Regionalzeitungsbrei

Auch Nachbar Ugugu vom «Journalistenschredder» ist aufgefallen, «dass der Bericht aus Tel Aviv oder Buenos Aires in bald allen Schweizer [Regional]Zeitungen vom gleichen Journalisten oder der gleichen Journalistin verfasst ist».

Verleger, die Lokalzeitung um Lokalzeitung zusammenkauften, bräuchten einzig noch

    «ein paar Lokaldeppen Lokaljournalisten, um den Anschein einer in der Region verankerten Zeitung gegen aussen zu wahren. Selbstverständlich lassen sich jetzt auch deren Löhne besser drücken, da es nun kaum noch regulär verdienende Auslandreporter mehr gibt. Und die wenig übrig gebliebenen Lokalreporter lassen sich zur Not auch noch um ein paar Billigst-Löhnern ergänzen: Beliebt etwa sind Studenten, die später <irgendwas mit Medien> machen wollen, oder Tanjaanjas die ein paar Artikel später in die PR-Branche wechseln, wo der gleiche Textmüll immerhin halbwegs existenzsichernd entlöhnt wird».

Gut gebrüllt, Ugugu!

von Martin Hitz

11 Bemerkungen zu «Regionalzeitungsbrei»

  1. Bobby California:

    Not so fast.

    Es ist einfach, Journalisten als Deppen oder mit frauenfeindlichen Ausdrücken zu bezeichnen. Vielleicht finden das sogar ein paar Leute lustig. Ich finde Ugugus Analyse hingegen ziemlich billig.

    Ich gebe jederzeit gerne zu, dass ich ein paar Jahre lang als Lokaljournalist gearbeitet habe. Hätte sich Ugugu die Mühe gemacht, mit einem Lokaljournalisten zu sprechen, bevor er sein Schnellschüsschen ins Cyberspace gejagt hat, wäre er vielleicht zu anderen Schlüssen gekommen. Aber eben, das ist immer noch das Kennzeichen (zu) vieler Blogs: Man macht sich im stillen Kämmerchen seinen Reim auf irgendwas, von dem man nicht allzu viel versteht, und ab geht die Post (der Medienspiegel ist da eine wohltuende Ausnahme, jedenfalls wenn er nicht gerade Ugugu zitiert).

    Selbstverständlich kauft niemand (ausser Leute mit niedrigen Ansprüchen) eine Lokalzeitung wegen des Mantelteils. Also kümmerts kaum jemanden, wer die Auslandberichte verfasst hat. Natürlich sind Sparmassnahmen immer unsympathisch. Aber mit Lokalzeitungen lässt sich heute nicht mehr viel Geld verdienen. Das Kopfblattsystem und die Fusion von Mantelredaktionen sind nicht dafür erfunden worden, um den Aktionären noch fettere Gewinne zu verschaffen, sondern schlicht und einfach notwendig, um das Überleben der Blätter zu sichern.

    Die Stärke der Lokalzeitung ist natürlich der Lokalteil. Und da sind immer noch viele Leute mit viel Herzblut an der Arbeit (siehe zB die Arbeiten, die beim BZ-Preis für Lokaljournalismus ausgezeichnet wurden). Der Lohn ist übrigens nicht so schlecht.

    Leider wurden tatsächlich in den Lokalredaktionen viele Stellen gestrichen (abgesehen davon, dass der Tagi ein paar Lokalredaktionen aus dem Boden gestampft hat). Als Einstieg in den Journalismus ist die Arbeit im Lokalteil dennoch immer noch unschlagbar. Und diese Arbeit macht ein paar Jahre lang auch ziemlich Spass.

    Ja, ich kenne auch Leute, die vom Lokaljournalismus in die Kommunikationsbranche umgestiegen sind. Sie heissen aber weder Tanja noch Anja. Und sie haben (im Gegensatz zu Ugugu) auch nie «Textmüll» verfasst, weder als Lokaljournalist/innen noch in der Kommunikationsbranche.

    Können gewisse Blogger sich nur dann gut fühlen, wenn sie andere verunglimpfen, ohne sich vorher schlau zu machen über das Thema, das sie sich vorgeknöpft haben?

  2. (Disclaimer: Noch mehr Textmüll)

    Bobby California, sie haben aber knallharte Qualitätskriterien. Gut so. Dabei vergessen sie vielleicht ein wenig, dass es vielen Bloggern nicht in erster Linie darum geht, Preise in Lokaljournalismus abzuräumen.

    Ich glaube es ist an der Zeit an Journalistenschulen das Fach “Ironie” einzuführen: Es geht mir nämlich eher um die Feststellung, dass Lokaljournalisten zu “Deppen” gemacht werden – indem seit Jahren auf wirtschaftliche Zwänge verwiesen wird. Nicht immer zu unrecht, klar, wirtschaftliche Aufschwünge gehen an Lokaljournalisten jedoch seit mindestens einer Dekade komplett vorbei. In den kommenden Monaten dürfte sich das Gejammere wieder massiv verschärfen. Es gibt nichts zu beschönigen: Viele Verleger sind Heulsusen.

    Herr oder Frau Ugugu ist alles andere als ein verkappter Frauenfeind: Wie könnte er, glaubt er oder sie doch Stur ans Prinzip “gleicher Lohn für gleiche Arbeit”, welches gerade in vielen dieser Mantel- Aussenredaktionen im Vergleich zur Zentrale immer mehr ins Wanken gerät. Ich empfehle Bobby California dazu mal eine kleine Umfrage in seinem Bekanntenkreis zu starten.

    Um meine Quellen würde ich mir zudem keine allzu grossen Sorgen machen. Viele davon sind jedoch nicht in dieses Business eingestiegen, als Zeitungen noch fette Schlachtrösser waren. Ich behaupte, sie haben eine durchaus realistische Sicht auf den Zustand des heutigen Journalismus.

    Während Bobby California damals noch Zeit hatte, beim umschreiben der Polizeimeldung sein journalistisches Gespür auszubilden, brüten seine Nachkommen über Unternehmens-Steuerreformen, um nach einer kurzen Google-Recherche den ersten Kommentar abzusetzen.

    (Bildmaterial? Klar Chef, geh mal kurz die Firma gegenüber knippsen, während dem Downloaden der Bilder gibts ja locker ein Zeitfenster von 20 Minuten, um den Kommentar reinzuhacken…)

  3. Bobby California:

    Ugugu > Gleichen Lohn für die Arbeit in der «1. Liga» wie in der «Nationalliga A» zu fordern, ist blauäugig. Eine Lokalredaktion ist eben ein Trainingscamp – nicht mehr und nicht weniger. Wer kann, springt nach ein paar Jahren ab. Wer gut verdienen will, verdingt sich in einer PR-Agentur, klar, dort ist das Geld, während die Aktionäre der Lokalzeitungen eben nicht reich werden – sonst gäbe es davon immer mehr und nicht immer weniger.

    So alt bin ich übrigens nicht. Als ich anfing, habe ich die Grafiken im Geschäftsbericht mit eigenen Augen gesehen, die zeigten, wie der Personalbestand auf der Redaktion steil bergab ging und die Produktivitätskurve der verbliebenen Angestellten gleichzeitig steil bergauf zeigte. Wohlgemerkt: Diese Umstrukturierung fand statt, bevor ich angestellt wurde.

    Pro Tag mussten wir zu zweit anderthalb Seiten füllen, wenn wir das nicht schafften (und in der Sauregurkenzeit war das unmöglich), also wenn wir das nicht schafften, gabs einen Rüffel, die Qualität der Texte interessierte kein Schwein. Deshalb fühlte ich mich noch lange nicht als Depp – die Produktionsbedingungen im Lokalbereich sind heute eben so. Vorher machte das Blatt Millionenverluste. Niemand will mit einer Zeitung Geld verlieren. Auch die Tamedia kann sich sowas nur vorübergehend leisten.

    Die knallharten Rationalisierungsmassnahmen hinderten gewisse Kollegen nicht daran, stundenlang in der Redaktionsstube gemütlich zu gamen…

  4. Tanjaanja:

    Also ich als ehemalige Lokaljournalistin fand Ugugus Analyse unterhaltsam und lustig zu lesen, keineswegs verunglimpfend. Nur dass er so wenig Auswahl geboten hat für das Feedback an die Herren Chefredaktoren – da fehlte doch mindestens eine Hundertschaft – das war dann doch ein wenig schnell hingeblöggt. Wer will schon Fanpost von Gottlieb F. Höpli, der bereits heute von seinem mediokren Ämtli Abschied in Raten nimmt?

  5. Danke Bobby…
    Immerhin bestätigst du jetzt indirekt meinen Befund. Das Du unterdessen in die Nationalliga A, bzw. Super-League aufgestiegen bist, sei dir gegönnt. Das was deine Nachkommen, denen dieser Aufstieg je länger desto schwieriger gelingen will, gewaltig nervt, sind altgediente Redakteure, die von den guten alten Zeiten schwärmen und sich gleichzeitig auf den eigenen Loorberen ausruhen.

    Ich behaupte jetzt einfach mal, viele Lokalredaktionen liessen sich von heute auf morgen lahm legen, um bessere Arbeitsbedingungen durchzusetzen, wenn sich die Jungen dabei auf die Solidarität der alten Kämpen verlassen könnten.

    Daran wird sich vermutlich aber nicht so schnell etwas ändern, genauso wenig wie sich David Beckham für bessere Arbeitsbedingungen beim FC Thun einsetzen wird, obwohl er selbst unterdessen nicht einmal mehr auf FC-Thun-Niveau spielt.

  6. Anonymous:

    Das mit den Auslandreportern stimmt auch. Der China-Korrespondent der Ringier-Presse zum Beispiel ist ein Sprachschüler, der ab und zu für die Ringier-Presse schreibt und wenn er nicht gerade chinesische Zeichen büffelt, sich mit peinlichen Blogtexten blamiert. Kein Wunder stirbt die Totholzpresse aus!

  7. Anonymous:

    Sorry das sollte nicht Anonymous sein. Ich versuche es nochmals. Vielleicht ein Fehler im System.

  8. Bobby California:

    Ugugu > Ich schwärme nicht von den guten alten Zeiten – im Gegenteil, ich sagte ja, dass die Arbeitsbedingungen im Lokaljournalismus suboptimal sind. In diesem Punkt bin ich völlig einverstanden mit Dir.

    Aber es wäre illusorisch, die Arbeitsbedingungen ändern zu wollen. Wenn man mehr Personal anstellen würde, wäre man subito wieder in den roten Zahlen, und dann gäbe es gar keine Lokalzeitungen mehr. Die wirtschaftliche Realität lässt sich mit noch so viel Solidarität nicht ändern. Es bleibt dabei: Der Lokaljournalismus ist ein hervorragendes Trainingscamp für Jungjournalisten, und ein paar Jahre lang macht der Job durchaus Spass.

    In Deutschland arbeiten die Lokaljournalisten für Praktikantenlöhne und müssen jeden Abend über eine Veranstaltung berichten – von solchen Zuständen sind Schweizer Lokaljournalisten meilenweit entfernt.

    Der Ausstieg aus dem Lokaljournalismus war übrigens auch für mich viel schwieriger, als ich mir das vorgestellt hatte. Niemand schreit Hurra, wenn sich ein Lokaljournalist für eine Stelle in der Nationalliga A oder B bewirbt. Da musst Du halt mal kurz auf die Hinterbeine stehen!

  9. Bobby, du wirst mir immer sympathischer. Jetzt musst du mir nur noch glauben, dass die Standardausrede von den “deutschen Verhältnissen” längst nicht mehr zieht, weil wir von deutschen Verhältnissen längst nicht mehr so weit entfernt sind, wie du glaubst.

    Mit bessere Arbeitsbedingungen durchsetzen meinte ich eigentlich eher eine Annäherung an die 50-Stunden-Woche. Im übrigen bin ich davon überzeugt, dass es für den Journalismus besser ist, wenn ein gewisses Lohnniveau gar nicht überschritten wird, aber eben auch nicht unterschritten.

  10. @Anonymous der nicht Anonym sein will.

    Bezüglich Herr Lu Hai Ru beim Blick muss ich ihnen widersprechen. Ich finde seine Alltagsgeschichten aus China durchaus unterhaltsam. Unter den Blick-Blogs ist es zumindest das mit Abstand vielversprechendste Blog. Allerdings ist sein persönliches Blog fast noch besser ;-)

    Klar kann ein solches Blog nicht eine seriöse, politische China-Berichterstattung ersetzen. Ich persönlich lese jedoch lieber sowas als eine Opernbesprechung im NZZ-Feuilleton.

  11. Da muss ich mich Ugugu anschliessen: Als Old China Hand finde ich den Chinablog auch sehr unterhaltend. Der “Blick”-Blog des jungen Mannes war mir bis heute hingegen nicht bekannt.

    Nicht dass ich es Lu Hairui nicht gönnen würde: Aber ob man sich ohne Sprachkenntnisse gleich als Auslandkorrespondent betätigen soll? Andererseits: “Cash daily” ist nicht das einzige Blatt, das so verfährt. Ich kenne da noch andere “Qualitätsmedien” …

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