Von der Ente zum Entlein

Der 13. Februar war einer jener Tage im Newsgeschäft, an denen etliches hätte schief laufen können. Aber fast alle Schweizer Zeitungen bewältigten die Klippe der Stunde mit Würde. Einzig der «Blick» schmetterte haarscharf an einer gröberen Informationspanne vorbei.

Die Rede ist vom Tag, an dem in den brasilianischen Medien die Geschichte über Paula Oliveira die Runde machte: Die junge Rechtsanwältin behauptete, Neonazis hätten ihr das Kürzel SVP in die Beine geritzt, und sie habe wegen der Misshandlung die erwarteten Zwillinge verloren. Alles falsch, wie sich herausstellte. Von einer Schwangerschaft keine Spur, die Verletzungen hatte sie sich selbst beigefügt.

«Fremdenfeindliche Gewalttat beim Bahnhof Stettbach?», titelte die NZZ vorsichtig. Und schrieb von einer «angeblich rassistisch motivierten Gewalttat». Ebenso zurückhaltend der «Tages-Anzeiger» an jenem Freitag: «Spekulationen um Frau mit Schnittwunden». Und auch die Gratiszeitung «20 Minuten» liess vieles offen: «Rätsel um Ritz-Attacke auf schwangere Brasilianerin». Immerhin verbreitete das Blatt die angebliche «Schwangerschaft» als Tatsache.

Ganz unverfroren dagegen der «Blick»: «Schwangere Paula verstümmelt!», titelte das Blatt überzeugt. Und stellte lediglich hinter die Behauptung «Neo-Nazi-Überfall» ein Fragezeichen, hoffentlich auch, denn die SVP ist zwar eine rechtspopulistische Partei, hat aber mit Neonazis wirklich nichts am Hut. Um das Mass voll zu machen, zitierte der «Blick» auf der gleichen Titelseite den Freund der Brasilianerin mit den Worten «Wir haben uns so auf die Zwillinge gefreut».

Dann die Seiten 2 und 3. Die Geschichte ist als Tatsachenbericht runtergschrieben: «Die drei Männer haben sie in das nahe gelegene Gebüsch gezerrt. Dort hielten sie die junge Anwältin fest, ritzten ihr mit einem Teppichmesser mehrmals das SVP-Emblem in die Haut.»

Offenbar quälten eine «Blick»-Redaktorin trotz allem leise Zweifel an der Geschichte. Sie durfte in einer Box neben dem Haupttext einen Experten zitieren, der sagte, dass «sich nicht jeder fremdenfeindliche Angriff im Nachhinein als Tatsache entpuppte.» Die tapfere Redaktorin rettet mit ihrer Arbeit die Ehre der Redaktion.

Denn man kann sich sehr gut vorstellen, wie am Donnerstag, 12. Februar, die morgendliche Redaktionssitzung beim «Blick» ablief. Der Chefredaktor strahlte, der Produktionschef war bester Laune, der Blattmacher freute sich wie ein vorzeitig flügge gewordener Maikäfer: «Heute haben wir die Titelgeschichte der Woche.» «Da müssen wir beweisen, dass wir besser sind als alle Gratisblätter.» «Der ‹Blick› kann zeigen, wer auf dem Boulevard regiert.»

Nur zu gut, dass warnende Stimmen auf Redaktionen manchmal noch zu hören sind. Denn allzu oft werden Zweifel an einem angeblichen Sachverhalt auf die Seite geschoben. Und wer seine Einwände dennoch hartnäckig vorbringt, muss damit rechnen, als renitent, defätistisch und arbeitsscheu disqualifiziert zu werden. Denn nicht wahr, eine gute Geschichte sich Vorgesetzte ungern aus dem Blatt reden lassen – unabhängig davon, ob sie stimmt oder nicht.

Rolf Hürzeler, vormals Medien- und Kulturredaktor bei «Facts» und Kulturchef beim Pendlerblatt «News», amtet seit dem 1. September 2008 als Chefredaktor des Magazins «Saldo».

von Rolf Hürzeler | Kategorie: Mediensatz

1 Bemerkung zu «Von der Ente zum Entlein»

  1. Danke für den Beitrag. Wir erfahren nun also eine volle Woche später, wie sehr der Blick in der Printausgabe daneben lag. Das ist das erste Mal, dass ich im Zusammenhang mit dem Fall Paula Oliveira vom Print-Blick lese.

    Und das zeigt eines sehr schön auf: Die Bedeutung des ehemals wichtigsten Blatts im Land (jedenfalls, was Boulevard angeht). Der Blick in der jetzigen Form ist offenbar schlichtweg tot. Wenn nicht mal die gröbsten Fehlleistungen Aufmerksamkeit erregen, was dann?

    Schade. Es war mal ein gut gemachtes Boulevard-Blatt.

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