Die Verleger übernehmen

Texaner und Investmentbanker sind nicht die einzigen, die in diesen Tagen von Stürmen durchgerüttelt werden. Wir Journalisten von Blättern, die man heute naserümpfend Bezahlzeitungen nennt, haben unsere Zensuren erhalten. Und die sind miserabel, wie unter anderen Andrea Masüger im Medienspiegel nüchtern festgestellt hat.

Die Kurzfassung unserer Lage: Immer mehr Leute lesen Zeitung, aber immer weniger zahlen dafür und greifen zu den Gratisblättern. Masüger fühlt sich in dieser Situation – wie viele von uns Bezahlzeitungsjournalisten – «überuntersucht und unterberaten». Tatsächlich geizen selbst die luzidesten Analytiker der Bezahlzeitungskrise mit Ratschlägen, wie das Steuer herumzureissen wäre.

Doch wenn die Nachrichten über die eigene Zukunft am düstersten sind, ist aufbauender Zuspruch nicht weit. Michael Staub, ein aufmerksamer Zeitungsleser, wies in seinem Wortreich-Blog auf tröstende Worte hin, die er «letzte Woche … im <Tages-Anzeiger>» gelesen haben will: «Schaffen es die Kaufzeitungen also, den Lesern mit qualitativ hoch stehenden Inhalten echten Mehrwert zu bieten, könnten die Gratiszeitungen noch vor ihnen das Zeitliche segnen.»

Der Nachteil dieser aufbauenden Worte: Sie waren nicht im «Tages-Anzeiger» abgedruckt, sondern standen im Newsnetz, der gemeinsamen Online-Plattform von «Berner Zeitung», «Basler Zeitung» und «Tages-Anzeiger». Autsch. Schliesslich gilt es unter Journalisten als ausgemacht, dass neben den Gratis-Zeitungen die Gratis-Online-Newsportale den herkömmlichen Qualitätszeitungen das Wasser abgraben.

Gar nicht am Fingerzeigen auf die vielen Hunde, die des Bezahlzeitungshasen Tod sind, beteiligt sich dagegen Hanspeter Lebrument, Verleger der «Südostschweiz» und Präsident des Verlegerverbandes. Im Interview mit der NZZ sagt er: «Mit Sicherheit kann gesagt werden, dass wir mit unseren Qualitätszeitungen wenig erfolgreich sind. In einem solchen Falle bin ich der Ansicht, dass wir die Art und Weise, wie wir Zeitung machen, grundlegend überprüfen müssen.» Lebrument sucht also die Schuld nicht bei den bösen anderen, sondern bei sich selbst und bei seinen Journalisten.

Wir sind gespannt, was Lebruments grundlegende Überprüfung des Journalismus zu Tage fördern wird. Die Worte des Verlegervorsitzenden sind aber ein starkes Zeichen dafür, dass die Besitzer (und damit Financiers) der Qualitätszeitungen die Journalisten weit weniger für sich selber werkeln lassen werden als auch schon. Innere Pressefreiheit, also die mindestens theoretische Freiheit vor Verlegereinmischung, war eine Sache der goldenen Jahre, als die Einnahmen aus Abonnements und Inseraten in den Himmel wuchsen und das Zeitungsgeschäft zu einem der profitabelsten überhaupt machten. Jetzt, da die Verleger mit ihren Qualitätsblättern Geld zu verlieren drohen, wendet sich das Blatt.

Wenn wir Journalisten – übererforscht und unterberaten wie wir sind – also nicht aufhören, anderen die Schuld für den Leserschwund in die Schuhe zu schieben, werden wir von den Verlegern zu Recht für die Situation unserer Blätter verantwortlich gemacht. Wir müssen die Ideen gebären, die unsere Blätter zum «must read» und unentbehrlichen Stichwortgeber in der öffentlichen Diskussion machen. Das ist zugegebenermassen auch noch kein Rezept. Aber wenn wir das Rezept nicht selber finden, werden die Verleger uns ihre Rezepte vorschreiben.

Edgar Schuler ist Redaktor am «Tages-Anzeiger». Was er hier schreibt, ist seine persönliche Meinung.

von Edgar Schuler | Kategorie: Mediensatz

4 Bemerkungen zu «Die Verleger übernehmen»

  1. Beim dritten Link stimmt irgendwas nicht…

  2. Bobby California:

    Warum schreibt Edgar Schuler: «…werden die Verleger uns ihre Rezepte vorschreiben»? Das tun sie doch schon seit längerer Zeit. Anfangs der achtziger Jahre räumte die Kulturredaktion des Tages-Anzeigers für eine Buchbesprechung zu Siegfried Giedions «Mechanization Takes Command» zwei Seiten ein. Sowas ist beim Tagi schon lange nicht mehr möglich. Wär lustig, zu schauen, was passiert, wenns doch mal jemand vorschlagen würde! Sowas will doch niemand lesen. Oder? Nun, ich habe die Buchbesprechung bis heute aufbewahrt, weil sie grossartig ist. Heute geschieht es hingegen kaum mehr, dass ich einen Artikel aus dem Tagi so gut finde, dass ich ihn aufbewahre.

  3. Ich höre immer die Journalisten klagen, was ist denn mit denen die die Zeitungen bei Wind und Wetter für ein paar Cent austragen, Zeitungspreise erhöhen sich laufend, der Lohn eines Boten bleibt immer gleich.

    Gruß aus Berlin
    Manfred Laabs

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