Stecker ziehen

Als trauten die Autoren ihren eigenen Aussagen nicht, garnieren sie ihre Powerpoint-Präsentationen mit einem Haufen Ausrufezeichen. Und das seit Jahren schon. «DAB ist ein Riesengeschäft!», «…ein Geschäftsvolumen von 2-3 Milliarden Franken!», hiess es 2005. Ein aktuelleres Müsterchen aus der SRG-Propagandaabteilung für Digitalradio: «Radiohörer lieben Digitalradio. Warum – wegen der grösseren Programmvielfalt!»

Weiterträumen, liebe SRG. Von Vielfalt keine Spur. Das beste aller SRG-Radios, das welsche Couleur3, hört in der Deutschschweiz weiterhin nur, wer das gute alte Küchenradio einschaltet.

Wir schreiben das Jahr 2008 und alle (ausser den paar unentwegten DAB-Gläubigen) sprechen von UKW. Wer das aktuelle Gerangel um die neuen Radiokonzessionen mitverfolgt, erhält nicht eben den Eindruck, dass es sich bei der Ultrakurzwelle um eine dem Tod geweihte Technologie handelt.

Derweil dümpelt das digitale Radio vor sich hin. Wobei: Dümpeln auf hohem Niveau. Schliesslich nimmt die SRG nahezu im Wochentakt irgendwo in der Schweiz eine neu Antenne für die Verbreitung von DAB in Betrieb, demnächst ist die ganze Schweiz abgedeckt. Gleichzeitig stehen in den Fachgeschäften die Empfangsgeräte wie Blei in den Regalen. Damit wird das Verhältnis zwischen Abdeckung und Publikum immer absurder. Ein komplettes Sendernetz für ein paar tausend Zuhörer. Zählt überhaupt noch jemand die Millionen, die seit nun bald zehn Jahren investiert wurden um eine Totgeburt zum Leben zu erwecken?

In Deutschland und selbst im Vorzeigemarkt Grossbritannien zeigen die Daumen in Sachen DAB inzwischen nach unten. Im Januar hat die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten KEF entschieden, keine weiteren Mittel für die Weiterentwicklung von Digitalradio bereitzustellen. Geld gibt’s in Deutschland nur noch um den Betrieb in seiner heutigen Form aufrechtzuerhalten. Und in Grossbritannien hat die grösste private Radiogruppe GCap dem Digitalradio den Rücken gekehrt und konzentriert sich auf das Geschäft mit ihren UKW-Programmen.

Anders in der Schweiz: Anstatt endlich den Stecker zu ziehen und in aller Ruhe zu überlegen, was falsch gelaufen ist, wird hierzulande am absurden Digitalradio-Karussell munter weitergedreht. Vergangene Woche hat das Bundesamt für Kommunikation dem Konsortium Swissmediacast (Privatradios/SRG) die Funkkonzession für die Verbreitung von 18 weiteren Programmen erteilt.

Endlich echte Vielfalt, ist man versucht zu sagen. Dumm nur, dass die neuen Programme via DAB+ ausgestrahlt werden. Dieser neue Standard ist mit den heute handelsüblichen Geräten nicht kompatibel, und Radioempfänger für DAB+ gibt es erst ein paar wenige und zwar zu horrenden Preisen. In einem Jahr – bis dann müssen die Agglomerationen Bern, Basel und Zürich erschlossen sein – droht damit erneut das bekannte Szenario: Gerätehandel und Radioveranstalter schieben sich gegenseitig die Verantwortung für den ausbleibenden Erfolg zu.

Nick Lüthi ist Chefredaktor des Medienmagazins «Klartext»

von Nick Lüthi | Kategorie: Mediensatz

1 Bemerkung zu «Stecker ziehen»

  1. Gerätehandel und Radioveranstalter können aufatmen, eine gegenseitige Schuldzuweisung ist nicht nötig. Denn: Die Werbung ist Schuld. Diese lässigen Plakate in den ÖV mit den lässigen Gesichtern und den lässigen Sprüchen. Die hauen einem so was vom Hocker.

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