Eins zu Null für den Boulevard

In der Affäre um Armeechef Nef hat der Boulevard im Wettlauf mit seinen Kritikern die Nase vorn: Die «Sonntagszeitung» hat enthüllt, wie weit die Vorwürfe gegen Roland Nef gehen. Und Nef selber bestätigt indirekt, dass das Sonntagsblatt hier den richtigen Riecher hatte: Wie anders kann man sich die Strafanzeige wegen Amtsgeheimnisverletzung erklären?

Das hat selbst die unaufgeregtesten Beobachter zum Umdenken bewegt. Auch für die «NZZ» gilt unter diesen Umständen plötzlich nicht mehr, dass «Privatsphäre und Funktion … nicht vermischt werden» dürften: Nef müsse sich angesichts seines privaten Verhaltens fragen, schrieb das Blatt von der Falkenstrasse am Montag, ob er als Armeechef noch genügend Vertrauen geniesse. Und am Dienstag prophezeite es dem Militär den sicheren Abgang.

Das ist bemerkenswert, denn die «NZZ» hat nur drei, vier Tage vorher die «Forderung nach absoluter Transparenz» als «lächerlich» bezeichnet. Beziehungskrisen seien ein weites Feld, die Rollen des Guten und des Bösen selten klar verteilt. Die «Verdachtskultur» des Boulevards – und immer mehr aller Medien – setze die Unschuldsvermutung ausser Kraft und sei damit «freiheitsfeindlich».

Jetzt hat aber die von der «NZZ» routinemässig gegeisselte «Unkultur des Boulevard» neue Fakten ans Licht gebracht. Diese bringen sogar die «alte Tante» zum Umdenken. Denn Roland Nef hat mit seiner Strafanzeige wegen Amtsgeheimnisverletzung bestätigt, dass die von der «Sonntagszeitung» veröffentlichten Protokollauszüge echt sind.

Die Motive der Enthüllungsreporter, ihrer Quellen und ihrer Chefs waren dabei sicher nicht immer lauter und rein im Sinne medienkritischer Tugendwächter. Aber die Enthüllungen der «Sonntagszeitung» gehen weit über den Zeigefinger-Boulevard falscher Moralisten hinaus. Der Blick in die Unterhose hat sich hier als Gewinn erwiesen. Die «Sonntagszeitung» hat nicht nur enthüllt, sondern das Enthüllte in die richtigen politischen Zusammenhänge gestellt.

Wir dürfen froh sein, dass diese Zusammenhänge ans Licht gekommen sind. Der Boulevard hat sich hier insgesamt als regelrecht staatstragend erwiesen. Staatstragender jedenfalls als alle klugen Kommentare, die im Tagesrhythmus von recherchierten Fakten überholt wurden. Es war – mindestens in diesem Fall – keine Verdachts-Unkultur, sondern gesunde Skepsis. Als freiheitsfeindlich erweist sich hier, wer das Fragen und Recherchieren unter Generalverdacht stellt.

Edgar Schuler ist Redaktor am «Tages-Anzeiger». Was er hier schreibt, ist seine persönliche Meinung.

von Edgar Schuler

6 Bemerkungen zu «Eins zu Null für den Boulevard»

  1. jabba dabba:

    wäre es nun nicht angezeigt, weiter eine “gesunde skepsis” walten zu lassen und noch etwas abzuwarten? auch wenn die protokolle echt sein sollten, sind damit die bedenken der “alten tante” bezüglich “verdachtskultur” und beziehungskrisen als weitem feld nicht wirklich ausgeräumt. nur weil alte tanten umdenken, müssen junge kritische gehirne das nicht automatisch auch tun. es sei denn ihr motiv ist banale schadenfreude.

  2. N.N.:

    Leider, leider kommt die gute alte Tante, geführt von jungen Neffen, nicht annähernd an das qualitative Niveau ihrer Vorgänger heran …

  3. ras:

    Wer nicht genau hinschaut, kommt eben auch zu ungenauen Urteilen und Kommentaren, lieber Edgar Schuler. Einfach milde über die journalistischen Untiefen der vergangenen Woche hinweg zu schauen, scheint mir etwas billig, anspruchslos. Am NZZ-Kommentar vom Freitag gibt es nichts zu relativieren. Auch öffentliche Personen haben ein Recht auf Privatsphäre. Wenn aber eine Handlung im ausserberuflichen Bereich eine gewisse Dimension überschreitet, wird sie natürlich zur allgemeinen Sache. In diesem Sinn hat die NZZ – nach dem jüngsten “Sonntags-Zeitungs”-Bericht – geurteilt. Wir haben nicht “umgedacht”, sondern geurteilt gemäss den aktuellen Entwicklungen und Informationslagen. Wobei immer noch festzuhalten ist, dass die Informationen von einer Seite stammen. Es gibt keinen Grund, den sogenannten Enthüllungsjournalismus zu glorifizieren, lieber Kollege. Die Sonntags-Zeitung wurde mit Informationen und offenbar mit geheimen Dokumenten beliefert. Dafür muss man als Journalist gar nichts tun. Sicher – die “Sonntagszeitung” hat nachher nachgeprüft und geschrieben. Ihr muss man keinen Vorwurf machen. Kritisieren muss man aber jene, die insinuieren, die nicht zwischen wichtig und unwichtig unterscheiden können und die sogar Dritte ins Rampenlicht zerren. Wer eine Schrotflinte bedienen will, sollte doch auch ein bisschen mehr beherrschen als nur gerade den “Knopf” zum Abdrücken.

  4. Marc Borer:

    Herr Schuler hat recht. Es ist furchtbar einfach, selber nicht zu recherchieren und stattdessen den Kollegen Noten zu verteilen. Dass ras. von Recherchejournalismus (meinetwegen Enthüllungsjournalismus) keine Ahnung hat, beweist seine Bemerkung, die Sonntags-Zeitung sei mit Informationen beliefert worden. Ein Recherche-Journalist muss also bloss warten, bis Post bei ihm eintrifft. Schön wär’s. Nur wer die Nachrichtenlage aufmerksam verfolgt, Kontakte pflegt und hartnäckig grübelt, hat als Recherchejournalist Erfolg. Wie viel bequemer ist es, zurückzulehnen und moralinsaure Kommentärlein über die Arbeit der Kollegen zu verfassen. ras. ist Experte auf diesem Gebiet.

  5. Ugugu:

    Ich werf mal noch die interessanten Anmerkungen von Glaukothyr zu diesem Thema in die Runde, einfach um mal wieder einen “dieser Blogger” zu Wort kommen zu lassen. (Eigene Meinungsbildung noch nicht abgeschlossen…)

  6. Die Sonntagszeitung war ja offenbar bereits seit Wochen im Besitz der Unterlagen, die sie nun teilweise veröffentlicht hat. Und sie hat von Schmid vorgängig eine Stellungnahme einzuholen versucht. Edgar Schuler prangert meiner Meinung nach die Versuche, Recherchenarbeit unter Generalverdacht zu stellen, absolut zu recht an.

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