Für einen Dialog braucht es zwei

Vier Jahre ist es nun her, seit die Bloggerei auch im hiesigen Medienbetrieb Einzug gehalten hat. Kein runder Geburtstag zwar, aber höchste Zeit für einen Rückblick und eine erste Bilanz.

Anfang 2004 wagten sich die ersten Redaktionen an das neue Medienformat heran und rüsteten ihre Webseiten reihum mit Blogs auf. Eine Pionierrolle bei dieser Entwicklung kam dem «Tages-Anzeiger» zu. US-Korrespondent Martin Kilian begann neben seinen Zeitungsartikeln auch Texte in einen Blog auf der Website der Zeitung zu schreiben – und er tut dies bis heute. Bald folgten weitere Medien dem Beispiel des «Tages-Anzeigers». So lancierte der Berner «Bund» auf die Fussball-Euromeisterschaft in Portugal hin das bis heute gut frequentierte Fussballblog «Zum runden Leder». Etwas später folgte das Schweizer Fernsehen: Aeschbi bloggt nun auch bereits seit mehr als zwei Jahren, ebenso SF-Chefredaktor Ueli Haldimann.

Kaum ein Schweizer Medienunternehmen, das in den letzten vier Jahren nicht mit dem neuen Medienformat experimentiert hätte. Mit höchst unterschiedlichem Ausgang. Die «Weltwoche» ist nach dem Abgang von Walter de Gregorio zum «Blick» wieder eine Blog-freie Zone. Die Altredaktoren Born und Engeler hatten es nicht gepackt.

Beim «Bund» fällt die Bilanz durchzogen aus, wenn auch der Trend stets nach oben weist. So hält sich die Zahl der aktiven «Bund»-Weblogs mit den bereits wieder eingestellten die Waage. Die «Basler Zeitung» hat bis heute die Hände von Blogs gelassen. Ebenso «20 Minuten».

Und schliesslich gibt es noch die Bastlerfraktion. Dazu zählt etwa das «Bieler Tagblatt». Hier durfte auch die IT-Abteilung noch ihr Scherflein zum Blog-Abenteuer beitragen. Heraus kam dabei ein technisches Eigengebräu, das deutlich von standardisierter Blog-Software abfällt.

Was hat die Übung mit den Blogs gebracht? Zusätzliche zahlende Leser? Wohl kaum. Oder höchstens im nicht-messbaren Bereich. Zusätzliche Werbeeinnahmen? Fehlanzeige. Online reimt sich in der Schweiz nur schlecht auf Werbung. Und dass ausgerechnet Blogs für den sich abzeichnenden Aufschwung verantwortlich sein sollen, daran kannn niemand ernsthaft glauben. Bleibt also das Naheliegendste: Blogs bieten dem Publikum die Möglichkeit, direkt und ungefiltert in einen Dialog mit der Redaktion zu treten. Soll gut sein für die Kundenbindung. In der Theorie mag das stimmen. Die Praxis sieht, zumindest hierzulande, anders aus.

Mit wenigen Ausnahmen beteiligt sich keiner der bloggenden Medienschaffenden an den Diskussionen, die seine Beiträge auslösen. Das Publikum bleibt stattdessen unter sich. Das Paradebeispiel für solch missverstandene Blogkommunikation liefert SF-Chefredaktor Ueli Haldimann. Seine sporadischen Wortmeldungen stossen auf grosses Interesse. Regelmässig werden Haldimanns pointierte, medienkritische Beiträge dutzendfach, in einzelnen Fällen gar hundertfach, kommentiert. Nur einer nimmt an den angeregten Wortwechseln nicht teil: der Autor selbst. So fällt das Bonmot «Les absents ont toujours tort», das Haldimann einst der SVP ins Stammbuch schrieb, als sich die Partei geweigert hatte an einer «Arena» teilzunehmen, auf den SF-Chefredaktor selbst zurück.

Hugo Stamm hat sich immerhin die Mühe genommen zu erklären, weshalb er nicht mitdiskutiert. Der Blog des Sektenexperten und Reporters auf «tagesanzeiger.ch» hält wohl den Schweizer Kommentarrekord. Auf jeden Beitrag von Stamm folgen derzeit durchschnittlich gegen 600 Leserbeiträge. Viele sprechen den Autor direkt an, ergänzen und korrigieren seine Ausführungen. Doch der Angesprochene bleibt stumm. Er wolle nicht als Schiedsrichter auftreten, «hier sollen die Leserinnen und Leser […] in einen Dialog miteinander treten können», begründet Stamm sein Schweigen. Grundsätzlich erachte er Blogs als ideale Ergänzung zur Einwegkommunikation der Zeitung. Doch was tut Stamm? Er verlängert die Einwegkommunikation einfach ins Web. Hier der Experte, dort das Publikum – mit sich alleine gelassen.

«Untereinander diskutieren kann das Publikum überall», sagt Robert Niles von der «Online Journalism Review». Entsprechende Orte gibt es im Netz zuhauf: Communities, Foren, soziale Netzwerke. Der Mehrwert, den ein Blog diesen Formaten gegenüber bietet, ist die Möglichkeit, mit dem Autor in einen strukturierten Dialog zu treten.

Die Debattiermuffel Haldimann und Stamm sind nicht allein. Auch viele andere bloggende Zeitungs-, Radio- und TV-Redaktoren tun in ihren Blogs das, was sie am liebsten tun: Möglichst unwidersprochen ihre Weltsicht verkünden. Eine löbliche Ausnahme stellt der «Bund» dar. Chefredaktor Artur K. Vogel reagiert regelmässig auf Kommentare im Redaktionsblog, wo der bekennende Schnellschreiber seine Frontkommentare sowie medienkritische Anmerkungen veröffentlicht. Und wenn nicht der Chef persönlich auf Leserkommentare reagiert, so tut dies seine Online-Redaktion.

In manchen Fällen stellt sich die Frage nach dem Dialog mit dem Publikum erst gar nicht. Der Blog von Matthias Zehnder bei der «Coop-Zeitung» oder der «Uhrenblog» von «BZ»-Wirtschaftsredaktor Jon Mettler werden vielleicht gelesen, aber höchst selten kommentiert.

Andere wiederum haben die Kommentarfunktion gar nicht erst aktiviert. So etwa «Digital Sushi» vom «Tages-Anzeiger». Ein nachvollziehbarer Entscheid. Denn Kommentare wollen betreut sein. Was Zeit braucht. Das Grundproblem bei den meisten Blogprojekten, ist genau diese (fehlende) Zeit, die es braucht um seinen Weblog als Dialogmedium zu pflegen. Wer die nicht aufbringen kann oder will, braucht nicht zu bloggen. Dialog will gelernt sein. Alleine die technische Möglichkeit, öffentlich ein Zwiegespräch zu führen, garantiert noch für rein gar nichts. Menschen kommunizieren miteinander, nicht Maschinen.

Nick Lüthi ist Chefredaktor des Medienmagazins «Klartext»

von Nick Lüthi | Kategorie: Mediensatz

10 Bemerkungen zu «Für einen Dialog braucht es zwei»

  1. Die BaZ führte vor kurzem einen (eher versteckten) Euro-08-Blog, in welchem zwei Redakteure (die Herren Loser und Rockenbach, wenn’s mir recht ist) von ihrem Österreich-Reislein berichteten. Kommentiert wurde spärlich. Heute konnte ich den Blog nicht mehr finden, ist wohl schon wieder eingestellt.

  2. Markus Streiff:

    Das Problem mit dem Dialog betrifft nicht nur Bloginhalte bei etablierten Medien, sondern jede Kommentarfunktion. Die NZZ beispielsweise lässt ihre Inhalte kommentieren (nach Vorzensur), die NZZler selbst beteiligen sich aber nicht, ja, selbst gemeldete Fehler werden nicht korrigiert. Dafür kritisiert heute ein NZZler mit dem passenden Pseudonym «DAU», dass einige Politblogger bei «NZZ Votum» zu wenig den Dialog suchen … verkehrte Welt! :->

  3. Anonym:

    @gebsn: danke für den hinweis! das euroblog der baz existiert tatsächlich, wenn auch etwas unregelmässig upgedatet.
    aber es gibt ja noch andere
    Euro08-Blogs ;-)

  4. oops, anonym wollte ich obigen dank an herrn gebsn keinesfalls abgeben. anmerken zum baz-blog wollte ich hingegen noch, dass es sich bei der software, wie bei den aktuellen blick-blogs, um die marke „eigenbräu“ handelt…

  5. ras:

    Es ja nicht meine Aufgabe, Ueli Haldimann zu verteidigen. Aber worüber bitte soll Haldimann mit den Kommentierenden diskutieren? Das Kommunikationsniveau ist ja meist derart tief, dass man besser schweigt. Und so ist es auch bei andern Blogs. Im Sinne der Qualitätsförderung sollte man die Beiträge viel stärker zensieren. Damit die Dummköpfe die Intelligenteren nicht mehr überschreien können. Die Rede von der Demokratisierung durch das interaktive Internet wird durch die Realität entlarvt: Es herrscht der Terror des hohlen Geschwätzes.

  6. @ras: wieder einmal kann ich über deine
    argumentation nur den kopf schütteln.

  7. Markus Streiff:

    @ras: Die Arroganz und Demokratiefeindlichkeit der NZZ-Redaktion ist kein Geheimnis. Dennoch schockieren mich solche Äusserungen immer wieder aufs Neue.

  8. Markus Streiff:

    Wie lange Philipp Löpfe vom Tages-Anzeiger seine Beiträge noch Kommentieren lässt? Niemand mag es, wenn er beim Abschreiben erwischt wird!

    http://tages-anzeiger.ch/dyn/news/lesermeinung/870141.html

    Sicherheitshalber zitiere ich die beiden Kommentare:

    «carl, am 14.05.2008, 23:50 Uhr
    es ist offensichtlich – auch der Herr Löpfe liest „The Economist“ – aber wieso keine Quellenangabe???
    [!]
    Fritz Egli, am 15.05.2008, 07:59 Uhr
    Ich pflichte Carl bei – es ist schön, dass Herr Löpfe „exklusiv für den Tages-Anzeiger“ Artikel aus dem Economist zusammenfasst, samt der illustrativen Beispiele. Die vom Autor selbst beigetragenen Passagen (z.B. „wo man günstig Snacks und Kaffee kaufen kann“ als Attribut der „Dritten Plätze“) sind dafür zum Teil inhaltlich falsch.
    Keine Glanzleistung…
    [!]»

  9. Bobby California:

    Es ist ja nicht meine Aufgabe, Ugugu zu verteidigen. Aber heute hat er den Nagel auf den Kopf getroffen. Ein Augenschein zeigt: In Haldimanns Blog wird im allgemeinen gesittet und einigermassen geistreich debattiert. Das gleiche gilt übrigens für den Medienspiegel. Zwar hatte ich das Schlimmste befürchtet, als ich den Anfang des neuen Mediensatzes gelesen hatte. Ich sah schon die Kommentare der Blogger vor meinem geistigen Auge: «Tja die Schurnis raffens halt nicht, wir sind ja viel cleverer etc etc…» Doch diesmal waren meine Befürchtungen völlig unnötig. Chapeau und weiter so!

  10. ich kann nur für mich und meine erfahrungen sprechen:
    ich stelle fest, dass journis bei mir fast nie kommentieren und auch nicht kommunizieren über die komentarfunktion, bei privaten bloggern passiert häufig, dass sich ein dialog entwickelt!

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