Üben Sie den Spagat?

Von all den «Kostenexplosionen», den «Eldorados» und «Leuchtenstädtern» im Schweizer Journalismus quält uns der «Spagat» am meisten. Die akrobatische Übung durchzieht kluge Analysen, muntere Boulevard-Geschichten und clevere Reportagen gleichermassen. Der Spagat ist die liebste Verrenkung der Schreibenden.

«Spagat zwischen Moschee und Europa» titelt etwa die «Neue Luzerner Zeitung». Das athletische Kunststück bringt die türkische Regierungspartei zustande, die das Land in die EU führen will und gleichzeitig das Kopftuchverbot an den Universitäten aufhebt. Bitte einmal ganz bildlich: All diese konservativen Politiker, die kein Lächeln übers Gesicht bringen – die meisten mit Schnauzbart und bösem Blick – üben die Verrenkung im Parteilokal, Parlament, auf dem diplomatischen Parkett oder sonst wo, um den Bosporus zu überwinden, oder was?

Verrenkung? «Figur, bei der die in entgegengesetzte Richtungen ausgestreckten Beine eine senkrecht zum aufrechten Körper verlaufende waagrechte Linie bilden», schreibt der Duden als Spagat-Definition.

Eine Meisterin in dieser Disziplin ist die Schriftstellerin Milena Moser. Zumindest unterstellt ihr das die «Schweizer Illustrierte»: «Eines Tages, hofft Milena, wird sie zwischen der Alten und der Neuen Welt pendeln. Einen Spagat, den die Yogini mit Sicherheit gut meistern wird.» Hey, das ist süss, Milena Moser übt beim Yoga den Spagat über den grossen Teich. Die Frau kann mehr, als mancher denkt.

Mitunter spürt man bei den Schreibern, dass sie der eigene Spagat selbst ein bisschen schmerzt, zum Beispiel bei den Journalisten der sprachlich eher sensiblen «Neuen Zürcher Zeitung». Sie reichert das Substantiv gerne mit Adjektiven an, zum Beispiel «heikel» oder «gestalterisch». So macht die SPD unter der Kanzlerin Angela Merkel einen „heiklen Spagat“. Und einem neuen Mehrfamilienhaus in Zürich gelingt der «gestalterischen Spagat» oder besser dem Architekten natürlich, der zeitgenössisches Bauen mit den alten Häusern aus der Nachbarschaft zu verbinden versteht. Bein links modern, Bein rechts 19. Jahrhundert. Oder umgekehrt?

Weniger als man glaubt, übt der «Blick» den Spagat, aber auch er kann nicht ganz auf die in entgegengesetzter Richtung ausgestreckten Beine verzichten. Oscar-Preisträger Jamie Foxx «versucht den Spagat zwischen Action und Anspruch». Und der Zürcher FDP-Ständerat Felix Gutzwiller musste bei seinem Wahlkampf gegen Ueli Maurer einen «schwierigen Spagat» (merke: Adjektiv wie bei der «NZZ») absolvieren, um Profil gegenüber der SVP zu zeigen, ohne die bürgerlichen Wähler zu vergraulen. Wie wir wissen, bewältigt der agile Gesundheitspolitiker die kleine Verrenkung mit Verve, der hält sich halt fit. Da trifft der Spagat den Sachverhalt vielleicht gar nicht so schlecht.

Halt! Genug des Oberlehrerhaften! Manchmal ist der Spagat sogar inspirierend. Etwa, wenn ihn ein Metzger im «Schweizer Bauer» übt: «Keine Sau liefert nur 100 Koteletts, auch das Siedfleisch muss verkauft werden können. Für mich ist es jeweils ein Spagat, alle Fleischstücke bestmöglich zuzubereiten.» Voilà, wir lieben den Spagat und üben ihn.

Rolf Hürzeler, vormals Medien- und Kulturredaktor bei «Facts», ist derzeit als Kulturchef beim Pendlerblatt «News» tätig.

von Rolf Hürzeler | Kategorie: Mediensatz

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