Die Murdoch-Anomalie

Gestern wurde bekannt, dass Marcus Brauchli, unser «Schweizer» Chefredaktor des «Wall Street Journal», von seinem Posten zurücktritt. Der Grund, ist, wie es heisst, Brauchlis Frustration über die Einmischung seines Verlegers Rupert Murdoch ins Tagesgeschäft.

Murdoch, seit vier Monaten Besitzer des Traditionsblatts, hat bereits tiefgreifende Veränderungen durchgesetzt, den ersten Bund des Wirtschaftsblatts mit mehr Politik besetzt, die legendären Frontseiten-Reportagen zurückgestutzt, und durchgesetzt, dass mehr Journalisten als Reporter an der Newsfront arbeiten und weniger als «Editors» bei der Produktion der Artikel und Seiten.

So sicher wie das Amen in der Kirche wird jetzt auch in der Schweiz der Chor derjenigen sein Klagelied anstimmen, die schon immer gewusst haben, dass Murdoch für das Journal den Untergang bedeutet, und damit für dessen zentrale journalistische Werte.

Dabei ist die Kritik an Murdoch Ausdruck einer Anomalie, die man die Murdoch-Anomalie nennen könnte: Es gibt keine andere Branche, in der es als anrüchig gilt, wenn der Patron des Unternehmens das Produkt in den Grundzügen und im Detail mitbestimmt. Wenn Steve Jobs seinen persönlichen Geschmack bei der Gestaltung der Apple-Laptops durchsetzt, feiern ihn die Fans. Aber wenn Murdoch aus dem «Wall Street Journal» die Zeitung machen will, die er selber gerne liest, und von der er glaubt, dass auch andere sie gerne lesen, dann wird er dafür von Leitartiklern getadelt, sogar im Wirtschaftsblatt «NZZ». Und grobe Beschimpfungen setzt es dann, wenn ein Murdoch seine Blätter zum Instrument seiner Überzeugungen macht.

Die harten Urteile über den «Journal»-Verleger Murdoch sind heute, nach dem Abgang Brauchlis, genauso verfehlt wie letztes Jahr, als Murdoch den Übernahmekampf um das «Journal» geführt hat. Der Medientycoon hat in seiner beispiellosen Unternehmerkarriere viele Fehlentscheide getroffen und viele gute Journalisten brüskiert – und das waren neben seinen Kotaus vor der chinesischen Führung noch die verzeihlicheren seiner Mängel.

Murdoch hat aber auch gezeigt, dass er eine feine Nase für den Erfolg von Zeitungen hat – nicht die schlechteste Eigenschaft für einen Vertreter dieser schwindsüchtigen Branche. Mit dem «Wall Street Journal» hat er keine blühende Publikation erworben, sondern ein Blatt in der Krise. Er hat den Zuschlag erhalten, weil er den höchsten Preis geboten und damit bewiesen hat, dass er an die Zukunft des Produkts glaubt, an den künftigen Profit aus seiner Investition.

Edgar Schuler ist Redaktor am «Tages-Anzeiger». Was er hier schreibt, ist seine persönliche Meinung.

von Edgar Schuler | Kategorie: Mediensatz

3 Bemerkungen zu «Die Murdoch-Anomalie»

  1. Wie sagen doch die News Hounds nicht erst seit gestern gerne immer mal wieder? Be afraid. Be very, very afraid. Before long, Rupert Murdoch’s form of „news“ will reach everyone on the planet.

  2. Mücke:

    So true. Dieser Murdoch ist eine Katastrophe für die westliche Welt.

  3. Robert Holzwart:

    das WSJ war politisch gesehen schon unter brauchli und seinen vorgängern ein übles machwerk. die kommentare zu israel, iran, hillary, linken liberalen und anderen themen, trieben selbst rumsfeld und wolfowitz die schamesröte ins gesicht. aber wenn man einmal „traditionsblatt“ ist, folgen die rudeljournis (inkl. herr schuler) willig.

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