Innovation Kleinraumbüro

Ohne Peitsche geht das nicht – fürchte ich. Leute in einen Raum stecken und Leistung fordern? Ich weiss ja nicht. Ich bin weder besonders Menschenscheu noch leide ich unter Platzangst, aber mit mehr als drei Arbeitskollegen in einem Raum schaltet mein Hirn auf Standby. Kartoffeln schälen ginge knapp. Andere können das. Bei Zeitungen heissen Grossraumbüros «Newsroom». Das hat weniger Stallgeruch.

In einem Newsroom flutschen die News nicht unkoordiniert durch einen Lattenrost, sondern jede Information wird auf ihren Nachrichtenwert geprüft. Hält diese dem strengen Auge des Redaktors stand, wird sie zu einem flotten Text verarbeitet – bis irgendjemand den Publish-Button drückt.

Theoretisch. Praktisch sieht die Sache wohl etwas anders aus: Während die einen lautstark über «breakenden» News brüten – um die Gedanken zu ordnen oder Geschäftigkeit vorzutäuschen – murmeln die andern leise aber beständig das Newsroom-Mantra: «Grossmaulbüro, Grossmaulbüro» – und kommen darob gar nicht zum Arbeiten. Nur diejenigen am Telefon denken wenig bis gar nichts, sondern sammeln fleissig weitere Fakten, die sie triumphierend («Primeur!») auch gleich zum Besten geben.

«Manager haben in der Regel eigene, nicht unterteilte Büros oder eine grössere Fläche». Steht so in der Wikipedia. Nach einem zehnstündigen Sitzungsmarathon arbeitet ein Manager locker noch zwei Stunden: Bei vollster Konzentration, höchstens mit etwas klassischer Musik, aber ohne Ohropax (steht nicht in der Wikipedia). Manager wissen: Dezentrale Arbeitsplätze, etwa die Business-Lounge am Flughafen, eignen sich bestens zum Arbeiten. Immer auf dem neusten Stand dank Blackberries, WLAN und all dem anderen Fortschritts-Krimskrams.

Der Angestellte im Grossraumbüro arbeitet dagegen wie ein Höhlenmensch. Kommunikationstechnisch gesehen. Mails werden mit «Du hast Post» angekündet, Antworten mit «Lies doch mal deine Mail, gopf!» angefordert. Kurze Kommunikationswege sind praktisch, führen aber zwangsläufig zu Informations-Flächenbombardements. Trotz «collateral damage», Höhenfeuer sind selten.

Der Chef im Newsroom, also der Blattmacher, mimt die Rolle des Steinzeit-Börsenmaklers: Kauf- und Verkaufsorder erfolgen noch «à la crié». Das eine Auge auf dem Newsticker, das andere auf den Untergebenen, bei gleichzeitiger Totalüberwachung von Funk- und Fernsehen. Lange Rede, kurzer Sinn: Grossraumbüros machen die Arbeit für eine kleine Elite leichter, für das Bodenpersonal anstrengend und unproduktiv.

Fakt ist zudem: In Büros wird gerne über Chefs gelästert. Lästern über den Chef ist menschlich, schrieb kürzlich Harald Martenstein in der Zeit. Das ist auch meine Erfahrung: Büros mit eingebauten Chefs sind extrem unmenschlich.

Und wer trägt die Schuld an der ganzen Misere? Vermutlich – wie immer – die USA. Ich würde sogar so weit gehen, zu behaupten: Ohne Watergate-Skandal kein Grossraumbüro. Der Mythos wäre längst zerbröckelt. Generationen von Journalisten hätten ihren Hirnschmalz in kleine und grosse Meisterwerke verwandelt, aber eben, es ist anders gekommen.

Ugugu ist Kleinraumbürobesitzer und Grossverleger Blattmacher in der Journischredderei.

von Ugugu

2 Bemerkungen zu «Innovation Kleinraumbüro»

  1. Bobby «Blogschredder» California:

    Naja, das Leben im Grossraumbüro hat seine Vor- und Nachteile, aber das ist ja bekannt. Warum beschreibt nicht mal jemand das Leben eines Bloggers – 24 Stunden am Tag zuhause, umgeben von leeren Bierdosen auf dem Boden, schnappt mal hier, mal da eine Meldung oder ein Filmchen auf und kopierts auf seinen Blog, ab und zu ist auch eine Ente darunter, weil er ja nie selber etwas recherchiert, er wird immer dicker, weil er keinen Arbeitsweg zurücklegen muss, kein Chef redet ihm drein, dafür kann er auch von keinem Chef oder von keinem Arbeitskollegen etwas lernen, aber das macht nix, denn er weiss eh alles besser… so ein Leben muss auf die Dauer der blanke Horror sein. Da lob ich mir doch das Grossraumbüro.

  2. @ bobby: in was für einem unterkühlten und missmutigen kontor prokrastinieren denn sie vor sich hin? es ist doch so: blogger mit solchen 0815klischees in die pfanne zu hauen ist completely von vorgestern. sie outen sich damit als völlig desorientierter und frustierter zeitgenosse, der noch nicht gemerkt hat, wo bartli den post holt. und das auch noch anonym. sehr billig. igitt.

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