Das Drittelsprinzip

Früher galt das Drittelsprinzip. Ein Drittel der Passagiere las das «St. Galler Tagblatt» im morgendlichen Ostschweizer Pendlerzug nach Zürich, ein Drittel den «Tages-Anzeiger» und ein Drittel die «NZZ», zumindest im Erstklassabteil. Die Wahl der Zeitung gab dem Hobby-Medienethnologen Hinweise auf den Fahrgast.

«St. Galler Tagblatt» deutete auf einen Eingeborenen hin, den die Arbeitswelt zwang, sein «Heemetli» zu verlassen und täglich Richtung Westen zu rollen. Da war ihm das Leibblatt eine vertraute Begleiterin in der Fremde. «Tages-Anzeiger»-Leser waren dagegen in der Regel neu Zugezogene in der Ostschweiz, die sich nicht vom Blatt lösen konnten, das sie einst sozialisierte; mit dem Nachteil, dass die tägliche «Tagi»-Lektüre eine Integration in den Landstrich östlich von Winterthur nachhaltig verhinderte. Und die «NZZ»-Leser schliesslich, das waren die gewöhnlichen HSG-Absolventen, die in Zürich das grosse Geld machten und in der Ostschweiz von den tiefen Mieten profitierten.

Ab dem Jahr 2000 kam alles anders. Nach und nach klappten viele Passagiere ihr Notebook auf, nicht nur Jüngere, sondern alle Eifrigen. Sie verlängerten damit zum Entzücken ihrer Arbeitgeber die tägliche Bürozeit um eine gute Stunde. Und sie verrieten sich dem Medienethnologen damit als besonders strebsam und ehrgeizig, zeigten sich beruflich als etwas erfolgreicher im Vergleich zu allen anderen, die sich weiterhin hinter einer Tageszeitung versteckten.

Etwas später tauchte «20 Minuten» auf: Vom «Tagblatt»-Leser über den «Tagi»-Menschen bis zum «NZZ»-Abonnenten – alle legten sie ihr Leibblatt weg und lasen «20 Minuten». Wobei «lesen» das falsche Wort ist. Diese Zeitung wird nicht einfach gelesen, sie ist eine Art Zugbegleiter. Der «20 Minuten»-Reinzieher spricht immer wieder mit seinem Sitznachbarn über das, was ihm das Blatt gerade mitteilt. Er schüttelt hin und wieder erstaunt den Kopf, wenn ihm eine Meldung besonders nahe geht. Er blättert viel in den kleinen Seiten, ist oftmals nicht ganz konzentriert, dafür aber wacher für alles andere, was im Zugsabteil sonst geschieht.

Die einzigen, die gegenüber «20 Minuten» resistent bleiben, sind die Notebook-Nutzer. Wer einmal auf die Elektronik gesetzt hat, scheint ihr treu zu bleiben. Wahrscheinlich war es vor 80 Jahren ähnlich – wer sich einmal ein Auto angeschafft hatte, sagte Pferd und Kutsche für immer Adieu.

Das alte Drittelsprinzip ist Mediengeschichte. Zwar gilt zahlenmässig weiter das gleiche Verhältnis, aber mit neuen Inhalten: Ein Drittel «20 Minuten», ein Drittel Notebook-Freaks. Und ins letzte Drittel teilen sich alle andern: «St. Galler Tagblatt», «Tages-Anzeiger», «NZZ», «News», «Cash Daily» und «Punkt ch». Diese Vielfalt bringt neue Leser-Typen hervor.

Zum Beispiel die Sammlerin. Sie kommt mit allen vier Gratiszeitungen ins Abteil, sieht sich mit ihrem Sperberauge um und behändigt gleich noch eine liegen gelassene Abozeitung. Dann studiert sie die Blätter intensiv, als ob es Gesetzestexte wären. Die Sammlerin scheint nie gelangweilt, die Lektüre ist ihr eine Offenbarung. Ebenso wie dem Finanzer, einer bedauernswerten Spezies heutzutage: Der hat sein Notebook aufgeschlagen, daneben liegen Wirtschaftsteil der «NZZ» und »Cash Daily» mit ihren Hiobsbotschaften. Der Finanzer blickt zwar besorgt, diskret wie er ist, lässt er sich indes nicht anmerken, wenn ihm die Ergebnisse der asiatischen Börse frühmorgens bereits den Absturz des neuen Tages prophezeien.

Ach ja, und dann gibt es noch die Bücherleser, ganz wenige nur. Sie lesen gemütlich und ohne Scham ihre Trivialautoren wie James Patterson oder Val McDermid. Und ich beneide die Bücherfreaks für ihre morgendliche Gelassenheit.

Rolf Hürzeler, vormals Medien- und Kulturredaktor bei «Facts» und Kulturchef beim Pendlerblatt «News», ist seit dem 1.September 2008 Chefredaktor des Magazins «Saldo».

von Rolf Hürzeler | Kategorie: Mediensatz

2 Bemerkungen zu «Das Drittelsprinzip»

  1. ras.:

    Einem Nicht-Pendler, der der Ostschweiz den Rücken gekehrt hat, entgehen offensichtlich interessante soziologische Verschiebungen. Danke, lieber Beobacher. Allerdings muss der zugewanderte Nicht-Ostschweizer noch seine regionallinguistischen Kenntnisse schärfen. Ein St. Galler würde niemals Heemetli sagen. Das sagen die Appenzeller. Es lebe die Differenz! Und dazu tragen ja auch die Appenzeller in der Schweizer Politik bei – zum Glück.

  2. mux:

    overnewsed and uninformed. es lebe der Boykott von Gratiszeitungen!

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