Die grosse Einigkeit

Es war schon fast beängstigend: Alle waren sie einer Meinung. Die Fachleute und die selbsternannten Experten: Alle fanden sie, die Spanier hätten’s wirklich verdient, Europas Fussballmeister zu werden. Schweizer Alt-Internationale und Jungreporter, alle, alle hatten schon lange gewusst, dass die Spanier die Besten seien. Für einmal habe der schöne Fussball gesiegt.

Diesmal war’s auch nicht der altbekannte Anti-Deutschland-Reflex, wie ihn der kleine Schweizer nun einmal gegenüber dem grossen Bruder von jenseits des Rheins empfindet, der sich halt bei aller Liebe doch oft ein wenig herablassend benimmt.

Nein, auch die deutschen Journalisten und Fachleute vergassen ihre übliche Selbstsicherheit und sprachen wortreich über die Unterlegenheit ihrer Mannschaft. Voller Staunen hörten wir deutsche Fernsehkommentatoren mit Sätzen wie «Deutschland hängt in den Seilen» oder «Die DFB-Elf wurde vorgeführt». Und das nur ein paar Minuten, nachdem noch die deutschen Tugenden beschworen worden waren, die wie üblich zum Sieg führen sollten: «Kampfgeist, Siegeswille, Disziplin.» Als sei dort im Stadion zu Wien die Wehrmacht unterwegs.

Friede, Freude, Einigkeit rundum. Sport kann also doch völkerverbindend sein. Am besten, man geniesst diese Stimmung noch ein wenig. Bald kommen die Olympischen Spiele in China.

Martin Hauzenberger ist Journalist und Liedermacher.

von Martin Hauzenberger | Kategorie: Mediensatz

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