iTunes für Zeitungen

Die Mitteilung der NZZ «an unsere Leserschaft» zum Jahresbeginn war eine lange, traurige Litanei aus Straffungsankündigungen, Sparmassnahmen und Abbauplänen. Nur im Schlusssatz versuchten der neue CEO Albert Stäheli und Chefredaktor Markus Spillmann das Bild aufzuhellen: Die NZZ erreiche «heute mehr Leserinnen und Leser, Nutzerinnen und Nutzer denn je in ihrer Geschichte». Was als Lichtblick gemeint war, drückt aber genau das Dilemma aus, in dem wir Zeitungsmenschen stecken:

Dank dem Internet, das auch der leistungsfähigsten Druckmaschine turmhoch überlegen ist, erreichen wir so viele Leute wie noch nie mit unseren Produkten. Wir schaffen es aber nicht, dafür die notwendigen Erlöse zu generieren. Doch die braucht es, um Korrespondentenposten in Timbuktu, Redaktorensabbaticals in Amalfi, Einzelbüros für Leitartikler und satte Dividenden für Verleger zu finanzieren. Oder anders ausgedrückt: Die Druckauflagen sinken, die Inserateeinnahmen implodieren, Geld ist darum kaum mehr in der Kasse, Sparen ist angesagt. Aber alle lesen, kommentieren, vermailen und verbloggen Zeitungsartikel auf dem Internet.

Dieses Paradox hat kürzlich auch der «New Yorker» geschildert. Wirtschaftskolumnist James Surowiecki schreibt, die Krise sei durch die merkwürdige Tatsache geprägt, dass Zeitungen gleichzeitig sowohl weniger profitabel als auch weit populärer geworden seien. Bisher finanzierten die Käufer und Leser der gedruckten Zeitung den gut ausstaffierten Journalismus, den die News-Surfer gratis mitbeziehen. Hinzu kommt, dass die Inserenten für die Aufmerksamkeit von Zeitungslesern bis vor kurzem gutes Geld bezahlten, aber notorisch knauserig sind, wenn es um nervös weiterklickende Online-User geht. Die schöne Quersubventionierung geht jetzt aber offensichtlich langsam aber sicher zu Ende: Wenn die Gewinne im Printinseratebusiness wegbrechen und der Abbau von Redaktorenstellen (wie gerade wieder in Basel) und redaktionellen Seiten unvermeidlich wird, leiden unweigerlich auch die Online-Ausgaben.

Für eine Weile, sagt Surowiecki, hätten die Leser das Beste beider Welten erhalten: Einerseits alle Vorteile des alten Systems mit den gedruckten Zeitungen und den grossen Profiten – leidenschaftliche Reportagen, kluge Leitartikel von erfahrenen Redaktoren und so weiter – und anderseits die tiefen Kosten des Gratiszugangs auf dem Internet. Eher früher als später, warnt Surowiecki, werden wir nur noch so viel erhalten, wie wir bezahlen, und wir werden herausfinden, wie wenig das ist. Alles gratis ist eben kein Geschäftsmodell.

Das Zeitungsdilemma erinnert an die Krise der Musikindustrie: Die Verkäufe der Tonträger brechen kontinuierlich ein, gleichzeitig wird aber auf Computern, MP3-Playern und Mobiltelefonen so viel Musik gehört wie nicht einmal zu den besten Zeiten von Sonys Walkman. Eine Weile lang glaubte niemand mehr daran, dass irgendjemand auch nur noch einen Rappen mehr für Musik ausgeben will, als er für seinen Computer und den schnellen Internetzugang zahlen muss. Steve Jobs bewies, dass das doch nicht stimmt: iTunes-Benützer haben allein letztes Jahr für 2,4 Milliarden Musikstücke bezahlt und diese heruntergeladen.

Die Zahlen haben David Carr, den Medienkolumnisten der «New York Times» dazu gebracht, die Idee des «iTunes for News» zu lancieren. Es müsste doch möglich sein, schreibt Carr, die Zeitungsinhalte elektronisch so benutzerfreundlich aufzubereiten und in einem iTunes-ähnlichen Online-Shop mit tiefer Einstiegsschwelle für Handys, Netbooks oder andere tragbare Geräte anzubieten. Der Einfall ist bestechend und müsste technisch und kommerziell doch machbar sein. Jack Shafer, Medienkolumnist bei Slate, hält die Idee für clever und hat auch gleich Vorschläge für deren Umsetzung.

Sicher gibt es auch einiges dagegen einzuwenden. Musik ist schliesslich nicht das selbe wie News und wird auch anders genutzt. Anderseits beweist iTunes, dass die These, dass im Internet alles gratis sein muss und die Surfer etwas anderes nicht mehr akzeptieren, so nicht stimmt. Die gedruckte Zeitung wird im Vergleich zu den Online-Diensten immer noch als etwas edles (oder mindestens edleres) wahrgenommen. Diese Anmutung auf den elektronischen Vertriebsweg zu übertragen, ist ein paar Gedanken wert.

Edgar Schuler ist Redaktor am «Tages-Anzeiger». Was er hier schreibt, ist seine persönliche Meinung.

von Edgar Schuler | Kategorie: Mediensatz

3 Bemerkungen zu «iTunes für Zeitungen»

  1. Nico:

    Ich tendiere zu Mathew Ingrams skeptischer Haltung, was die iTunes for News-Idee angeht. Musik und News sind zwei eher verschiedene Produkte: Ein Musikstück möchte ich mir immer wieder anhören – bei Zeitungsartikeln, zumal aktuellen, ist das selten der Fall. Einfach das iTunes-Modell zu kopieren, greift deshalb zu kurz.

    Aus den Erfahrungen der Musikindustrie lassen sich zwei Lehren ziehen: 1. iTunes hat gezeigt, dass zumindest gewisse Leute bereit sind, für Musik Geld zu bezahlen, selbst wenn sie die Möglichkeit zum Gratis-Download hätten – weil die bezahlte Variante einfacher, benutzerfreundlicher und schneller (und legal) ist. 2. Trotzdem wird alles in allem weniger Geld ausgegeben für Musik – dafür mehr für Konzerttickets, Merchandising usw.

    Was heisst das für die „News-Industrie“? Erstens, dass es durchaus eine Zielgruppe mit Zahlungsbereitschaft gibt – die Frage ist nur, für was die zu zahlen bereit ist. Das weiss zwar ich auch nicht, aber persönlich bin ich gerne bereit, für kluge Analysen, treffende Kommentare und aufwändige Reportagen zu bezahlen (weshalb ich zum Beispiel auch den Economist abonniert habe). Nicht bezahlen will ich für die reinen News, die ich von unzähligen Quellen abrufen kann. Und meine Zahlungsbereitschaft sinkt, wenn mir jemand das eine gebündelt mit dem anderen verkaufen will, so wie es die meisten Tageszeitungen tun.

    Zweitens: Die Medienbranche täte gut daran, ihren Horizont etwas zu erweitern. Im Grunde produzieren wir (bessere oder schlechtere) Information, und es gibt vielleicht Möglichkeiten, diese Informationen auch auf andere Weise denn als Zeitung oder als Webseite und querfinanziert durch Werbung zu verkaufen. Vielleicht, indem man sie nutzt, um spezialisierte Reports herzustellen, für die auch Firmen bereit sind zu zahlen. Oder indem man sie in eine Art Consulting-Tätigkeit einfliessen lässt. Klar: Ob das funktioniert, weiss ich auch nicht. Aber einen Versuch wärs wert.

  2. Schön wär’s ja, wenn sich das Finanzierungsproblem so einfach lösen liesse. Zwischen Musikstücken und journalistischen Werken gibt es m.E. aber zwei entscheidende Unterschiede: Erstere sind in der Regel einzigartig, Letztere meist nicht. Und einen Song führt man sich immer wieder zu Gemüte, bei einem Zeitungsartikel dürft dies hingegen nur selten der Fall sein.

  3. super beitrag von edgar samt kommentar von martin. kampf an allen fronten: neue (gratis) anbieter treten in den markt und gleichzeitig verändert sich die distribution des produkts. wer es schafft, seine marke samt verpackung (zum beispiel econmomist auf papier) exklusiv zu positionieren, der bleibt im vorteil, auch online. aber die entwicklung geht in die richtung medien-itunes. ich praktiziere das notgedrungen per e-mail: selektive abos bringen mir news aus wsj oder nyt. rss ist mir zu technisch, mail ist der eh benutzte kanal.

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