«NZZ»-Medienbeilage vom 29. Februar 2008

Rainer Stadler sieht schwarz für den «Blick» – Relaunch vom kommenden Dienstag hin oder her:

    «Die Frage, ob das Blatt – gemäss dem derzeit beliebten Chefrezept – wie ein Magazin aufgemacht werden soll, bleibt sekundär. Alle Pressetitel wollen sich in der bunt bis schrill gewordenen Medienwelt hübsch anziehen. Seit dem Abgang des linkskatholischen Chefredaktors Werner de Schepper vor einem Jahr ist der «Blick» jedenfalls politisch braver und unauffälliger geworden. Sex und Verbrechen spielen wieder die erste Geige. Man darf daran zweifeln, dass so der Weg zum Erfolg näher rückt. […] Und nicht zuletzt haben die meisten Tageszeitungen, die einst mit Abscheu auf die Tätigkeiten des hiesigen Boulevard-Pioniers blickten, ihre Tore längst weit geöffnet. Es ist schwieriger geworden, im Medienlärm noch aufzufallen»

Ob sich ausserhalb des Medienklüngels überhaupt jemand für den «Blick»-Relaunch interessiert?

«Das Klima im US-Blätterwald wird wieder rauer», schreibt Stadler im mit «<New York Times> im Gegenwind» übertitelten Artikel. Wie lange es wohl noch dauert, bis der eisige Wind durchs hiesige Gehölz zieht?

Etwas danebengehauen hat Sabine Pamperrien in ihrem Artikel zum politischen Einfluss von Weblogs in den USA. Ausgerechnet die These, Blogs würden sich im deutschsprachigen Raum immer noch «im Entwicklungszustand des Kleinkinds beim Zahnwechsel» befinden, untermauert die Autorin mit kreuzfalschen Zahlen:

    «Selbst das deutsche Top-Blog schlechthin, Bildblog.de, verzeichnet gerade einmal etwa 20’000 Zugriffe im Monat.»

Vielleicht ja nur ein Druckfehler, denn sogar das Medienspieglein ist von diesem Traffic nicht allzu weit entfernt (Zahlen zum «BILDblog» gibt’s übrigens hier).

Update, 1. März 2008: Über Sabine Pamperriens Missgriff ganz besonders aufgeregt haben sich die Werker von der «Medienlese».

von Martin Hitz | Kategorie: Medienschau

7 Bemerkungen zu ««NZZ»-Medienbeilage vom 29. Februar 2008»

  1. Bobby California:

    Tja, wie lange dauerts noch, bis der eisige Wind kommt? Täusche ich mich, oder manifestiert sich in diesen symbolschwangeren Worten eine klammheimliche Vorfreude auf das kommende Ende der auf ermordete Bäume gedruckten Tageszeitung?

    Dazu passt, dass die Finanzhaie, die wieder einen Angriff auf die New York Times gestartet haben, sich «Harbinger» nennen («Omen» auf deutsch). Wie die Amis sagen: Be careful what you wish for, you might get it!

    Es gibt schon heute zuviele Leute, die offen zugeben, dass sie nicht Bescheid wissen über das politische Geschehen, und wenn man sich nach ihrem Medienkonsum interessiert, erfährt man, dass sie nur Gratisblättli lesen. Von nichts ( = Gratisblättli) kommt nichts (= politisches Desinteresse).

  2. Nein, nein, nein! Das hat überhaupt nichts mit Vorfreude zu tun. Ich wiederhole es gerne noch einmal: Ich kann und will auf die gedruckte Zeitung nicht verzichten (das ist aber vielleicht auch eine Frage des Alters). Ich frage mich nur, ob sich die Verlage angesichts der (bis vor kurzem?) blühenden Konjunktur nicht allzu sehr in Sicherheit wiegen. Die nächste Rezession kommt ja bestimmt, und sie dürfte einige Verlage besonders schwer treffen. Und da frage ich mich schon, ob gerade die in Gratiszeitungsprojekte gepumpten Millionen nicht etwas weitsichtiger hätten investiert werden können. Und schon wären wir wieder bei den „baumfreien“ Erzeugnissen angelangt. Sorry ;-)

  3. Frau Pamperrrien singt mal wieder die alte Leier von den USA und der Irrelevanz von Blogs bei uns. (Was ja nicht ganze falsch ist, aber längst auch nicht mehr ganz richtig). Und dann bin ich gerade am Rätseln wie ich diesen Satz genau verstehen soll:

    „Ein Blick auf das Technorati-Ranking zeigt (nicht repräsentativ), dass in Deutschland und der Schweiz etwa 10 politische Blogs unter den populärsten 100 sind.“

    Erstens check ich nicht, wo die bei Technorati nachgeschaut hat? Also in Deutschland oder der Schweiz oder beides zusammen? *verwirrrt*
    Immerhin ist die Aussage ’nicht repräsentativ‘. Ich würde sogar sagen, die Aussage ist Quatsch.

  4. Also besonders geschäumt hab ich jetzt nicht, aber es stört schon, wenn die NZZ a) falsche Fakten verbreitet, daraus b) im Artikel falsche Schlüsse zieht und damit c) das bei den Lesern sowieso vorhandene Vorurteil, Blogs seien nicht nur inhaltlich, sondern auch reichweitenmässig irrelevant, zementiert.

    Fehler können passieren, aber man sollte zu ihnen stehen. Und sie korrigieren.

  5. ras:

    Also bitte, was für eine Aufregung. Wir haben bei der NZZ keine falschen Schlüsse gezogen, aber eine falsche Zahl publiziert. Das werde ich natürlich korrgieren, wie ich immer Fehler korrigiere, wenn ich darauf hingewiesen werde. Insofern: Danke, lieber Medienspiegel.

  6. @ras: Hm, ich bin mir da nicht so sicher, ob keine falschen Schlüsse gezogen wurden. Frau Pamperrien schreibt:

    „Wenn vor zwei Jahren im deutschen Wahlkampf die Rede davon war, dass die Blogosphäre sich im Entwicklungszustand des Kleinkinds beim Zahnwechsel befinde, so hat sich daran bis heute nicht viel geändert.“

    Zudem wird pauschal behauptet, die Zugriffszahlen von Blogs seien gering. Was auch immer „geringe“ Zugriffszahlen sind – viele Blogs haben ihre in diesen zwei Jahren vervielfacht.

    Ich könnte mir vorstellen, dass die Schreiberin zu dieser Aussage gekommen ist, da die Zugriffszahlen von bildblog.de (mind. 50’000/Tag statt 20’000/Monat) etwa um den Faktor 75 zu klein eingeschätzt wurden.

  7. Update: Die NZZ korrigiert die Zahl online, herausgekommen ist nun Faktor 65. Den Artikel bei medienlese.com habe ich hier mit den zusätzlichen Informationen erweitert.

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