Der Expertenbefragungswahn

Die Fritzl-Tragödie hat es wieder einmal gezeigt: Die Medien sind ohne die Meinung von Experten völlig hilflos. Reihenweise werden Psychologen befragt, Therapeuten und Psychiater; Gerichtsmediziner müssen Interviews geben, Pädagogen haben Gewichtiges abzusondern. Ein Wunder, dass bisher noch kein Hautarzt zum Thema «18 Jahre ohne Sonnenlicht» befragt wurde und dass sich noch kein Architekturprofessor zu bautechnischen Aspekten des Kellerverlieses zu äussern hatte. Aber das alles wird bestimmt auch noch kommen.

Irgendwie kann man diese journalistische Hilflosigkeit ja noch verstehen. Kolleginnen und Kollegen sind mit einem beispiellosen Fall konfrontiert, den selbst sie ans Ende des Lateins führt.

Weniger Verständnis mag man hingegen für das analoge Verhalten im politischen Bereich aufbringen. Die Journalistensucht zur Befragung von Politologen und Soziologen, von Geschichtsprofessoren und allerhand Uni-Dozenten wird vordergründig mit der Diversifikation journalistischer Inhalte begründet: Man braucht zum Thema Parlamentswahlen im Thurgau oder Gemeindewahlen in Flims halt noch ein Kästchen, eine Interview-Spalte oder sonst ein knackiges Feature. Da fragt man nach der Eroberung eines SVP-Sitzes im Gemeinderat dann den Politologen X, ob dieses spektakuläre Ereignis den positiven Trend der SVP fortsetze oder gar beflügle. Und dieser sagt ungemein wissenschaftlich: «Zweifellos befindet sich die SVP seit den Wahlen vom Oktober 2007 im Aufwärtstrend, was auch das Ergebnis hier in Ermatingen wieder unterstreicht.»

Auslöser und Beförderer dieser journalistischen Expertenbefragungsmanie ist zweifellos das Fernsehen. Dieses pflegt ja bei wichtigen Ereignissen wie Bundesratswahlen (oder -abwahlen) vor dem Wahlakt und zwischen den Wahlgängen einschlägige Experten zu interviewen, welche dann zwei Minuten vor Bekanntgabe der Wahlergebnisse ihre Prognosen abliefern und diese wortreich umranken.

Einigermassen auszuhalten ist hier zum Beispiel Iwan Rickenbacher, weil er über ein profundes Fachwissen verfügt und schnörkellos formuliert; ziemlich Mühe machen aber die Dauer-TV-Analysten wie der unentwegte Meinungsforscher Claude L., der selbst einem vom Moderatorenpult fallenden Kugelschreiber seine momentane Rolle im helvetischen Politgeflecht zuordnen kann. Beim Fernsehen würde es wohl aufs Gleiche herauskommen, wenn bei solchen Anlässen Reto Brennwald «Tagesschau»-Redaktor Andri Franziscus befragen würde oder umgekehrt. Versierte Journalisten kommen meist einfach besser rüber als die so genannten Experten.

Doch die Journalisten sind entweder denkfaul geworden oder sie haben Angst, sich zu exponieren. Dabei befähigt eine mittlere staatskundliche Schulbildung und etwas Erfahrung im nicht allzu komplexen schweizerischen Polit-Alltag jeden Schreiber und jede Schreiberin zu einem Urteil, das den Allerweltsaussagen der Experten ziemlich nahekommt. Oder bedarf es einer Habilitation für einen politwissenschaftlichen Lehrstuhl, um zur Erkenntnis zu gelangen, dass die Zauberformel bei einer Bestätigungswahl für Frau Widmer-Schlumpf in vier Jahren wieder zur Debatte stehen könnte?

Da lobe ich mir wenigstens jene Experten, deren Aussagen zwar unverständlich sind, aber zumindest gut klingen. Absoluter Schweizermeister in diesem Fach ist der täglich irgendwo zu lesende Kurt I., der in letzter Zeit vor allem sogenannte «Medienhypes» untersucht hat und zum Beispiel zum Schluss kam, dass die Autopartei in Bezug auf das Waldsterben Recht gehabt hatte.

Es ist eben schon so: Wenn das politische Personal die narrative Grundvoraussetzung für die Skandalisierung bietet, sich also gleichsam als medienexterne Skandalisierungsplattform darstellt, dann kann die Summe der Skandale den Wertekanon der journalistischen Basiskultur bar jeder empirischen Evidenz ins Sinnlose mutieren lassen.

Andrea Masüger ist Chefredaktor und VR-Delegierter der «Südostschweiz».

von Andrea Masüger | Kategorie: Mediensatz

3 Bemerkungen zu «Der Expertenbefragungswahn»

  1. Fred David:

    Lieber Kollege Masüger, Sie haben sowas von recht. Sie schreiben: „entweder sind Journalisten denkfaul geworden oder sie haben Angst“. Daran ist nur eines falsch: das Wort „entweder“. Richtig ist: „Sie sind denkfaul geworden und sie haben Angst“. Die Folge ist der durchgängige Streamline-Journalismus auf allen Ebenen, der heikle Themen landesweit ausblendet, insbesondere dann, wenn mächtige Interessen tangiert werden (die offiziell natürlich nicht existieren und daher auch nie thematisiert werden).

  2. Nico:

    Wenn ich mich recht entsinne, hat irgendeine Gratiszeitung (es war entweder „heute“ oder „.ch“) letzte Woche tatsächlich einen Hautarzt zu den Auswirkungen von 18 Jahren ohne Sonnenlicht befragt…

  3. Oliver:

    Hallelujah!

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