Journalismus ohne Journalisten

Überraschen konnten die Ergebnisse eigentlich niemanden, zumal viele Journalisten aus eigener Erfahrung genau wissen, dass auch sie damit gemeint sind. Eine aktuelle Studie der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen LfM zeigt, wie Medienschaffende in Deutschland sehr gerne bei anderen Kollegen «recherchieren», sprich: abschreiben.

Meist mittels Copy & Paste bei Google. Eine Methode, die sich ganz generell grosser Beliebtheit bei der «Recherche» erfreut. Befragt wurden nicht in erster Linie Online-Journalisten, sondern vor allem «richtige» Journalisten aus Presse und Rundfunk. Das Problem lässt sich also nicht in der Online-Schmuddelecke entsorgen.

Manch ein Befund der Studie bestätigt heimlich gehegte Vorurteile (älteren) Kolleginnen und Kollegen gegenüber. So auch der folgende: «Journalisten sind nicht besonders technikaffin». Aus dem Web abschreiben, aber das Web nicht kennen, eine fatale Kombination. Mit der Folge, dass die Tiefen des weltweiten Netzes in der Regel von journalistischer Recherche unberührt bleiben – obwohl der Zugriff nur einen Mausklick entfernt läge. Gravierende Mängel stellt die Studie auch beim Fact-Checking fest. Sobald mit Google «recherchiert» wird, gelten offenbar laxere Spielregeln: «Eine Überprüfungsrecherche findet kaum noch statt. Sie ist offensichtlich zum Luxus des journalistischen Alltags geworden.»

Wie vor ein paar Jahren selbsternannte «Qualitätsjournalisten» die durchaus ernstgemeinte Frage stellten, ob Online-Journalisten eigentlich auch Journalisten seien, müssen wir uns heute fragen, ob Journalisten denn wirklich Journalisten sind.

Beantworten wir die Frage angesichts der verheerenden Befunde der LfM-Studie einmal mit nein. Was heisst das? Es heisst, dass es keine Journalisten, sondern nur noch Journalismus gibt. Wobei verschiedene Akteure, die sich in unterschiedlichem Masse journalistischer Mittel und Methoden bedienen, ein journalistisches Endprodukt formen. Das können gestandene Berufsleute sein oder Laien, die in ihrem Blog einen Journalismus avant la lettre pflegen, aber auch ein spontanes Expertenkollektiv, das über das Web vernetzt eine Recherche nach allen Regeln der Kunst durchführt und damit zum gleichen Ergebnis kommt wie der Kollege, der aus nostalgischen Gründen weiterhin «Journalist» als Berufsbezeichnung angibt.

Der Journalist ist tot, es lebe der Netzwerk-Journalismus! Ein Begriff, den jüngst die Internet-Theoretikerin Mercedes Bunz in ihrer Stellungnahme vor dem Unterausschuss neue Medien des Deutschen Bundestags geprägt hat.

Dort beschreibt Bunz, Chefredaktorin von Tagesspiegel online, wie sich Journalismus «vom Produkt zum Prozess» wandelt: «Hier wird in Kollaboration mit dem Leser recherchiert, verbessert, diskutiert und Meinung gebildet.» Aufgabe des Netzwerk-Journalisten sei es nicht, ein Stück zu verfertigen, sondern Debatten anzuschieben und zu begleiten.

Solange aber Journalisten das Internet als Zitatsteinbruch nutzen und nicht als soziales Kommunikationsmedium, solange wird die Qualitätsspirale weiter nach unten drehen.

Nick Lüthi ist Chefredaktor des Medienmagazins «Klartext»

von Nick Lüthi | Kategorie: Mediensatz

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