Den Gratiskelch vorbeiziehen lassen

Im aktuellen «NZZ Folio» zum Thema «Gratis» befasst sich Publizist Karl Lüönd in einem – wie immer – lesenswerten Artikel mit der Geschichte der Pendlerzeitungen in der Schweiz und in Deutschland. Unter anderem ist dabei zu erfahren, dass sowohl Ringier wie auch die NZZ-Gruppe mehrere Gelegenheiten zum Einstieg in das lukrative Geschäft an sich haben vorbeiziehen lassen [Hinweise zur korrekten Position von «haben» bitte im Kommentarbereich ;-)]:

    «1996 entwickelte Wigdorovits im Auftrag des Ringier-Chefs Heinz Karrer eine Pendlergratiszeitung nach Stockholmer Muster. Ringier sondierte bei der «Neuen Zürcher Zeitung», deren Verlagsdirektor Marco de Stoppani höchst interessiert war. Widerstand leisteten die Journalisten: NZZ-Chefredaktor Hugo Bütler und Ringier-Chef­publizist Frank A. Meyer hatten grundsätzliche Einwände gegen das Gratissystem. […] Das Projekt wurde gestoppt.

    […]

    Schibsted [20 Minuten»] war bemüht, schweizerische Partner zu finden und das Risiko mit ihnen zu teilen, am liebsten einen Schweizer Verleger. Im Frühjahr 1999 wurden der «Neuen Zürcher Zeitung» und der Tamedia AG je 20 Prozent angeboten. Doch die NZZ wollte nicht im Alleingang vorgehen, und Tamedia zeigte dem Projekt die kalte Schulter. Dasselbe tat ein weiteres Mal Ringier, obwohl das als Experte beigezogene frühere Konzernleitungsmitglied Walter Bosch dringend empfahl, sich an «20 Minuten» zu beteiligen. Bei Ringier setzte sich die von Frank A. Meyer verfochtene Auffassung durch, ein anständiger Verlag habe nichts mit Gratiszeitungen zu tun.»

Wie wir alle wissen, hat am Ende Tamedia zugegriffen … und freut sich seither über die sprudelnden Gewinne:

    «2004/2005 erreichte «20 Minuten Schweiz» den Gleichstand von Einnahmen und Ausgaben, am 1. Januar 2005 gingen die verbleibenden 50,5 Prozent an die Tamedia über. Seither ist «20 Minuten» nach Einschätzung in der Branche eine der rentabelsten Zeitungen der Welt. Was von den heutigen Besitzern nicht bestätigt wird, wird in der von Kostenproblemen, Internet und Marktsättigung bedrohten Zeitungsbranche mit ehrfürchtigem Staunen herumgeboten: «20 Minuten» habe 2007 rund 115 Millionen Umsatz und 40 Millionen Franken Deckungsbeitrag erzielt.»
von Martin Hitz | Kategorie: Sparschwein

Bemerkung anbringen

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *