Bravo, «Le Temps»!
«Le Temps» öffnet die Archive. Wie die «NZZ» bereits am vergangenen Dienstag berichtete, will die Westschweizer Tageszeitung Ende Oktober «sämtliche Inhalte der gedruckten Tageszeitung sowie die Archive» online frei zugänglich machen. Gemäss meinem Erkenntnisstand nach der «Handelszeitung» (s. hier) erst das zweite Schweizer Blatt, das diesen vermutlich unausweichlichen Schritt in die Zukunft wagt. (Who's next?)
Der Verzicht auf das kostenpflichtige Archiv falle finanziell kaum ins Gewicht, erklärte die «Le Temps»-Projektleiterin gegenüber der «NZZ». Allfällige finanzielle Einbussen wolle man «durch Mehreinnahmen im stark wachsenden Markt der Online-Werbung mindestens kompensieren». Etwas, das für alle anderen Schweizer Zeitungen ebenfalls zutreffen dürfte.
Und was sagt die vom - vermutlich ungläubig staunenden - «NZZ»-Journalisten befragte Professorin zum Vorgehen von «Le Temps»?
- «Gabriele Siegert, Professorin für Medienökonomie an der Universität Zürich, steht diesem Geschäftsmodell eher skeptisch gegenüber. Die Zahlungsbereitschaft der Internet-User für Information tendiere zwar gegen null, daher habe es wenig Sinn, Inhalte im Web kostenpflichtig anzubieten. Um erfolgreich zu sein, müssten sich Print- und Online-Ausgaben aber gegenseitig verstärken statt kannibalisieren, was bei der Bereitstellung fast identischer Inhalte schwierig sei. Grundsätzlich bezweifelt Siegert, dass es für die Medienbranche insgesamt sinnvoll sei, die <Gratismentalität> zu fördern, weil dies die ohnehin geringe Zahlungsbereitschaft der Leser und Nutzer zusätzlich schwächen könnte.»
Hm, da fallen mir eigentlich nur noch die drei Affen ein: no hear, no see, ....
Oder wie hat Online-News-Veteran, Consultant und Dozent Vin Crosbie doch erst gerade gestern geschrieben?
- «After concluding that no daily newspaper executive in North America knows where their industry is headed, I went back to school approximately this time last year. I'd hoped that news media academics might have the answers. What I found was that, with the exception of some folks at the Media Management and Transformation Centre at Jönköping International Business School in Sweden, the academics don't. In fact, most media academics are even further behind than the industry executives.»
Update, 23. August 2008: «Das St. Galler Tagblatt hat schon lange ein kostenloses Archiv», schreibt mad (danke für den Hinweis!) im Kommentarbereich. Also sind es bereits drei Schweizer Zeitungen. Eine schön aufgeräumte Website haben sie übrigens auch, die St. Galler.
Siehe auch:
- Auch «Focus» öffnet das Archiv
- Free lunch bei «WSJ.com»
- It's a trend: Noch eine Archivöffnung
- Ein weiteres Archiv ist geknackt
- Und die Archive öffnen sich
- Öffnet die Archive!
- In geschlossenen Räumen kann man ersticken
Bemerkungen
Wenn der gleiche Stoff auf Papier etwas kostet und im Internet gratis ist, dann liegt es auf der Hand, dass der eine oder andere denkt, auf die Papierausgabe könne er verzichten. Ich glaub, man muss da nicht unbedingt die Affen bemühen. Vielmehr würde mich mal interessieren, wie sich die Gratis-Befürworter vorstellen, dass eine Gratiszeitung auf dem Netz jemals rentabel sein soll. Da müsste man die Leser schon grausam mit Werbung vollknallen...
Von: Bobby California am 22.08.08 17:34
Posted on 22.08.08 17:34
In diesem Moment zufälligerweise entdeckt (RSS sei Dank), dass Vin Crosbie auch dazu etwas zu sagen hat:
"Overall, American households are still paying for access to content, but they're paying the pipeline providers rather than the content providers. The recipient has shifted almost entirely. The content providers have been cut out [...] Yet it's too late [to force ISPs to begin handing over revenues]. The momentum of the status quo, of content providers hooked to an open online platform (the Internet) that was never designed to recompense them, is too great to change. We're in a brave new world in which they'll have to be compensated by advertising revenues, by providing customized or individuated content to consumers, or by some new, as yet undiscovered business model. Or else those content providers will go out of business."
Von: Martin am 22.08.08 18:02
Posted on 22.08.08 18:02
Man kann auch zwischen aktuellen Informationen und dem Archiv unterscheiden: Die kostenlose Verfügbarkeit der Nachrichten von gestern kannibalisiert aus meiner Sicht den Medienkonsum von heute nicht und leistet auch der Gratis-Mentalität keinen Vorschub. Und die zusätzlichen Umsätze aus Werbung sowie neue Leser, die über Suchmaschinen oder Links von anderen Seiten auf diese Artikel stossen, wiegen aus meiner Sicht die wegfallenden Tantiemen für Archiv-Artikel mehr als auf.
Wie man mit den Nachrichten von heute umgeht, ist eine andere Frage. Aber eine gut dotierte Online-Redaktion fleissig aktuelle Beiträge schreiben zu lassen um die Aufmerksamkeit der Leser zu binden, ist sicher keine schlechte Idee.
Von: Tobias am 23.08.08 11:59
Posted on 23.08.08 11:59
Das St. Galler Tagblatt hat schon lange ein kostenloses Archiv - Mikrofilme ausgenommen.
Von: mad am 23.08.08 12:49
Posted on 23.08.08 12:49