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16. Oktober 2008

Medienschau

«Weltwoche»: Gegen den Mainstream auf die Schnauze gefallen

Das muss man einfach bloggen - am Tag, an dem der Staat der UBS mit -zig Milliarden unter die Arme greifen muss (via infamy):

Weltwoche_mag_cover_081016.jpg

Und Köppel editorialisiert:

    «Wir können dem lieben Gott (und einem nicht genannt sein wollenden Politiker namens Christoph Blocher) danken, dass die Schweiz sich felsenfest ausserhalb der Europäischen Union behauptet. Die politische Unabhängigkeit gibt uns in der Krise Spielräume und Handlungsmöglichkeiten, die im europäischen Umland zusehends eingeschränkt werden. Wir können flexibler reagieren. Der Druck des Zeitgeists schlägt nicht voll auf die Regierung durch. Hat man sich für einen Moment vorgestellt, was passiert wäre, wenn der bereits von einer Stellenbesetzung im VBS überforderte Bundesrat im Sog von Sarkozy, Steinbrück oder Merkel ordnungspolitische Gestaltungswut entwickelt hätte? Die Coolness, mit der Bundesbern auf die Erschütterungen reagierte, ist auch ein Resultat unseres hervorragend abgefederten politischen Systems, das intelligenter ist als die Leute, die es zu verwalten haben.»

Update, 23. Oktober 2008: Karl Lüönd erklärt, weshalb es die «Weltwoche» «bös erwischt» hat: «Wie Pianisten im Bordell»

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Bemerkungen

Nur weil der Bundesrat anderer Meinung ist wie die Weltwoche ist diese auf die Schnauze gefallen? Seit wann sind alle so unkritisch gegenüber dem Staat? Wo bleibt der Gurkensalat?

N.N.:

Schweizer Medien sind leider kaum mehr Ernst zu nehmen, das gilt sogar für die NZZ. Noch nie hat eine Krise das intellektuelle Unvermögen von sog. Leadern aus Wirtschaft und Politik, aber auch von der kommentierenden Zunft derart blossgestellt wie das derzeitige Auf und Ab an den Börsen.

nix da, gurkensalat. libertäre untergangsphilosphen sollten sich gerade jetzt ganz bescheiden zu wort melden. die frage, die sich momentan gerade stellt, ist ja eher: ist es klug, den ganzen krempel in raten zu verstaatlichen, oder fragen wir uns in ein paar tagen/wochen/monaten ob es nicht klüger gewesen wäre das ubs-management bereits heute auf die strasse zu stellen.

mds:

Eher mit dem Mainstream auf die Schnauze gefallen – eigentlich ironisch, die «Weltwoche» bewegt sich für einmal im Einklang mit den übrigen Schweizer Medien und der Politik im Bundeshaus und liegt prompt falsch … :->

Moritz Hüglin:

Bei der "Weltwoche" zählt die Ideologie, die Fakten sind nicht so wichtig. Eine Bank, die "wieder auf dem Vormarsch" ist und 68 Milliarden Franken Staatshilfe braucht - das ist der Witz des Jahres.

mds:

@Moritz Hüglin: Richtig! Bloss ist die «Weltwoche» damit nicht allein, wie eine kurze Recherche für die Schweizer Medien in den letzten Wochen auf Anhieb zeigt. Aber «Weltwoche»-Bashing ist ja viel einfacher, die Desinformation à la NZZ hingegen getraut man sich nicht zu kritisieren.

mds hat natürlich recht. Der Titel dieses Eintrags ist eigentlich falsch gewählt, denn nahezu alle Medien haben sich ja im "Sonderfall Schweiz" gesonnt, [Update] so am vergangenen Wochenende z.B. auch die "NZZ am Sonntag" im Artikel "Das Trio, das die Schweiz durch die Krise leitet", wo es im Lead heisst: "Die Nationalbank hat die UBS früh gedrängt, frisches Kapital aufzunehmen. Weil dies damals noch möglich war, muss in der Schweiz heute der Staat keine Banken retten."

Moritz Hüglin:

Was heisst denn da "Weltwoche-Bashing"? Schrott soll man als solchen bezeichnen, alles andere wäre unredlich.

Bobby California:

> Martin: Der Titel ist goldrichtig. Wenn sich jemand jahrelang als Offenbarung in der Printlandschaft sieht (so wie sich ein «nicht genannt sein wollender» Politiker als eine Art modernen Messias sah) und dann ausgerechnet am Tag X meilenweit daneben liegt, ist das ein denkwürdiger Moment. Natürlich läuft die Wochenpresse immer Gefahr, von der Aktualität überrollt zu werden. Kann ja jedem passieren. Aber wenn man sich vollmundig als Alternative zum «Mainstream» (was immer das sein soll) anpreist, muss man sich auch an seinen eigenen Ansprüchen messen lassen.

mso:

der kollege von der weltwoche mailte mir anfang woche: "Du solltest mehr über Telefone und weniger über Finanzkrisen, von denen du nichts verstehst, schreiben."

http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,583017,00.html

mds:

@mso: In Ihrem verlinkten Artikel zitierten Sie lediglich Bernet, selbst gaben Sie sich optimistisch und fernab der düsteren Bankenrealität, die Problematik der Derivate erwähnten Sie mit keinem Wort. Falls Sie wirklich etwas von der Thematik verstehen, freue ich mich auf Ihren nächsten Artikel, in dem Sie erklären, was die aktuellen «Deals» zwischen der UBS und der SNB sowie der Eidgenossenschaft bedeuten – in den Schweizer Medien ist davon bis zum jetzigen Zeitpunkt leider kein Wort zu lesen, im Wesentlichen werden die offizellen Verlautbarungen von Eidgenossenschaft, SNB und UBS unkritisch wiedergegeben.

immermeer:

Es gibt Leute, die haben schon vor den heutigen Ereignissen Weitsicht bewiesen. Z.B. Konrad Hummler (in der gestrigen Rundschau)


mso:

@mds: ihr kommentar erstaunt! sie sind der erste, der mir im zusammenhang mit diesem artikel optimismus vorwirft. die problematik der derivate wurde wohl in anderen artikeln auf SPON genügend thematisiert.

mds:

@mso: Ich empfand den Artikel tatsächlich als optimistisch, angesichts der realen Lage. Aus welchen Kreisen in der Schweiz wurde Ihnen denn das Gegenteil vorgeworfen?

Ich bin neugierig, was die NZZ und andere morgen titeln werden. Schliesslich wird in der Schweiz nicht jeden Tag eine Grossbank verstaatlicht … :->

Tobias:

Der NZZ kann man heute zu Gute halten, dass sie selbstkritisch einräumt, die optimistischen Informationen der Banken vom Wochenende (wie andere Medien auch) verbreitet zu haben. Ob sich die Weltwoche ebenfalls entschuldigt?

mds:

@Tobias: Auf welches «selbstkritische Einräumen» der NZZ beziehst Du Dich?

Tobias:

Ok - habe die Stelle aus dem Altpapier gefischt und beim 2. Mal Lesen erscheint "selbstkritisches Einräumen" vielleicht als etwas gar positive Interpretation. Denn: Die NZZ räumte nicht das (voreilige/unkritische?) Übernehmen der vermeintlich positiven Nachrichten ein, sondern kritisiert (zurecht) die Informationspolitik der UBS:
"Sie [die UBS] hat an ihrer Generalversammlung Optimismus verbreitet und damit Aktionäre , Kunden, Medien - auch diese Zeitung - und Öffentlichkeit in die Irre geleitet." (NZZ vom 17.10., Seite 19, "Ein hoher Preis für ein hohes Gut")

Aber immerhin: Auch 'sich in die Irre leiten lassen' beinhaltet ein 'sich irren' - wenigstens ein Quäntchen Selbstkritik ist also zwischen den Zeilen vorhanden.

mds:

@Tobias: Ich würde gerne an die Einsicht der NZZ glauben, bin aber nach der weiterhin harmlosen UBS-Berichterstattung inklusive unterwürfiges Kurer-Interview sowie der sonntäglichen Jubel-Sonderbeilage zu Derivaten weiterhin skeptisch. Ich fürchte, die Inserate der Banken sowie weitere Mittel der Einflussnahme sind immer noch zu mächtig um Schweizer Medien eine halbwegs sinnvolle Berichterstattung über die Finanzkrise zu ermöglichen.

Bobby California:

mds > Eben diese «Mittel der Einflussnahme» sind bei der Weltwoche besonders unheimlich, da nicht klar ist, woher die Mittel fliessen. Und eben die Weltwoche hat besonders eindrücklich daneben gehauen mit der Behauptung «la crise n'existe pas». Eben deshalb hat dieses Abenteuerblättchen den Titel «Gegen den Mainstream auf die Schnauze gefallen» ehr und redlich verdient.

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