PR? Wir doch nicht!

Was ein anständiger Journalist ist, trennt strikt zwischen Redaktionellem und Werbung. Es sei denn, wird der eine oder die andere einwerfen, die interessengebundene Information, also PR, habe tatsächlich einen Neuigkeitswert. Nur dann gibt’s Platz im Blatt. Sollte man meinen – und liegt ganz falsch. Alle machen wir PR, hemmungslos und blauäugig; von der «NZZ» bis zu den Gratisblättern.

Aktuelles Beispiel ist die Geschichte von James Bond, dem unerschrockenen Spion im Dienste Ihrer Majestät, dessen neuestes Abenteuer «Quantum of Solace» (Ein Quäntchen Trost) im Spätherbst in die Kinos kommt.

Bis jetzt weiss man ausser der Besetzung fast nichts über diesen Film. Dennoch verzeichnet die Produktion in der Schweizer Mediendatenbank (SMD) für das letzte halbe Jahr mehr als 3200 Treffer. Allesamt Meldungen, Berichte, Interviews oder weiss der Teufel was über das Phantom Ihrer Majestät.

Zuerst präsentierte Disney im letzten Dezember das neue Bond-Plakat, einen obskuren Schatten, nichts Aufregendes, nicht einmal hässlich, einfach einen Schatten halt, der ein bisschen geheimnisvoll aussieht.

Dann geben die Promotoren die Girls bekannt, nicht alle aufs Mal natürlich, sondern tröpfchenweise. Jedes neue Girl ein neues Bild mit Text. Zuerst die Engländerin Gemma Arterton, eine Schönheit gewiss, «not too bad», wie Bond sagen würde. Ihr folgt Olga Kurylenko ein paar Tage später, ebenfalls nicht von schlechten Eltern.

Die britische Royal Mail gibt sogar Bond-Briefmarken heraus. Nicht wegen des neuen Films zwar, sondern weil Autor Ian Fleming vor hundert Jahren zur Welt kam. Ein Zufall, der die Film-PR nicht erschwert. Auch die Bond-Marken kommen umgehend in die Blätter.

Weitere Häppchen-Infos: Regisseur Marc Forsters Mama spielt mit, und auch seine Freundin darf sich im Film zeigen. Einzig Forsters Bruder Peter geht leer aus. Aber wer weiss, bis im November gibt’s vielleicht auch von dem noch was zu berichten.

Für hübsche Bilder sorgt schliesslich der berühmte Aston Martin, den ein Kran im April nach einem Sturz ins Wasser wie einen blechernen Hecht aus dem Gardasee hievt. Kurz darauf kommt es noch einmal zu einem Unfall, bei dem sich zwei Stuntmen verletzen. Das war nicht geplant, man glaubt’s ja gerne, sorgt aber dennoch für Publizität.

Höhepunkt sind die Dreharbeiten in Bregenz: Dutzende von Journalisten besuchen das Set, und alle schreiben sie, dass sie nichts schreiben dürfen. Ein ganz grosses Geheimnis verbirgt sich hinter diesem Film. Das Aufregende ist die Null-Information.

Wer nun glaubt, dass damit die journalistisch leere Menge endlich perfektioniert ist, der irrt. Bond-Darsteller Daniel Craig kann’s viel besser als alle Medienleute zusammen: Er gibt unzählige Interviews, einzelne ziehen sich über ganze Zeitungsseiten hin. Und Craig sagt nichts, null, nada. Seine Kernaussage in allen Varianten: Die Neuigkeit, liebe Leute, ist die, dass ich nichts zu sagen habe.

PR also nur bei Newswert in den Medien? Denkste! Die gesteuerte Information kann noch so nichtssagend sein, alle beten sie nach wie die Lämmer, sofern diese Tiere überhaupt beten.

Soll keiner sagen, dass dieser Nichtinfo-Hype wirkungslos bleibt: Erinnern Sie sich noch an die «Titanic»-Welle in den Neunzigerjahren, die durch alle Medien schwappte, bevor der Film ins Kino kam? Die mittelmässige Produktion von David Cameron erreichte fast zwei Millionen Besucher in der Schweiz. Der Film rangiert an erster Stelle aller Produktionen. Der zweitplatzierte «Findet Nemo» hat 800’000 Eintritte weniger zu verzeichnen. Mit andern Worten: Regisseur Marc Forster kann mit «Quantum of Solace» produzieren, was er will. Der Erfolg ist ihm gewiss.

Rolf Hürzeler, vormals Medien- und Kulturredaktor bei «Facts», ist derzeit als Kulturchef beim Pendlerblatt «News» tätig.

von Rolf Hürzeler | Kategorie: Mediensatz

4 Bemerkungen zu «PR? Wir doch nicht!»

  1. Bobby California:

    «Alle machen wir PR»… Alle? Nein, eine kleine Zeitung leistet der PR-Armee nach wie vor heftigen Widerstand, und das ohne Zaubertrank. Ich verrate hier aber nicht, wo ich arbeite.

    Leider stimmt es schon, dass die Hemmungen gegenüber der PR auch bei Blättern wie dem Tagi immer mehr fallen. Es gibt aber grosse Unterschiede zwischen den Medien. Wenn man z.B. bei einer Gratiszeitung arbeitet, ist es wohl von Vorteil, wenn man nicht unter einer PR-Allergie leidet.

  2. Evil:

    Thema wäre ja interessant.

    Das Beispiel ist so unglücklich wie nur möglich gewählt. Offensichtlich ist Herr Hürzeler kein James-Bond-Fan.

    Sonst hätte er erstens gemerkt, dass zwei Schweizer Zeitungen durchaus News aus Bregenz brachten, die wirklich News waren (insofern nämlich, als sie Dinge schrieben, die noch NIRGENDS SONST, auch nicht im Internet, über die Handlung in Erfahrung zu bringen waren).

    Und dass Craig in den zwei in der Schweiz erschienen Interviews extrem coole Sachen gesagt hat.

    Hier von Nicht-Info zu sprechen… Na ja. Ich als Fan habe die Texte heiss geliebt.

    Die neuen Bondgirls MÜSSEN doch vermeldet werden in einer Filmserie, die seit über 40 Jahren und 22 Filmen ein fester Bestandteil der westlichen Kultur ist. Der letzte Bond war der erfolgreichste aller Zeiten. Es WIMMELT von Fans, also ist der Entscheid, das zu bringen, wohl richtig.

    Auf gewisse PR-Dinge kann man ja sicher verzichten. Wenn die neuen Aston Martins, Uhren etc. jetzt so früh gepusht werden (und von den Gratisblättern und Internetportalen sofort dankbar als Füllmaterial reingepusht werden) – voila, Bond geht auch nur mit der Zeit und ist ein Abbild der westlichen (Medien-)Kultur…

  3. Jean-Claude:

    @Evil: Was, zum Teufel, sind denn die „extrem coolen Sachen“, die Mr.Craig in den beiden Interviews so gesagt haben soll? Im Vorspann der Interviews wird auch noch so getan, als hätte man Mr. Bond geradezu mit geheimdienstlichen Methoden aufspüren müssen. Dabei war es ein von der zuständigen PR-Agentur offeriertes 5-Minuten-Geplauder.

    Ich habs extra nochmal im Archiv nachgelesen. Was sind denn das für journalistische Standards, die du da anlegst? Null Info. Jeden Satz könnte man blind aufschreiben, ohne je mit dem Menschen geredet zu haben. Das sind doch keine Standards für die zweit grösste Zeitung des Landes.

    Das von Hürzeler aufgegriffene Bond-Beispiel, wie willig sich Journalisten in PR-Kampagnen einspannen lassen, ist sicher treffend, aber insgesamt doch eher harmlos.

    Es würde sich lohnen, die Wirtschaftsteile auf solche Beispiele abzuklopfen. Dort findet sich in jeder Ecke gezielte PR, die sich auch nicht scheut, die Grenzen zur Korruption zu überschreiten. Und dabei geht es dann öfter mal um wirklich viel Geld.

  4. Evil:

    Also, zum Teufel nochmal:

    In der Sonntagszeitung war zu erfühlen, dass Craig ein enorm witziger Typ ist (ihr Schweizer sind die Schurken) – und man erfuhr, dass er selbst absolut von Bond besessen ist (hat ein Notizbuch neben dem Bett, in welchem er Gedanken und Figuren aufschreibt – totaler Maniac).

    Und im Blick erfuhr man – neben der Tatsache, dass er offensichtlich wieder sehr lustig war – dass der Film tiefer in die Psyche des Charakters vordringen wird (aber nicht zu tief), und dass Craig & Crew sich durchaus sehr mit Fleming beschäftigen (das ist alles andere als selbstverständlich – da könnte unter umständen ein ganz anderer Bond dabei herauskommen, als man gemeinhin erwartet. Und das deutet er auch an…)

    Aber wie gesagt: Wenn einen das nicht interessiert, dann findet man hier wohl keine „journalistischen Standards“ erfüllt, vermute ich mal. Mir egal, die haben mir gefallen.

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