Journalismus für die Happy Few

Die zweifellos zahlreichen «Weltwoche»-Hasser unter den Lesern des Medienspiegels mögen mir verzeihen, dass hier jetzt gleich ein Zitat aus ihrem Hassobjekt folgt. In der Jubiläumsnummer des 75-jährigen Wochenblatts sagt Hugo Loetscher, einst Mitglied der «Weltwoche»-Chefredaktion, in einem Interview: «Je länger, je mehr bin ich überzeugt, dass besonders die Kultur für eine kleine Schicht, für wenige Glückliche, gemacht wird, 10 Prozent der Bevölkerung, vielleicht 20 Prozent […]. Auch im Journalismus gilt das wohl. Die kleine Schicht will eine anspruchsvolle Zeitung, dem Rest genügen Gratisblätter.»

Loetscher spricht zwar von einem Zustand in nicht allzu ferner Zukunft. Aber der Zufall will es, dass seine 10 bis 20 Prozent Glücklichen ziemlich genau dem Anteil der Bevölkerung entsprechen, der bis weit ins 19. Jahrhundert Zeit, Musse und Geld hatte, um sich mit der damaligen Presse zu beschäftigen. Es war tatsächlich eine kleine elitäre Schicht, die sich die Belehrung und das Vergnügen der Zeitungslektüre leisten konnte. Man sieht ihn förmlich vor sich, den Lord mit Monokel und vom Butler frisch gebügelter Zeitung – den typischen Zeitungsleser seiner Zeit.

Die Verwandlung der Zeitung zum Massenmedium war das Resultat einer technischen, ökonomischen und sozialen Revolution: Die Erfindung des Rotationsdrucks verwandelte den handwerklichen Druckvorgang in eine industrielle Massenproduktion. Das machte die Zeitung billig und damit erschwinglich, wenn nicht für alle, so doch für die meisten.

Die Verbreitung von Nachrichten mit Zeitungen wurde damit nicht nur extrem kostengünstig, sie bildete auch ein Monopol. Lange Zeit gab es schlicht und einfach kein anderes Massenmedium – und damit auch keine anderen Kanäle, durch welche die Hersteller der anderen Produkte des Industriezeitalters beim Heer der Konsumenten Werbung machen konnten.

Davon profitierten alle: Die Leser erhielten ihren Stoff fast gratis, die Werber bekamen ihr kaufkräftiges Publikum und die Ringiers, Coninx‘ und all die anderen Verleger wurden reich dabei.

Und die Journalisten? Die hatten – meistens jedenfalls – die Freiheit, zu tun und zu lassen, was ihnen gefiel. Denn ihr Beitrag zum Erfolg der Zeitungen war gering im Vergleich zu demjenigen der Drucker, die die Informationen aufs Papier, und jenem der Verträger, die das Gedruckte zum Leser brachten.

Was eine gute Zeitung und was eine schlechte ist, was guter Journalismus ist und was nicht, definierte sich nicht durch das, was die Leser verlangten, sondern danach, was die Zeitungsmacher ihnen anbieten oder zumuten wollten. Denn für das Publikum gab es schlicht keine Alternative. Journalisten waren, wie die frühen Medientheoretiker sagten, mächtige «Schleusenwärter», die den Informationsfluss nach eigenem Gutdünken regelten – allenfalls nach den Regeln, die ihre Zunft ausgebrütet hatte. Der Zeitungsleser andererseits war im Grunde in der selben Situation wie der Telefonabonnent im Zeitalter des Monopolisten PTT: Es gab nichts anderes als den schwarzen Einheitsapparat, für dessen Benützung er den Einheitspreis zu zahlen hatte.

Darum ist es paradox, wenn die Zunft der journalistischen Kulturpessimisten jetzt wieder das Klagelied vom sterbenden Journalismus anstimmt und die «Ökonomisierung» beklagt, die das hehre Zeitungsgewerbe befallen habe (etwa hier). Es ist gerade nicht das «grosse Geld», das den Geist bedroht, wie es der Online-Chef der «Süddeutschen», Hans-Jürgen Jakobs, in seinem Buch (Rezension hier) über den «grossen Ausverkauf der freien Meinung» schreibt.

Das grosse Geld des Zeitungsmonopols war die grössere Gefahr für die Meinungsfreiheit als die Konkurrenz der Gratisblätter, des Internets und der anderen elektronischen Medien. Diese neuen Medien tragen dazu bei – Achtung, jetzt wird’s pathetisch –, dass Fakten und Meinungen für alle zugänglich werden. Wären die pessimistischen Medienkritiker die aufklärerischen Geister, die zu sein sie vorgeben, würden sie sich über diesen Gewinn freuen und den Verlust der Schleusenwärter-Rolle darüber verschmerzen.

Es braucht offenbar die Grösse eines Journalisten, der immer auch ein Literat war, um dies anzuerkennen. Hugo Loetscher gehört das letzte Wort. In seiner Analyse des Journalismus für die «wenigen Glücklichen» und der Gratiszeitungen für die grosse Masse sagt er zum Schluss: «Demokratisch ist das insofern, als jeder […] seinen Journalismus frei wählen kann, ohne Aristokrat oder Mitglied einer Zunft zu sein.»

Edgar Schuler ist Redaktor am «Tages-Anzeiger». Was er hier schreibt, ist seine persönliche Meinung.

von Edgar Schuler | Kategorie: Mediensatz

7 Bemerkungen zu «Journalismus für die Happy Few»

  1. Bobby California:

    Ja, ich hasse die Weltwoche. Und das schöngeistige Gelaber von Hugo Loetscher bringt uns auch keine neuen Einsichten. Den Schluss, den Loetscher und Edgar Schuler ziehen, ist leider kreuzfalsch: Die Gratisblättli sind demokratiefeindlich, nicht «demokratisch». Denn man kann seine staatsbürgerlichen Pflichten nur dann richtig wahrnehmen, wenn man so gut wie möglich informiert ist, und das geht nun mal nicht ohne (bezahlte) Tageszeitung. Wer nur das Kurzfutter aus der Gratispresse liest, ist einfach ungenügend informiert. Es erstaunt mich sehr, dass ein intelligenter Journalist wie Edgar Schuler diese Tatsache bestreitet. Die Gratisblättli bringen nicht «Fakten und Meinungen für alle», sondern vor allem Klatsch und Kurzfutter, das keine neuen und tieferen Einsichten vermittelt.

    Wenn die Ökonomisierung beklagt wird, dann ist das alles andere als paradox. Auch «am» Tagesanzeiger wird je länger, je mehr anspruchsloses Kurzfutter produziert. Weil das die Leute angeblich wollen. Wehmütig erinnere ich mich an die Zeiten, als ein Rolf Niederhauser auf zwei Seiten ein spannendes Werk wie «Mechanization Takes Command» von Siegfried Giedion rezensieren durfte. Ich habe den Artikel ausgerissen und besitze ihn immer noch. Seit Jahren habe ich keine Tagi-Artikel mehr ausgerissen, weil es sich nicht mehr lohnt, und weil sich die Zeitung den Gratisblättli inhaltlich immer mehr annähert. Kurzfutter macht mich nicht satt.

  2. Es fällt mir nicht ganz leicht dies zuzugeben, aber für einmal decken sich meine Beobachtungen mit denjenigen von Bobby California. Die freie Wahl zur «Nullinformation» ist keine echte Wahl. Überhaupt: Gratiszeitungen als Konkurrenz zu Zeitungsmonopolen, haha, das ging dann aber ordentlich in die Hose. Ob «News» den Meinungspluralismus fördert, oder doch eher dazu dient unliebsame Konkurrenten vom Markt zu verdrängen oder schlicht fernzuhalten?

    (Btw: Wäre doch ein feiner ordnungspolitischer Eingriff um den freien Markt etwas anzukurbeln: Jeder Verlag darf maximal eine Gratiszeitung betreiben? WEKO, bitte überprüfen, danke.)

    Item, gerne darf man mich «Kulturpessimisten» schimpfen. Immerhin sollte man aber berücksichtigen, dass die Medienkonzentration auch hierzulande nach wie vor fortscheitet. Der heutige Zeitungsmonopolist ist ja unter anderem auch TV-, Radio- und Internetunternehmer.

    Die Verlockung, diese Medienkonglomerate (ganz der ökonomischen Logik folgend) für die Inhaber noch lukrativer zu gestalten, was durchaus auch mit direkter oder indirekter Einflussnahme auf die Politik erreichbar ist (Herr Murdoch, Berlusconi und Sarkozy lassen grüssen), ist zumindest nicht ganz von der Hand zu weisen.

  3. ras.:

    Klar, man kann sich auch Gegner – „die pessimistischen Kulturkritiker“ – konstruieren bzw. ein passendes Bild zurechtlegen, um besser draufhauen zu können. Schuler erkennt eine Ökonomisierung der Medienwirtschaft, das heisst die verstärkte Ausrichtung auf Marktbedürfnisse. So stand das in der von ihm zitierten NZZ. Eine Beschreibung ist aber weder eine Klage noch ein Zeichen von Pessimismus. Sondern eine Feststellung. Daraus könnte man wiederum interessante Schlüsse ziehen, unter Berücksichtigung weiterer Tatsachen. Das wäre sicher spannender, als sich mit selbst konstruierten Pappkameraden zu befassen oder nur von der besten aller Welten zu schwärmen.

  4. Bobby California:

    @ Ugugu

    :-* :-* :-*

  5. Edgar Schuler:

    Da hat mich ras. missverstanden: Auf seinen NZZ-Artikel habe ich nicht verlinkt, weil ich gerade ihn für einen «pessimistischen Kulturkritiker» (oder einen Pappkameraden) halte. Aber er zitiert darin gleich zwei solche Pessimisten. Zunächst Bundesratssprecher Oswald Sigg: «Zeitungen waren früher der tragende Pfeiler der öffentlichen politischen Diskussion, heute sind sie nur noch Produkte, die rein wirtschaftliche Interessen verfolgen.» Und ähnlich hat sich auch schon der von ras. ebenfalls erwähnte Soziologieprofessor Kurt Imhof immer wieder geäussert, etwa im «Tages-Anzeiger»: «Früher wählten die Politzeitungen ihre Themen nach politischen Kriterien aus. Das [hat] eine gewisse Vielfalt garantiert. Heute diktiert der Wettbewerb die Themensetzung.»

    Aber anderseits: ras. zitiert die beiden doch sehr zustimmend – und kommt zum Schluss: «Die Kritik der beiden Männer ist hart. Sie trifft sicher einen wichtigen wunden Punkt: Die Medien zielen zunehmend auf Personen. Denn Themen, die auf Einzelfiguren fokussiert sind, lassen sich besser absetzen.» Kurz: Die Ökonomisierung ist der wunde Punkt. Das ist keine Beschreibung, das ist ein Kommentar.

    Aber mein Hauptargument auf eine kurze Formel gebracht lautet ja nur so: Einst waren Zeitungen tatsächlich nur etwas für die «Happy Few», die sich das leisten konnten. Heute hat sich die Medienlandschaft auf beiden Seiten radikal demokratisiert: Die Anbieter und Leser haben die Wahl, welche Informationen sie wie verbreiten bzw. konsumieren wollen. Und dieser Fortschritt wiegt die Nachteile, die es durchaus auch gibt, bei weitem auf.

  6. Urs Heiberger:

    Weltwoche, NZZ und wenige andere Qualitätsmedien sind doch heute schon nur noch etwas für die Wenigen, die „few“ eben, und es werden immer weniger. Doch ob die mit den Produkten wirklich glücklich sind? Ich kenne immer mehr, die ob WeWo und alter Tante nur noch müde mit den Achseln zucken. Für sie sind es Erzeugnisse aus einer fernen vergangenen Zeit. Selbst der heutige Boulevard-Tagi, den Herr Schuler vertritt, ist auf dem absteigenden Ast. Ich jedenfalls werde mein Abo dort nicht mehr erneuern.

  7. Ernesto:

    Frage an Schuler, ras., ugugu etc.: Da ich dem Technologiedeterminismus verfallen bin, sehe ich Schwarz. Nicht die Kommerzialisierung beherrscht den Wandel, sondern die Medientechnologien von Produktion bis hin zur Distribution determinieren letztlich die Entwicklung der Medienwelt. Online-News und Pendlerzeitungen substituieren heute die informative Funktion der Print-Tageszeitungen. Gibt es in diesem neuen medientechnologischen Umfeld eine Chance für den Erhalt der Strukturen, welche die hochwertigen Qualitäts-Tages-Zeitungen hervorgebracht haben? Wäre eine Art «Daily DU» oder ein täglich erscheinendes NZZ-Folio bestehend aus Repos, Kommentaren und Hintergrundberichten ohne News aber bezugnehmend auf das Newsumfeld bei den Lesern und im Werbemarkt erfolgreich?

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