Ab ins Archiv

Nachdem verschiedene Indexe unser Leben bereichern, gibt es jetzt auch noch das Primeur-Ranking. Der «Schweizer Journalist» publiziert in seiner jüngsten Ausgabe eine Tabelle, aus der ersichtlich ist, wie oft sich die «wichtigsten 18 Medien» in der Schweiz innerhalb eines Monats gegenseitig zitiert haben. Mit 118 Nennungen liegt die «Sonntagszeitung» obenauf, «Finanz und Wirtschaft» kommt immerhin noch auf elf. «Aha, jetzt gibt’s also auch noch den Abschreibe-Index!» sagte ein Redaktionskollege zu dieser Errungenschaft.

Das gegenseitige Querbeet-Abschreiben ist in den letzten Jahren enorm vereinfacht worden. Früher musste man in mühsamer Kleinarbeit Handarchive anlegen und Zeitungsausschnitte nach irgend einer Logik ordnen. Da Journalisten in den seltensten Fällen systematische Schaffer sind, herrschte in solchen Archiven innert kürzester Zeit das grösste Chaos bis hin zur Unbrauchbarkeit.

Legendär sind die sogenannten Tischarchive in den Journalistenzimmern des Bundeshauses (als die Journis auch wirklich noch dort geduldet waren). Sie bestanden aus fast mannshohen Stapeln aus Zeitungen, Pressemitteilungen und grünen Bundesbotschaften, deren Vergilbungsfaktor proportional zur Stapelhöhe abnahm. Zuoberst war das Neueste, leicht greifbar, zuunterst das Älteste (der Sinn des Archivs) – für immer verloren, wollte man den Stapel nicht zum Einsturz bringen.

Doch heute gibt es gottseidank die Schweizer Mediendatenbank (SMD). Für Journalisten ist sie wichtiger als ein Hochschulabschluss, denn sie verkürzt den Arbeitstag ungemein. Im SMD-Archiv gibt man ein Passwort ein und dann ein paar Stichworte – z.B. CHURER POLIZEIGESETZ – und binnen einer Zehntelsekunde wird auf dem Präsentierteller all das serviert, was bisher in der vereinigten schweizerischen Blätterlandschaft dazu geschrieben worden ist.

Zum Beispiel auch der Artikel aus dem «Tages-Anzeiger», in dem ein origineller Journalist behauptet hat, dieses zur Volksabstimmung anstehende Polizeigesetz sei das repressivste der Schweiz. Das tönte so absolut, so zielsicher und so schön süffig, dass sehr viele Medien mit diesem Superlativ agierten, der dann, multipliziert auf ein Vielfaches, dauernd wieder in der SMD auftauchte.

Durch andauerndes Zitieren werden Gerüchte erhärtet, das ist eine Weisheit von alters her. Und erhärtete Gerüchte werden irgendwann zur Tatsache. Politiker beschworen in Streitgesprächen die drohende Churer Repression, aufrechte Sozialdemokraten riefen «Wehret den Anfängen», das Schweizer Farbfernsehen berichtete aus der Stadt, in der die eisernen Besen wischen, und bis tief hinein ins ferne Welschland rätselte man, ob durch Chur bald uniformierte Bürgerwehren marschieren würden.

Vielleicht hat das der Vorlage sogar geholfen, sie wurde angenommen. Vom «Schweizer Journalisten» sollte man also nicht nur eine Tabelle erwarten, die das gegenseitige Abschreiben quantifiziert, sondern auch noch eine, welche die Folgen dieses Tuns aufzeigt. Und die SMD müsste diese dann dringend in ihr Archiv nehmen.

Andrea Masüger ist Chefredaktor und VR-Delegierter der «Südostschweiz».

von Andrea Masüger | Kategorie: Mediensatz

21 Bemerkungen zu «Ab ins Archiv»

  1. Die boshafte Lesart dieses Kommentars wäre folgende: Journalisten waren schon immer faul und dumm, und sie haben früher nur deshalb weniger abgeschrieben, weil ihnen die technischen Hilfsmittel noch nicht zur Verfügung standen.

    Das arme Internet nun für den Kampagnen-Journalismus (oder einfach das ungefilterte Verbreiten von Gerüchten) verantwortlich zu machen, scheint mir doch etwas gar einfach (und erinnert mich an die Rudeljournalismus-Debatte, die hier kürzlich mal stattgefunden hat). Klar, es ist viel einfacher, von anderen abzuschreiben als früher – dafür ist es mit dem Netz auch viel einfacher, Gerüchte auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Während man früher nur eingeschränkten Zugang zu wenigen Quellen hatte, kann man heute die ganze Bandbreite des Angebotes durchforsten – wenn man denn will. Das Problem liegt also ganz sicher nicht beim erleichterten Zugang zu den Archiven (der ist im Gegenteil ein Segen), sondern beim Qualitätsbewusstsein gewisser Journalisten und Publikationen.

  2. bd:

    Ganz normale Selbstreferentialität ;)

  3. bd:

    Deswegen: nicht empören sondern abschreiben! ;)

  4. Markus Wiegand:

    Der Index gibt an, wie oft die Kollegen so ehrlich waren, ein anderes Medium zu zitieren. Dies wiederum ist ein Qualitätsausweis für das
    zitierte Medium. Schliesslich greift eine andere Redaktion auf eine Fremdleistung zu. Hat also mit Abschreibeindex gar nix zu tun, was wir im Schweizer Journalist künftig in jeder Ausgabe machen. Wäre allerdings interessant zu erfahren, wie oft die „Südostschweiz“ tatsächlich abschreibt. Sagen wir in einem Monat. Können Sie helfen, Herr Masüger?

  5. Andrea Masüger:

    Naja, lieber Herr Wiegand, es hat halt doch mit Abschreiben zu tun. Wenn die abgeschriebene Quelle angegeben wird – was löblich ist und nicht immer gemacht wird – heisst das noch lange nicht, dass das Abgeschriebene auch richtig ist. Man weiss nur, woher es stammt. Und nach dem x-ten Mal des Zitierens fällt die Ursprungsquelle ohnehin weg und das einst ungeprüfte Zitat wird zur Tatsache.

  6. Markus Wiegand:

    Klar, müssen die Redaktionen sauber arbeiten, Herr Masüger. Aber ich habe da ein gewisses Vertrauen. Sie zitieren ja als Blatt auch munter die anderen Titel. In den vergangenen vier Monaten laut SMD beispielsweise 6 mal die „Sonntagszeitung“. Nach meiner Einschätzung alles unverdächtig. Da wird aus (vermutlich) autorisierten Interviews zitiert, Berichte offiziell bestätigt. Die Mehrheit Ihrer CR-Kollegen findet den Index eher praktisch, jetzt müssen sie nicht mehr selbst suchen. Was dafür spricht, dass die Zitierungen als eine Art Währung eine gute Annäherung an die Realität sind. Aber ich akzeptiere natürlich auch die Mindermeinung. Herzlich.

  7. Bobby California:

    Toll – nach Imhof vs. Schuler wieder ein Kampf der Titanen! Es macht wirklich Spass, den Medienspiegel zu lesen! Leider ists diesmal eher ein Sturm im Wasserglas. Dazu ist folgendes anzumerken:

    1. Schreiben ist abschreiben, wie es ein Altmeister einst nüchtern auf den Punkt brachte.

    2. Wenn die Churer das Saufen in der Öffentlichkeit verbieten, brauchen sie sich nicht zu wundern, wenn sich die Medien der ganzen Schweiz dafür interessieren. Eine solche Vorschrift, egal ob sie gerechtfertigt ist oder nicht, als repressiv zu bezeichnen, ist korrekt, egal ob abgeschrieben oder nicht.

    3. Die Tendenz des «Schweizer Journalist», für alles Hitparaden zu erstellen, nervt je länger je mehr. Statt Hitparaden hätte ich lieber kritischen Medienjournalismus und hartes Nachfragen, beides vermisst man in diesem Branchenblatt bitter. Sogar wenn der Verlegernachwuchs sagt, sie sei dagegen, dass man in der «Südostschweiz» (womit wir wieder beim Thema wären) über Bücher und Ausstellungen «gratis» berichtet, lässt man das einfach so im Raum stehen.

    Darüber sollte man mal mit Herrn Masüger diskutieren – nicht übers Abschreiben.

  8. Markus Wiegand:

    Lieber Bobby California,
    wir bemühen uns beides zu machen: Unterhaltung und kritischen Journalismus.

    P.S.: Gehören Sie zu denen, die die Anonymität des Netzes vorziehen. Oder haben Sie auch einen richtigen Namen?

  9. Andrea Masüger:

    Lieber Bobby California, man sollte Interviews nicht immer allzu ernst nehmen. Die Realität sieht oft ein bisschen anders aus.

  10. Ralf Müller:

    @Markus Wiegand: Es gibt keine Anonymität im Internet. Aber manche sind klug genug, ein Pseudonym zu verwenden. Versuchen Sie doch sachlich zu bleiben anstatt mangels Argumenten die Personen hinter den Gegenargumenten anzugreifen!

  11. Markus Wiegand:

    Sorry, aber ich diskutiere prinzipiell nur mit Leuten, die sich nicht verstecken, wie dem geschätzten Kollegen Andrea Masüger. Das ist meine Mindestanforderung an Kritikfähigkeit und Transparenz. Bei einer
    harmlosen Diskussion wie dieser sollte das kein Problem sein. Dann argumentiere ich auch gerne wieder inhaltlich. Und Tschüss.

  12. Bobby California:

    Andrea Masüger > Umso besser, wenn das so ist. Ich wünsche Ihnen weiterhin viel Standfestigkeit im «Clinch» mit Frau Lebrument.

    Markus Wiegand > Ich diskutiere prinzipiell auch mit Leuten, die nicht wissen, wer meinen Internet-Namen erfunden hat. Obwohl das eigentlich zu meinen Mindestanforderungen an die Allgemeinbildung gehört. Ich gebe Ihnen noch eine Chance: Der Name stammt von einem Song des sträflich unterschätzten Curt Boettcher: «Changed my name to Bobby California… And I knew the sound of music makes people get high… yuppie-aye-ey…» Kaufen Sie alle Platten von Curt Boettcher, Sie werden es nicht bereuen.

    Verstecken tue ich mich nicht. Ich habe Ihnen meine Kritik auch schon (mit bescheidenem Effekt) direkt mitgeteilt, unter dem Namen, den meine Eltern erfunden haben. Ich würde das auch wieder tun, wenn es in Ihrem Periodikum noch eine Leserbriefseite geben würde.

  13. Markus Wiegand2:

    Leserbriefseite gibt es noch. Für alle die nicht anonym schreiben: jederzeit. Ich möchte übrigens zu gerne wissen, wer dieser Kerl ist, der
    hier unter meinem Namen eine Diskussion vom Zaun bricht. Das Original grüsst die Kopie.

  14. Können wir die Diskussion um Anonymität und Pseudonyme bitte „Facts 2.0“ bzw. Oliver Reichenstein überlassen? Danke!

  15. Ralf Müller:

    Typisch Journalisten: Sie feuern gerne Breitseiten ab, ertragen Kritik aber nicht, schon gar nicht, wenn der Kritiker intelligent genug ist, sich nicht namentlich ihren Breitseiten auszusetzen. Zum Glück geht diese Art von Journalismus den Bach runter, geniesst Euer Aussterben!

  16. Markus Wiegand:

    Lieber Ralf Müller,
    letzter Nachtrag zum Thema: 1. Wer seinen Namen nennt muss in diesem Land nicht mit Knast rechnen. 2. Er verschleiert seine Identität dennoch, was ihn inhaltlich unangreifbar macht. (Wäre es ehrlich, wenn ich hier unter Pseudonym den Schweizer Journalist verteidigen würde?) 3. Wer sagt eigentlich, dass gewisse Herrschaften (besonders im Kommerzbereich) nicht fürs Loben und stänkern bezahlt werden? Niemand. Eben!

  17. Bobby California:

    Die Diskussion pro/contra Pseudonyme überlasse ich gerne, wie Martin Hitz das vorschlägt, dem Facts zweinull. Aber dass man Leuten, die im Internet ein Pseudonym verwenden (also auch mir), jetzt noch unterstellt, wir seien (bezw. ich sei) käuflich, finde ich mit Verlaub ziemlich absurd. Wer sollte denn ein Interesse haben, den «Schweizer Journalist» anzuschwärzen? Die böse Konkurrenz? Vielleicht die Redaktion des «Klartext»? Da lachen die Hühner.

    Beim Medienspiegel haben sich übers Wochenende zwei Schreiber gemeldet, die behaupten, Markus Wiegand zu heissen. Wer ist denn hier eigentlich der «echte Wiegand»? Vielleicht könnte der geschätzte Admin das mit geringem Aufwand herausfinden und den falschen Wiegand rausschmeissen. Es geht immerhin um eine semi-prominente Person.

    Bisher blieb man beim Medienspiegel glücklicherweise vor Leuten verschont, die den Namen einer real existierenden Person missbrauchen. *Das* sind Mätzchen, die es verdienen, dass man sie anprangert.

  18. Hier spricht der „geschätzte Admin“: Da hat sich meines Wissens Markus Wiegand selbst einen kleinen Scherz erlaubt. Ich schlage vor, wir haken dieses Thema nun ab. Danke!

  19. Oliver:

    Richtig.

    Mich würde aber betreffend der „Journalist“-Liste folgendes interessieren:

    Die Argus-Auswertung zeigt ja lediglich, wie oft ein Medium in einem anderen Medium zitiert worden ist. Die Liste macht aber keine Aussage darüber, in welchem Kontext eine Zeitung eine anderen Zeitung zitiert.

    Denkbar wäre ja folgendes (fiktive) Zitat:

    „Die Kosten sollen 5 Millionen Franken betragen haben, wie die zeitung „XYZ“ berichtete. Diese Zahl hat sich nun als falsch heraus gestellt.“

    Oder so ähnlich jedenfalls.

    Mein Frage: Würde eine solche Zitierung auch in die Liste aufgenommen? Das wäre ja dann kaum mehr ein „Qualitätsausweis für das zitierte Medium“? Oder täusche ich mich da?

    Überhaupt stelle ich jetzt einfach Mal die Behauptung in den Raum, dass es dem Leser ziemlich piepegal ist, wie oft „seine“ Zeitung in anderen Medien zitiert wird. Der Leser ist doch in erster Linie an guten Geschichten interessiert. Und dazu gehören auch Stücke, etwa Reportagen oder Features, die – anders als reine Nachrichtentexte – kaum von den Medien aufgenommen wurden.

    Diskussion erwünscht!

  20. Bobby California:

    Oliver > Sehr richtig! Aber man will uns ja eben mit möglichst vielen Hitparaden abfüttern, und das wäre vermutlich ein bisschen schwieriger mit Reportagen und Features!

  21. Markus Wiegand:

    Nein, nein. Der Kontext der Zitierung wird beachtet. Ausserdem sind Rankings bei uns der kleinste Teil des Inhalts. Diese allerdings werden stark beachtet. Diese Diskussion zeigt es.

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