Topfcom?

Ich gebe es ungern zu, aber ich habe damals den Text ein bisschen belächelt, den Clay Shirky fürs Folio schrieb. «www» lautete das Thema, es war das Jahr 2004, zehn Jahre zuvor hatte das Woodstock des Web stattgefunden, die erste internationale www-Konferenz am Cern, und ebenfalls zehn Jahre zuvor hatte man zum ersten Mal bei Pizza Hut online eine Pizza bestellen können.

Es war also ein Internet-Jubiläumsheft, wir besuchten die Liebesmaschinisten von Parship, einen Zürcher Klingelton-Millionär, die Macher von Perlentaucher, Online-Gamer, Politaktivisten. Wir spekulierten über die Zukunft der Suchmaschinen, der Hacker und Spammer, der Unterhaltungsindustrie. Und Clay Shirky über die Zukunft der Medien.

Denen ging es hierzulande wieder einmal nicht so besonders, sie litten an den Nachwehen der 2001 geplatzten Dotcom-Blase und wenn sie sich bewegten, dann im Krebsgang. «Facts» setzte zum letzten Relaunch an, der «Blick» wurde von «20 Minuten» als leserstärkste Zeitung abgelöst und passte flugs sein Format dem Gratisblatt an, und der «Medienspiegel» vermeldete einmal mehr «Wenig Eigenständiges auf Zeitungs-Websites».

Aber im Vergleich zu heute waren die Sorgen von damals Peanuts. Die Tribune-Gruppe («Chicago Tribune», «Los Angeles Times») ist pleite, die «New York Times» holt einen mexikanischen Telefon-Milliardär ins sinkende Schiff, Murdoch macht 6,4 Milliarden Verlust. Der kalte Hauch des Todes weht über den Atlantik und lässt auch in den Schweizer Medienhäusern manchen frösteln. Die Inserate brechen schneller weg, als die Stellen gestrichen werden können, die Branche schwankt zwischen Katzenjammer und Galgenhumor. Und Gnade Gott all jenen, die Berater ranlassen wie diese beiden Clowns.

Was die Branche braucht, sind neue Geschäftsmodelle. Das hat man schon im Februar 2004 im Folio bei Clay Shirky lesen können:

    «Der Tauschhandel zwischen Werbewirtschaft und Medien, der jahrelang galt, funktioniert nicht mehr. Die Welt, in der Werbekunden die Verlage unterstützen, die wiederum Nachrichten und Werbung zu einem Produkt bündeln, wird ersetzt durch eine Welt, in der Werbekunden sich die Websites aussuchen, wo sie gezielter als bei herkömmlichen Medien ihre Sportschuhe oder Kreuzfahrten verkaufen können. Die Herausforderung für die Medien besteht heute nicht darin, diese Veränderung aufzuhalten, das ist schlicht unmöglich. Vielmehr sollten die Verlage einen neuen Tauschhandel entwickeln und neue Organisationsstrukturen mit Subventionen und Zuschüssen aufbauen, die weiterhin professionellen und unabhängigen Journalismus ermöglichen.

    Wir wissen heute noch nicht, wie das geschehen soll. Möglicherweise treten an die Stelle der in der Dotcom-Ära erfolglos durchdeklinierten Geschäftsmodelle neue «Topfcom»-Lösungen: Not-for-profit-Modelle, finanziert durch Leserspenden oder Stiftungen.»

Welcher Journalist träumt nicht diesen Traum: zu leben von dem, was die Leser für das zahlen, was er schreibt?

Daniel Weber ist Chefredaktor des «NZZ Folio».

von Daniel Weber

4 Bemerkungen zu «Topfcom?»

  1. immermeer:

    …und noch ein Clown

  2. Fred David:

    Sie machen dankenswerter Weise einen link zu “diesen beiden Clowns”:

    Kriegt man für solche Tiefenanalysen, wie sie diese beiden adretten Herrn in gesetzten Worten liefern, eigentlich Geld – oder einen Tritt in den Hintern?

  3. Daniel Weber:

    @Fred David: Ich fürchte, ersteres.

  4. Fred David:

    @) Da bin ich aber beruhigt. Ich fürchtete schon um die Unversertheit der gediegenen schwarzen Arbeitskleidung der beiden Herren Consultants.

Bemerkung anbringen

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Sie können folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>