Online bis dass der Tod uns scheidet

Als armer «klassischer» Journalist werde ich ein paar Mal pro Woche mit den neuesten News von der Newsdesk-Front eingedeckt. In jeder Fachzeitschrift, von der Gewerkschaftsgazette über Journalistenmagazine bis zum hochwohllöblichen Publikationsorgan der Verleger wird mir stakkatomässig eingetrichtert, dass an der Totalzusammenführung und Globalverwurstung sämtlicher Redaktionen von Print bis Online kein Weg mehr vorbeiführt.

Noch setzt man die Grenzen bei einzelnen Medienhäusern. Doch wie lange dauert es noch, bis für die Schweiz nur noch ein einziger, gigantischer Newsroom proklamiert wird, sagen wir im Zürcher Hallenstadion oder in einer Wellblechbaracke auf der Landiwiese?

Gespannt durchforste ich periodisch auch die vielen Medien-Newsletter und die einschlägigen Nachrichtenportale, die sich dem verlegerischen Kaffeesatzlesen verschrieben haben (das vorliegende miteingeschlossen). Da erfahre ich dann zum Beispiel, dass der «Emmenbrückener Anzeiger» nun Online first macht, dass sich der «Brenztaler Bote» crossmedial von Experte Hubert van Gochting beraten lässt und dass sich der «Tages-Anzeiger» künftig vor allem am Newsnetz ausrichten will und sich die gedruckte Ausgabe der elektronischen unterzuordnen haben wird. Ich schliesse aus dem letzteren Fakt, dass das publizistische Gewicht der Tamedia künftig auf www.tagesanzeiger.ch liegt und der gute alte «Tagi» tags darauf noch die am meisten gelesenen Tropfen der Online-Spritzkanne hintergrundmässig und schwerpunktanalysierend vertiefen darf.

Kürzlich habe ich Anschauungsunterricht bekommen, wie dies funktionieren könnte. Ich habe mir nämlich mal angeschaut, was ein landesweit bekanntes Newsportal aus einer Mitteilung unserer Druckerei gemacht hat, die kürzlich wegen der Umstellung auf den sogenannten Zweibruch bei der Zeitungsproduktion eine Anzahl Stellen gestrichen hat. Ich habe die simple Verlagsmitteilung von 25 Zeilen in der publizierten Version auf dieser Homepage nicht mehr verstanden. Sie strotzte vor Fehlern und Ungenauigkeiten. Ich habe mir vorgestellt, wie dieser Journi, der sie verbrochen hat, wohl eine Recherche zusammenfasst, wenn er nicht mal einen Rohtext eines simplen Communiqués einigermassen strukturiert auf die Reihe kriegt. Und mir graut vor all den anderen Meldungen in diesem Dienst, deren ursprüngliche Version ich leider nicht kenne.

Möglich, dass auf den Redaktionen unserer grossen Zeitungen zu wenig geschrieben und zu viel geschwatzt wird. Möglich, dass ein «NZZ»-Redaktor auch mal zwei Artikel pro Monat schreiben könnte. Möglich, dass eine Kürzungsaktion von 20 Prozent bei der «BaZ»-Redaktion gar nicht zwingend die Qualität treffen muss. Aber wenn nun plötzlich Schreiberinnen und Schreiber, die bei der SDA schon in der ersten Woche einer Schnupperlehre hochkant rausfliegen würden, künftig die Wegmarken im Schweizer Journalismus setzen werden, dann brauchen wir keine Finanzkrise und keine Rezession mehr, um unser Gewerbe mit Vollgas in den Abgrund zu steuern.

Andrea Masüger ist Publizistischer Direktor der Südostschweiz Medien.

von Andrea Masüger | Kategorie: Mediensatz

5 Bemerkungen zu «Online bis dass der Tod uns scheidet»

  1. Bobby California:

    Man hätte ruhig erwähnen dürfen, um welches landesweit bekannte Newsportal es sich handelt.

    Der Tagi wars wohl nicht: «Die Südostschweiz Partner AG rationalisiert ihren Versand…»

    Swissinfo auch nicht: «Die Südostschweiz Partner AG entlässt in ihrem Druckzentrum in Haag SG 12 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter…»

    Persönlich hats auch auf die Reihe gekriegt: «Die Südostschweiz Partner AG entlässt in ihrem Druckzentrum in Haag SG…»

    Schön wärs auch, wenn wir den Wortlaut der offenbar verkachelten Meldung lesen dürften, das wäre sicher amüsant.

  2. Christof:

    endlich sagts mal jemand in aller offenheit …

  3. (Spontan hätte ich auf den Report mit dem „K“ getippt…)

    Ansonsten sag ich dazu nur soviel: Die Suche nach Schuldigen auf der untersten Hierachieebene scheint mir doch ein ausgeprägter Journalistenreflex zu sein. Motto: Rette seinen Arsch wer kann…

  4. gis:

    Ja, das „Gewerbe mit Vollgas in den Abgrund“ kacheln kann Monopolist Lebrumet – vor dem bekanntlich sogar Google Angst hat – schon ganz alleine. Dazu braucht es keine Journaille, die bei der sda die Schnupperlehre abbrechen musste. Darum wird aus dem Bündnerland auch so heftig geschossen.

    Und so ganz unter uns Pfarrerstöchtern: Herr Masüger, wie lebt es sich so, als Qualitätsjournalist mit 4 VR- und 3 GL-Mandaten, wenn einem als Verantwortlicher im Print-Bereich der ganze Lebrumet-Clan, der dem TV- und Radio- sowie Anzeigengeschäft vorsitzt, im Nacken sitzt?

  5. Fred David:

    Zur Illustration, was der Kollege Masüger meint und womit er 100%-ig recht hat, eine willkürich herausgegriffene „aktuelle“ Meldung:

    20.min.ch / 13.01.09/11.50 h

    „Sind Sie dümmer als ein Journalist?

    Ueber journalisten wird gern und oft gelästert und auch dass sie dumm sind, scheint für einen grossen Teil der Restbevölkerung festzustehen. Nun wollen wir doch mal sehen, ob Sie ein gescheiterer Schreiber wären.

    Am MAZ, der Schweizer Journalistenschule in Luzern, kann man sich zum Journalisten ausbilden lassen. Bevor man allerdings zum Kurs zugelassen wird, wird getestet, ob man gescheit und die Allgemeinbildung gross genug ist.

    Dies Herauszufinden, ist aber nicht nur den künftigen MAZ-Absolventen vorenthalten, sondern auch Sie können hier und jetzt mit der Allgemeinwissensprüfung der Diplomausbildung Journalismus prüfen, ob Sie gescheit genug wären, Journalist zu werden.

    Wenn Sie beim Aufnahmetest vom November 2008 über 60 Punkte (von 110) erreichen, hätten Sie eine Chance Journalist zu werden. Liegt die von Ihnne erreichte Punktzahl aber darunter , sollten Sie nie (mehr) über Journalisten schimpfen.“

    Was sind das für Menschen, die solche Textlein fabrizieren, frei von jeglichem Stilempfinden, in Primarschulgrammatik und mit absurden Wortverwechslungen? Ich meine, es wird ja niemand gezwungen, Deutsch zu schreiben, aber wenn man davon lebt, sollte man doch einen Restbestand an Sensibilität dafür aufbringen.

    Vielleicht hat die Restschweiz ja doch Recht?

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