachregelungen gewacht und mit Schlägen auf nackte Fusssohlen nicht bloss gedroht. Der eine oder andere hat danach sein Leben lang gehinkt. Das einlullende Mantra aller Finanzminister seit 1935 geht als die wichtigste politische Botschaft der Schweiz der letzten 74 Jahre in die Historie ein: «Das Bankgeheimnis ist nicht verhandelbar.» Für ein Dreivierteljahrhundert ist das an Substanz vielleicht etwas dürftig. Aber so ist es halt mit Dogmen auf tönernen Füssen.

Das Quaken der Frösche

Wie konnte man ein an sich intelligentes Volk und seine sehr folgsamen Medien über so viele Jahrzehnte dazu bringen, dieses Mantra nachzubeten und daraus eine allgemein verbindliche Religion zu formen?

Heute liest sich das alles wie ein Witz. Aber wer behauptet, es sei einer, verdrängt mal wieder was. Ich schildere das hier aus meiner Froschperspektive, weil ich mich im Souterrain mit den Gegebenheiten etwas auskenne. Ich war im Januar 2001 noch nicht drei Wochen lang Chefredaktor einer Zeitung namens «CASH» (ältere Leser mögen sich an die bunte Wochenzeitung noch vage erinnern), als ich eine persönliche Einladung von Finanzminister Kaspar Villiger auf dem Tisch hatte, ihn doch bald in seinem Büro zu besuchen. Thema: das Geheimnis aller Geheimnisse. «CASH» hatte irgendwie nicht ganz mitbekommen, worum es dabei wirklich geht: to be, oder eben nicht, jedenfalls um die Schicksalsfrage unserer Nation schlechthin.

Kurze Zeit später meldete sich der sehr sympathische und sehr gebildete Ex-Staatsekretär Franz A. Blankart. Er käme gerade von der Bankiervereinigung, «wir sollten doch einmal … Sie wissen schon…». Wenig später berichtete mir eine zuverlässige Berner Kollegin, man habe ihr gegenüber von höherer Warte die Ansicht geäussert, ihr Chefredaktor stünde wahrscheinlich in Verbindung mit dem deutschen Bundesnachrichtendienst, wenn nicht noch mit Schlimmerem, denn unter normalen Umständen könne man doch nicht … «Sie verstehen schon …».

Kein Büttenpapier

Wieder ein paar Wochen später standen vier (4) Privatbankiers in meinem Büro, Herren, die es normalerweise gewohnt sind, Gäste mit Vorladungen auf Büttenpapier in ihre Etablissements zu bestellen. Es ging um das «… Sie-verstehen-schon-Thema». Unter den Teilnehmern der freundlichen Runde waren Jacques Rossier, Bénédict Hentsch und Pierre G. Mirabaud. Den Vierten habe ich vergessen, er war so schweigsam. Ich glaube, es war Konrad Hummler, den ich damals noch nicht kannte. Die Genfer Bank Darier Hentsch hatte im Vorfeld einen namhaften Anzeigenauftrag zurückgezogen und so das Terrain angemessen vorbereitet. Das hat richtig Geld gekostet.

Wir waren eben nicht auf der richtige Linie, sodass sich das Politbüro des «Finanzplatzes» genötigt sah, uns die geltende Linie nachdrücklich zu erklären.

Dabei war die Position der Redaktion zum Unsagbaren ziemlich simpel, aber es reichte schon, um einer verschärften Behandlung teilhaftig zu werden. Unsere Formel hiess – und ich liess sie mir vorsorglich von der Redaktion absegnen: «CASH» ist nicht gegen das Bankgeheimnis. Aber gegen dessen Missbrauch. Das gilt auch, und ganz besonders, für die Banken.

Heute darf man darüber lächeln. Vor acht Jahren überhaupt nicht. Uns, und natürlich nicht nur uns, war klar, dass ein stures Festhalten daran die Schweiz einmal in grosse Schwierigkeiten bringen würde.

Distanz zum Mysterium?

Die Erzählung mit plastischen Beispielen könnte hier noch weiter fortgesetzt werden. Nur so viel: Niemand soll heute sagen, er hätte es ja schon immer gesagt. Gewusst haben es viele, gesagt nur wenige. Feigheit ist im Allgemeinen nicht strafbar. Im Journalismus aber schon.

Meine unflätige Schlussfolgerung: Wenn die Schweizer Medien zu keiner kritischen Distanz gegenüber jenem Mysterium mehr fähig sind, das sie als «Finanzplatz» bezeichnen – und die jüngsten Feierlichkeiten zur Inthronisation lassen mich zweifeln (auf die unvermeidliche Schlagzeile «Deutscher Bankier will Schweizer Bankgeheimnis retten» gebe ich einen aus) – wenn die Medien also nicht zu einer kritischen Distanz zurückfinden, dann müssen sie sich nicht wundern, wenn immer weniger Leute bereit sind, für diese Leistungen auch noch Geld zu bezahlen. Das gilt nicht nur für die Billag. Der wachsende Widerstand gegen Zwangsgebühren ist ein Ernst zu nehmendes Symptom. Gratiszeitungen sind Realität. Auch das Web ist umsonst und man erfährt dort immer öfter Dinge, die man in Printmedien vergeblich sucht.

Vielleicht abonniere ich doch noch die ökumenischen Medienhefte. Sie sind ihr Geld wert.

Fred David ist seit 40 Jahren Journalist (u.a. «Spiegel»-Redaktor, Auslandkorrespondent der «Weltwoche», Chefredaktor von «Cash»). Er lebt heute als freier Autor in St. Gallen.

von Fred David | Kategorie: Mediensatz

7 Bemerkungen zu «Das Unsagbare»

  1. Michael:

    Wunderbarer und sehr amüsanter Text zu einem ernsten Thema! Nur etwas noch: Der Text von Roman Berger erschien nicht nur in den sicher sehr lesenswerten ökumenischen Medienheften, sondern vor allem letzte Woche in der WOZ. Die zeichnet sich übrigens seit Monaten als kompetenteste journalistische Begleiterin der Finanzkrise aus. Ein Lichtblick im Nebel des eidgenössischen Einheitsbreis!

  2. Fred David:

    @) Michael: Danke für den Hinweis auf die WOZ. Das bestätigt voll Bergers These: Solche Themen finden nur noch in Alternativmedien statt. Die andern sind auf der gewünschten Linie.

    Manchmal fragt man sich schon: Wo leben wir eigentlich!?

  3. Bobby California:

    Danke Fred David für diesen erhellenden Text. Die Besuche der feinen Herren in Redaktionsstuben erklären deutlich, warum die meisten Medien auf der gewünschten Linie schreiben. Es wäre schön, wenn die Kultur nur halb soviel Platz in der Presse erhalten würde wie die Geldrafferindustrie.

  4. Skepdicker:

    Ist „Fred David“ eigentlich der Künstlername von Chuck Norris?

  5. Fred David:

    @) Skepdicker: Den Witz musst du erklären.

  6. Allen Ernstes:

    Was heisst wunderbar @michael? Da muss ich auf das Nebenkriesengeleise ausweichen und ergänze. Der Text von Fred David ist „Augen und Ohren öffnend“. Sein Humor begleitet uns unter anderem in die Ernsthaftigkeit der Berufsgattung, die Verantwortung in und für die öffentliche Meinungsbildung übernimmt. Sie wird immer gefordert sein, unabhängig ihres Amtes zu walten, zu bleiben und zu sein.
    Einmal mehr schwingt die Alltagsangst vor Jobverlust mit – nicht nur wegen der Fusionen? Im Respekt gegenüber geschätzten Journalisten, es ist ein hartes Los, Profil zu zeigen. Der Weg dorthin ist steinig, zahlt sich (vielleicht?) aus. Und sei es nur dem eigenen Gewissen gegenüber: Kein versklavter Journalist zu sein.

  7. Lieber Herr David, ein Artikel, der an Intelligenz, Scharfsinn und unabhängigen Denken kaum zu übertreffen ist. Hier finde ich meine eigenen Gedanken, mit denen mich der „Tagi“ und andere Miedienprodukte furchtbar allein lassen. Einzig alternative Medien wie die WOZ feiern noch den freien Geist. Wie sich die Welt in den letzten 20 Jahren doch verändert hat! Wo sind selbständiges Denken und Zivilcourage geblieben? Die Medien verwalten unser Denken wie in Orwells schlimmsten Visionen. Unsere Freiheit beschränkt sich immer mehr auf die Wahl beim (Ein-)kaufen. Fröhliches Konsumglück hält die Massen in einem somnabulen Zustand gefangen. Marcel Meier, Luzern

Bemerkung anbringen

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *