Ausstiegsberatung für Medienschaffende

Es ist nicht einfacher aus der Medienbranche auszusteigen als aus der Scientology-Sekte. Denn auch Medienschaffende fallen nach dem Ausstieg oft in ein tiefes psychisches Loch: Plötzlich bleiben Einladungen zu Glamour-Events aus, es treffen keine PR-Geschenke mehr ein, der Einfluss auf die Macht schwindet und das mühsam aufgebaute Sozial-Prestige fällt in den Keller.

Trotzdem ist jetzt ein guter Moment, dem Medienbetrieb Lebewohl zu sagen. Denn es könnte die letzte Gelegenheit sein, sich noch würdevoll zurückzuziehen, bevor der Ausstieg unfreiwillig geschieht. Ich gebe zwar zu, kaum etwas von Volkswirtschaft zu verstehen. Um die Vorboten der der Rezession zu erkennen, braucht es aber keinen Nobelpreis in Ökonomie:

Erstes und eindeutiges Indiz für den baldigen Konjunkturabsturz: TeleZüri hat wieder eine Börsensendung. Erfahrungsgemäss steht die Börsen-Blase kurz vor dem Platzen, wenn die TeleZüri-Zuschauer beginnen, ihr Geld in Aktien zu investieren. Dies belegt der Swiss Market Index (SMI). Er hat seit dem Start der Sendung «BörsenTrend» am 5. Oktober 2007 rund 22 Prozent an Wert verloren.

Zweitens hat die UBS aufgrund der Kreditkrise bis jetzt 21 Milliarden Franken abgeschrieben. Nur mal so zum Vergleich: Mit diesem Geld könnte man die Saläre aller rund 2000 Mitarbeiter der Tamedia während den nächsten 64 Jahren bezahlen (Basis: Geschäftsbericht 2006).

Drittens kühlt sich das Wachstum des Online-Werbemarktes ab. Google konnte seine Umsatzziele nicht erreichen. Aber fast noch beängstigender ist die Tatsache, dass Microsoft mit dem Kauf von Yahoo gross in den Online-Werbemarkt einsteigen möchte. Microsoft investiert immer wieder gerne zu viel Geld in Trends und Technologien, die schon bei der Produkt-Lancierung veraltet sind. Wird den Online-Werbermarkt ein ähnliches Schicksal ereilen wie MS-DOS 4, Windows ME, Vista, MSNBC oder Clippy die sprechende Büroklammer (R.I.P.)?

Die Medienbranche trifft’s immer zuerst

Wenn die Konjunktur stottert, sparen vernünftige Unternehmen bei den Werbeausgaben. Die Medien trifft eine Rezession deshalb immer zuerst. Drum empfehle ich Ihnen, liebe Medienschaffende: Lieber heute stolz durch die Vordertüre rausgehen, als in ein paar Monaten durch den Hinterausgang entsorgt werden. Aber was sind die Alternativen?

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Hier ein paar Tipps für krisenresistente Tätigkeiten:

  • Nehmen Sie Ihr abgebrochenes Publizistikstudium wieder auf.
  • Suchen Sie einen Job in antizyklischen Branchen wie dem Konkurswesen, dem Porsche-Occasionsgewerbe oder dem Handel mit Alkoholika.
  • Bewerben Sie sich bei der Sendung «JobTV», die die Börsensendung auf TeleZüri demnächst wieder ersetzen wird.
  • Für Wirtschaftsjournalisten: Nutzen Sie die Zeit und lernen Sie doch mal, wie man einen Geschäftsbericht liest.
  • Investieren Sie in Bildagenturen mit grossem Portfolio an Fotos von traurigen, verzweifelten, wütenden, entsetzten Börsenhändlern.

Am allerwichtigsten aber: Denken Sie positiv und glauben Sie an sich! Auch Sie können aus der Medienbranche aussteigen und vielleicht sogar mal etwas Rechtes tun.

Der unmündige Leser ist bereits vor über einem Jahr aus der Medienbranche ausgestiegen, als er den Betrieb seines Webportals Pendlerblog einstellte. Für eine individuelle Beratung zum Medienausstieg wenden Sie sich unverbindlich an pendlerblog@gmx.ch.

von Der unmündige Leser | Kategorie: Mediensatz

5 Bemerkungen zu «Ausstiegsberatung für Medienschaffende»

  1. Zum Beispiel in die PR-Branche wechseln, aber das ist heutzutage auch kein grosser Unterschied mehr…

  2. Da irrst Du Dich aber, Ugugu! Schliesslich werden bei grossen Krisen immer PR-Leute vorgeschoben, welche die Fehler der grossen Bosse verschwachschwatzen sollen. Und ausserdem brauchen die Verlage (noch) mehr PR-Texte, um ihre Blätter zu füllen, wenn alle Journalisten zur Hintertür rausgeschlichen sind…

  3. Darf ich hier mal öffentlich Kotzen, ohne dass Martin gleich wieder nach „law and order“ rufen muss? Als Journalist würden sich mir ab Danielas Aussagen die Nackenhaare sträuben. Daniela, wenn Du deinen Seiltanz zwischen PR und Journalismus aufführen willst, sei dir dies unbenommen. Solange es klar deklariert ist, habe ich damit kein Problem. Mit Journalismus hat das ganze jedoch nichts, aber überhaupt nichts zu tun. Ich hätte dir übrigens gerade noch ein „Jöbli“

  4. Schön, wenn ugugu in einer Welt leben kann, die schwarz-weiss-gemalt ist. Mag ich Dir gönnen. Wäre jedoch nichts für mich, ich weiss lieber, dass die Realität nicht so einfach ist und der Journalismus längst nicht so ein edler Beruf, wie manche ihn gern hätten. Denn dieses Wissen verhindert, dass ich mich zu ähnlichen Aussagen wie den Deinen hinreissen lasse.

    Dasselbe gilt übrigens auch für Deinen Kommentar auf dem Blog mit PEP. In Wahrheit wird auch Dein Bloggen von irgendjemand bezahlt. Sei es von Deinem Arbeitgeber, wenn Du während den Arbeitszeiten bloggst oder von Deiner Familie, wenn Du es in Deiner Freizeit tust. Ich blogge jedenfalls nicht auf Kosten anderer, also ist es eine Frage der Perspektive, wer wen für wieviel verkauft.

    Und ich bin überhaupt nicht traurig, wenn niemand meinen Blog ernst nimmt, im Gegenteil. Denn die Realität (siehe oben) ist ernst genug. Da lob ich mir die kreativen Spielwiesen, auch wenn sie bereits durch den schnöden Mammon infisziert sind ;-)

  5. Moment, Daniela. Die Welt ist nicht schwarz und weiss. Nur gibt es eben gewisse Spielregeln die ein Journalist einhalten sollte, wenn er sich Journalist nennen will. Dass es Leute gibt, denen es noch so recht ist, wenn sich die Grenzen zwischen Journalismus und PR mehr und mehr verwischen, weil für sie dazwischen auch noch ein paar Brosamen abfallen, ist traurig genug.

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