Wo der Schnellschuss trifft

Dieser Beitrag war längst fällig, ja überfällig sogar. Ich gestehe, ich habe mich geirrt, damals vor genau einem Jahr, als ich an dieser Stelle verkündete, weshalb eine Mitgliedschaft als Journalist in einem sozialen Netzwerk à la Facebook, Xing oder Hi5 mehr schaden als nützen könnte. Meine Bedenken äusserte ich vor allem in Bezug auf den Schutz von Gesprächspartnern, Informanten und Tippgebern. Welcher Medienschaffende könne schon ein Interesse daran haben, die ganze Welt wissen zu lassen, wie seine Geschichten zustande kommen?

In Unkenntnis der technischen Möglichkeiten ging ich davon aus, dass wer sich auf Facebook registriert, seine Datenspur ins weltweite Netz einwebt, sprich: Google alles automatisch mitschneidet und allen zugänglich macht, die es nur wissen wollen. Diesen Eindruck muss gewinnen, wer mit der Mutter aller Suchmaschinen nach bestimmten Namen sucht. Ist die betreffende Person bei Facebook registriert, so taucht ihr Profil, respektive was sie davon freigegeben hat, prominent auf der Trefferliste auf. Wer sich allerdings die Mühe nimmt und die Einstellungen zum Schutz der Privatsphäre entsprechend manipuliert, bleibt von Google & Co. unbehelligt. Diese Möglichkeit hat schliesslich auch mich dazu bewogen, mein stillgelegtes Profil zu reaktiveren und mich endgültig ins Abenteuer Facebook zu stürzen. Ausser dem Hinweis auf einen mir nicht weiter bekannten Namensvetter lassen sich auf der Suche nach meiner Person keine persönlichen Daten ergoogeln, die ich auf der Sozialplattform veröffentlicht habe. Mein Freundeskreis gehört mir (und natürlich den Facebook-Investoren).

Mein Wandel vom Saulus zum Paulus wäre natürlich nicht vollständig, wenn ich das globale Gesichtsbuch nun nicht auch in meinen Berufsalltag integrieren würde. Das heisst in erster Linie, und da werden mir viele beipflichten können, dass sich Facebook als Prokrastinationsfaktor Nummer eins entpuppt und der Blick ins soziale Netzwerk den Klick auf irgendwelche Nachrichtenseiten abgelöst hat; mit Arbeit hat das freilich wenig zu tun, es sei denn, man betrachtet auch die regelmässige Unterbrechung als integralen Bestandteil davon.

Facebook leistet aber durchaus wertvolle Dienste als Testumfeld für Textfragmente und spontane Einfälle. Hier trifft der Schnellschuss, während er in einem Blog in den Weiten des WWW verpuffen würde. Als ich mich jüngst dazu bekannt habe, auch weiterhin von Bombay und nicht von Mumbai zu sprechen, wenn ich den Städtenamen demnächst in einem Text verwende, erntete ich innert Minuten kritische Kommentare. Eine Kürzestdebatte über Kolonialismus und Hindu-Nationalismus schuf schnell Klarheit auf allen Seiten. Ähnliches geschieht auch dann, wenn ich einen Blogbeitrag meinen Facebook-Freunden direkt anpreise. Während an seinem ursprünglichen Publikationsort in der Kommentarspalte oft gähnende Leere herrscht, wird auf Facebook munter kommentiert.

So schnell wird mich niemand von dieser Plattform wieder wegbringen. Nicht einmal die Ankündigung einer möglichen Kostenpflicht würde mich davon abhalten, Facebook zu verlassen. So klingt das Bekenntnis eines Süchtigen.

Nick Lüthi ist Chefredaktor des Medienmagazins «Klartext»

von Nick Lüthi | Kategorie: Mediensatz

2 Bemerkungen zu «Wo der Schnellschuss trifft»

  1. Mts:

    Schön, aber gehört dieses eher peinlich anmutende geständnis in diese rubrik?

  2. Nick:

    In der Tat ein Grenzfall mein Geständnis, kommt in dieser Form sicher nicht mehr vor. Das kann ich versprechen. Aber es musste einmal gesagt werden. Entschuldigen Sie die Belästigung.

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